Liberale und konservative Verkehrspolitiker berauschen sich an einer neuen Designer-Droge, die unter dem Namen E-Fuels beworben wird. Allerdings ist der begehrte Stoff bis jetzt gar nicht so leicht zu bekommen.
Das Adjektiv synthetisch hatte lange keinen guten Ruf. Wer in den Wirtschaftswunderjahren eines der ersten Hemden aus synthetischen Fasern ergatterte, war schon aus zehn Metern Entfernung an den Schweißflecken unter seinen Achseln zu erkennen. Synthetische Zusatzstoffe in Lebensmitteln sind bei Verbrauchern ebenfalls nicht sonderlich beliebt und wurden daher von vielen Herstellern durch „naturidentische“ Zutaten ersetzt – was nicht bedeutet, dass sie tatsächlich aus der Natur stammen.
Auf der anderen Seite ist es schon faszinierend, was Chemiker so alles synthetisieren können, wobei sie Atome und Moleküle so geschickt zusammenbasteln, dass diese am Ende genau das tun, was die Hersteller ganz unterschiedlicher Produkte wünschen. Das beschert uns auf der einen Seite neue Arzneimittel oder Klebstoffe – auf der anderen aber auch einen weiter wachsenden Berg aus Plastikmüll. Aber auch dafür wird sich eines Tages vielleicht eine (chemische) Lösung finden.
Wo es um Innovationen geht, sieht sich die FDP traditionell in der Pole Position – in Abgrenzung von rot-grünen oder auch konservativen Technikskeptikern. So ist es kein Wunder, dass sich Parteichef Christian Lindner, von dem auch der lustige Slogan „Digital first, Bedenken second“ stammt, für sogenannte synthetische Kraftstoffe begeistert. Diese sollen unter Einsatz von Ökostrom hergestellt werden und den Verbrennungsmotor klimaneutral machen.
Grassierendes Synthetik-Fieber
Auch wenn sich andere FDP-Politiker sowie einzelne Vertreter aus Unionsparteien und Industrie zum Thema Verkehr äußern, kann man hohe Wetten abschließen, dass irgendwann der Begriff synthetische Kraftstoffe fällt. Mittlerweile hat das Synthetik-Fieber sogar Teile der Grünen erfasst. So scheint sich Baden-Württembergs Regierungschef Winfried Kretschmann ebenfalls für die neue energiepolitische Designer-Droge zu begeistern, wie die Förderung einschlägiger Projekte durch das Land belegt.
Die Idee ist ja auch bestechend: Man produziert mit Ökostrom grünen Wasserstoff. Zusammen mit CO2 aus der Atmosphäre lassen sich daraus Kohlenwasserstoffe nach dem Vorbild der Natur produzieren, die in gewöhnlichen Verbrennungsmotoren eingesetzt werden können. Nur dass diese dann klimaneutral wären, weil bei der Verbrennung der E-Fuels nur so viel CO2 frei wird, wie der Atmosphäre zuvor entzogen wurde.
Es gibt allerdings ein kleines Problem: Bis jetzt werden synthetische Kraftstoffe nur im Labormaßstab hergestellt. Der Aufbau größerer Produktionsanlagen braucht etliche Jahre und kostet viele Milliarden. Bis auf weiteres handelt es sich deshalb eher um symbolische Kraftstoffe.
Hohe Umwandlungsverluste
Durch die vielen Umwandlungsschritte enthalten E-Fuels deutlich weniger nutzbare Energie als anfangs in Form von Strom eingesetzt wurde. Hinzu kommt der bescheidene Wirkungsgrad von Verbrennungsmotoren, die sehr viel Wärme, aber relativ wenig Bewegungsenergie produzieren. Für die gleiche Strecke braucht ein konventionelles Auto mit Synthetik-Sprit rund sechs Mal so viel Ökostrom wie ein batteriebetriebenes Auto. Da der Bedarf an grünem Strom ohnehin rasant steigen wird, sollte dieser möglichst effizient genutzt werden.
Dass E-Fuels künftig eine wichtige Rolle spielen werden, steht außer Zweifel. Sie werden aber dort gebraucht, wo Elektroantriebe auf absehbare Zeit keine sinnvolle Alternative darstellen – etwa in Flugzeugen, Schiffen, Schwerlastern oder Baumaschinen. Es wäre töricht, sie massenhaft in Pkw-Verbrennungsmotoren zu verheizen.
Klar ist auch, dass der Synthi-Sprit sehr teuer werden dürfte. Für Lindner und viele seiner Parteifreunde wäre das vermutlich auch ohne Tankrabatt kein größeres Problem. Wenn sich nicht mehr jeder dahergelaufene Kleinwagenfahrer eine Tankfüllung leisten kann, gibt es vielleicht auch mehr Platz auf der Autobahn – und Christian Lindner könnte den Sechszylinder seines Porsche 911 mal wieder so richtig aufheulen lassen – natürlich total klimaneutral.