Verwirrend viele Schilder regeln in Ehningen den Verkehr: An der Nordwestlichen Randstraße hat jeder Vorfahrt. Foto: factum/Granville

Aufgelesen im Kreis: Süßes und Saures. Diese Woche kommen zwar die Radfahrer nicht voran, aber dafür die Rathäuser.

Ehningen - Ehningen tritt auf der Stelle. Seit mehr als einem Jahr schon sucht die Kommune nach ihrer Identität. Dafür wurde sogar extra eine Kommission mit Vertretern aus allen möglichen Kreisen eingesetzt. Offenbar stockt der Prozess, sodass nun jeder einzelne Bürger befragt werden soll, was den Ort ausmacht. Dabei hat Ehningen durchaus eine Neigung zur Kreativität. Sie scheint aber eben an der falschen Stelle ausgeübt zu werden – mit durchaus bremsender Wirkung. An der Nordwestlichen Randstraße kommen nämlich weder Fahrrad- noch Autofahrer voran: Sie müssen sich ständig gegenseitig die Vorfahrt gewähren. Ein hübscher Schilderwald wurde dort aufgeforstet.

Allein drei der auf dem Kopf stehenden Dreiecke mit dem roten Rand stehen an der Einmündung zum Grubstockweg. Matthias N. aus Gärtringen hat es genau dokumentiert: Der Radweg in Richtung Ehningen hat ein Schild mit Vorfahrt gewähren, der Radweg in Richtung Gärtringen ebenfalls, außerdem steht dieses Schild direkt an der Randstraße, weshalb auch die Autofahrer die Vorfahrt aus der Grubstockweg gewähren müssen. Aber der Grubstockweg hat sein eigenes Vorfahrt-gewähren-Schild. „Jeder muss hier die Vorfahrt des anderen gewähren“, schreibt Matthias N. und fragt: „Aber wer darf dann fahren?“ An der Einmündung Steinwerkstraße hat ebenfalls ein Wald aus vier dreieckigen Schildern Wurzeln geschlagen.

Besserwisser ausgebremst

Womöglich sind die Signale aufgestellt worden, damit Gärtringer wie Matthias N. nicht einfach flott nach Ehningen radeln können und dort dann immer alles besser wissen. Der Leser hatte schon im vergangenen Jahr den ideenreichen Umgang der Verwaltung mit der Beschilderung aufgedeckt: Damals waren kleine weiße Schilder mit schwarzen Fahrrädern im Ort aufgetaucht, die es gar nicht im offiziellen Verkehrszeichenkatalog gibt. Bei dem neuerlichen Eingriff ins Verkehrsrecht könnte sich auch um einen Versuch handeln, mehr Höflichkeit auf der Straße zu erzwingen. Wenn alle anhalten müssen, sind die Verkehrsteilnehmer dazu gezwungen, sich untereinander abzusprechen. Aber wie die Suche nach der Corporate Identity zeigt, kommt man mit zu viel Gequatsche nicht wirklich schnell ans Ziel.

„Ein wirklich schönes Signal“ hat dagegen Böblingen daletzt nach Sindelfingen gesendet. Die Böblinger haben nach drei Jahre offenbar der Sache (Schulsozialarbeit ist sinnvoll) und nicht dem Prinzip (an Böblinger Gymnasien gibt es keine Schulsozialarbeit) die Vorfahrt gewährt: Sie beteiligen sich nach jahrelanger Diskussion nun doch an den Kosten für die Schulsozialarbeit am Goldberg-Gymnasium. Damit ist die Beziehung ein großes Stück voran gekommen. Normalerweise nennen die Sindelfinger seit der Abwahl von Wolfgang Lützner die Ursache allen Übels immer beim Namen. Dieses Mal verzichten sie darauf: Der Finanzbürgermeister Christian Gangl wiederholte im Gemeinderat nur seine Worte, dass es sich „um ein schönes Signal aus Böblingen“ handle. Dessen Gemeinderat hatte die Beteiligung auch am 31. März abgesegnet, also vor der Amtsübernahme von Stefan Belz.

Friedlichste Stadt im Kreis: Mötzingen

Man darf sich jedoch nichts vormachen: Die friedlichste Stadt liegt anderswo im Kreis Böblingen. Diesen Titel darf Mötzingen für sich beanspruchen. In keiner anderen Gemeinde werden weniger Straftaten verübt. Mit nur 60 Delikten herrscht dort eine so geringe kriminelle Energie, dass weder Verkehrsschilder erfunden noch widerrechtlich aufgestellt werden. Und über die Finanzierung der Schulsozialarbeit muss sich niemand streiten, da sie anscheinend Wirkung zeigt. Unter den Straftätern waren nämlich weder Kinder noch Jugendliche. Besorgnis erregend fand der Revierleiter vor allem, dass die Zahl der Wohnungseinbrüche von zwei auf fünf gestiegen ist. Ein Grund könne die Umgehungsstraße sein, mutmaßte er: „Da ist man schnell überall, und Mötzingen liegt an der Kreisgrenze“, sandte er ein eher unfreundliches Signal ins benachbarte Nagold. Vielleicht sollte das Rathaus deshalb endlich Zeichen setzen – ganz nach dem Vorbild des Ehninger Schilderwalds.

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