Auf der „Körperwelten“-Internetseite heißt es, dass die Ausstellung bis 28. Januar in Stuttgart zu sehen sein wird. Foto: Gunther von Hagens‘ KÖRPERWELTEN, Institut für Plastination, Heidelberg, www.koerperwelten.de

Vom 27. Oktober an sind die „Körperwelten“ in den Königsbau-Passagen zu sehen – Centermanager und Kuratorin wehren sich gegen Kritik, die unter anderem von Stadtdekan Christian Hermes kommt.

Wer glaubt, dass mitten in den Königsbau-Passagen plastinierte Leichen zu sehen sein werden, liegt falsch. Centermanager Maximilian Schlier betont: „Niemand wird Exponate der Ausstellung sehen, wenn er das nicht will.“ Die Ausstellung Körperwelten wird vom 27. Oktober dort zu sehen sein, wo zuvor „The Mystery of Banksy – A Genius Mind“ an 158 Tagen rund 80 000 Besucher anlockte – im ersten Obergeschoss der Königsbau-Passagen, in abgetrennten Räumlichkeiten. „Die Ausstellung ist in sich geschlossen, wie ein Museum. Zudem sind die Glasscheiben abgeklebt, und es wird Zugangskontrollen geben. Die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden stehen im Vordergrund“, sagt Schlier.

 

Ihm ist bewusst, dass Menschen unterschiedlich über die Ausstellung „Am Puls der Zeit“ der „Körperwelten“-Macher Gunther von Hagens und Angelina Whalley denken. „Selbstverständlich kann man darüber diskutieren, ob man die Ausstellung sehen will oder nicht.“ Aber er ist auch der Meinung, dass Körperwelten dazu beitragen kann, mehr über den menschlichen Körper zu erfahren: „Es geht um präventive Gesundheitsaufklärung.“

Die Plastinate stammen aus einem Körperspende-Programm

Das sehen Kritiker wie Stadtdekan Christian Hermes (katholisch) anders. Kritik an der Anatomieschau hat es schon immer gegeben. Seit 1995 waren die „Körperwelten“ weltweit in 40 Ländern und in über 160 Städten in Europa, Amerika, Asien, Ozeanien und Südafrika zu Gast. Mehr als 54 Millionen Menschen haben die Ausstellung bisher gesehen, allein rund zwölf Millionen in Deutschland. „In den vergangenen Jahren hat die Kritik stark nachgelassen. Aber in der Regel kommt sie aus Deutschland – und dort vor allem von Leuten, die noch nie in der Ausstellung waren und es auch nie sein werden“, sagt Kuratorin Angelina Whalley. „Es steht jedem frei hinzugehen. Ich verstehe es, wenn man das nicht möchte. Aber die Ausstellung verhindern zu wollen, kommt einer Entmündigung der Interessierten gleich und ist eine Diskreditierung unserer Arbeit.“

„Körperwelten“ greife die Würde des Menschen nicht an, betonen die Macher. Die in der Ausstellung gezeigten Plastinate stammen aus dem Körperspende-Programm des Instituts für Plastination in Heidelberg, in dem mehr als 20 000 Spender registriert sind. „Die Menschen entscheiden sich noch zu Lebzeiten dafür, dass ihr Körper nach dem Tod für diesen Zweck zur Verfügung gestellt wird“, sagt Whalley. „Es ist deren letzter Wunsch. Das Testament sollte man respektieren.“ Zudem würden keine Namen genannt. Auch Angehörige könnten nicht erkennen, wer sich hinter dem Plastinat verbirgt. „Die Persönlichkeitsrechte sind geschützt“, so Whalley: „Wir zeigen auch immer das Menschliche und nicht ein Bein als Golfschläger oder eine Harnblase als Blumenvase.“ Auch Besucher gingen respektvoll durch die Ausstellung. „Sie ist kein Jahrmarkt und dient nicht der Belustigung“, betont Whalley. Es gehe um das Leben, den Körper und darum, wie man sich seiner Verantwortung für seine eigene Gesundheit bewusst werden kann.

Citymanager: „Hier passiert nichts Illegales.“

In der aktuellen Ausstellung der Körperwelten werden rund 20 Ganzkörper- und etwa 120 Einzel-Exponate gezeigt – darunter auch Organe, um zu verdeutlichen, wie sie funktionieren. „Zu sehen sind gesunde und kranke Organe“, sagt die Kuratorin. Unter anderem werden die Themen Herzinfarkt, Krebs und Hirnschlag aufgegriffen.

„Wir wollen den menschlichen Körper darstellen – mit seinen vielen Facetten, seiner Verwundbarkeit und seinem Potenzial, angesichts der Herausforderungen, denen er sich im 21. Jahrhundert konfrontiert sieht“, sagt Whalley. Die Ausstellung mit dem Titel „Am Puls der Zeit“ fordere den Besucher auf, die dauerhafte Reizüberflutung des modernen Lebens und ihre langfristigen Auswirkungen auf Körper und Geist kritisch zu hinterfragen. Über Erläuterungen zur Ernährung, Bewegung oder Stärkung des Immunsystems hinaus will die Ausstellung aufzeigen, wie ein gesundes langes Leben in der heutigen Zeit gelingen kann. „Körperwelten ist eine Ausstellung, die den Blick auf uns selbst und unsere Lebensweise nachhaltig verändert. Die faszinierenden echten menschlichen Exponate ermöglichen umfassende Einblicke in den komplexen Aufbau unseres Innenlebens und erklären leicht verständlich Funktionsweise und Zusammenspiel der Körpersysteme und Organe, aber auch häufige Erkrankungen“, sagt Whalley.

Auch Stuttgarts Citymanager Sven Hahn stellt klar: „Die Ausstellungsstücke sind keine Leichen. Hier passiert nichts Illegales.“ Es gehe auch nicht um Kommerz und Geldmacherei. Die Ausstellung stoße auf Interesse. Sie in den leer stehenden Räumen in den Königsbau-Passagen zu zeigen, sei eine Idee, die Menschen dazu zu animieren, in die Stadt zu kommen. „Jeder muss für sich entscheiden, ob er Körperwelten sehen möchte oder nicht.“