Gummibärchen oder iPad? Für ein bisschen Ruhe bei Telefonkonferenzen setzen Mütter ihre Erziehungsregeln mal kurz außer Kraft. Was liegen bleibt, arbeiten sie spätabends nach. Foto: dpa/Christian Beutler

Die Corona-Krise macht Ungleichheiten in der Aufgabenverteilung von Müttern und Vätern sichtbar. Aber die Missstände sind seit langem benannt. Warum ändert sich eigentlich nichts?

Stuttgart - Mein Mann holt mich aus dem ersten Schlaf, als er ins Bett steigt. „Ich habe eine tolle Sendung gesehen“, sagt er. Um die Mehrfachbelastung von Müttern und Vätern sei es gegangen und darum, dass die Corona-Krise die bestehenden Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern wie eine Lupe sichtbar mache. „Stell dir vor, da war eine alleinerziehende Krankenschwester mit Schulkind, die waren noch nie im Urlaub! Und eine Bankmitarbeiterin macht‘s wie du: abends noch mal schnell den Rechner an um fertigzukriegen, was tagsüber zwischen Haushalt und Hausaufgabenbetreuung nicht ging“, erzählt mein Mann und sucht nach einem Begriff. Der sei für die ständige Belastung gefallen, die Köpfe in Hamsterräder verwandle. „Mental Load“, schlage ich vor und ernte Bewunderung dafür, dass ich das Wort sogar im Halbschlaf parat habe. Für einen Lachanfall bin ich aber zu müde.

Mit krummem Rücken auf dem Hocker

Als ich die TV-Doku über Familien im Stress nachschaue, bewundere ich die Bankmitarbeiterin um ihre Geduld: Während sich ihr Mann ein festungsähnliches Homeoffice eingerichtet hat, absolviert sie Konferenzen mit krummem Rücken auf einem Hocker im Schlafzimmer. Auch ein Vater, der für den Wiedereinstieg seiner Frau in den Job einen Teil der Erziehungsarbeit übernommen hat, ächzt da unter der mentalen Doppellast. Aber klar: Es sind vor allem Frauen, die nicht erst seit dem Lockdown Kinder, Job und Haushalt unter einen Hut bringen müssen. Jetzt kommt halt noch das bisschen Schule dazu. Schon seit einiger Zeit fallen mir im Postfach Mails auf, die zu ungewöhnlicher Stunde eintreffen. Auch die Pressefrauen in vielen Kinderbuchverlagen sind spätabends noch online. In den letzten zehn Jahren, so erfahre ich in der Stress-Doku von einer Spezialistin des Müttergenesungswerks, sei die Zahl der Mütter mit Burn-Out, Schlafstörungen, Angstzuständen und chronischen Kopfschmerzen um 40 Prozent gestiegen.

Konferenz am Wäscheständer

Den Homeoffice-Tag mit einer Yoga-Session starten und mit dem Ausprobieren eines neuen Rezepts beenden? Ja, das könnte helfen. Für berufstätige Mütter sieht der Erfahrungshorizont im harten Lockdown aber anders aus. Sie hängen heimlich während einer Konferenz Wäsche auf und nutzen die Mittagspause, um viele hungrige Mäuler zu stopfen. Abends klappen ihnen die Augen zu, wenn sie Kochbücher studieren. Immerhin zeigt die Coronakrise nicht nur Ungleichheiten auf, sondern rüttelt auch ein wenig an Festzementiertem. Nach einer Studie mit dem Titel „Eltern während der Corona-Krise“ vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung hat sich die Familienarbeitszeit von Vätern tatsächlich täglich um 2,3 Stunden erhöht – auf 5,6 Stunden pro Tag. Damit leisten sie aber immer noch einiges weniger als die Mütter, die laut dieser Studie 7,9 Stunden unbezahlte Familienarbeit am Tag in der Krise stemmen – das ist ein Fulltime-Job zusätzlich zum Brotberuf.

Mütter sind leichte Beute

Auch andere Studien zeigen: Die Corona-Krise macht Ungleichheiten sichtbar. Die Missstände sind jedoch schon lange benannt. Lohngerechtigkeit zum Beispiel wäre eine Lösung dafür, dass Elternschaft nicht automatisch zur Retraditionalisierung der Aufgabenverteilung führen muss. Wer Teilzeit arbeitet, wie es die geringer verdienenden Mütter eben tun, muss zeitlebens bis hin zur Rente finanziell Abstriche machen. Warum ändert sich da so wenig? Wieso sind Mütter so leicht auszubeuten? Ich träume vom Frauengeneralstreik, wenn ich abends müde ins Bett falle. Privat ist ein Mental-Load-Test, wie ihn zum Beispiel „Equal Care Day“ im Internet anbietet, vielleicht ein guter Anfang, um die ungleiche oder gleiche Verteilung von Lasten sichtbar zu machen.

Andrea Kachelrieß hat zwei Kinder, und das seit einigen Jahren. Gefühlt bleibt sie in Erziehungsfragen aber Anfängerin: Jeder Tag bringt neue Überraschungen. Als Kulturredakteurin betreut sie auch die Kinderliteratur.

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