Den eigenen Körper sollte man gelassen sehen – und ihn sorgsam behandeln. Foto: Imago/Westend61/OneInchPunch

Ob dick oder dünn, alles ist schön? Klingt gut, doch die Body-Positivity-Idee kann der Gesundheit schaden, sagen Mediziner. Sie plädieren stattdessen für Body Neutrality – und gesunden, achtsamen Umgang mit dem Körper.

Dellen am Po, behaarte Zehen, Doppelkinn, Altersflecken, krumme Nase, Glatze, kleine Statur – wie ein Mensch aussieht, dafür kann er nichts. Und niemand muss sich für vermeintliche Unvollkommenheit schämen. Auch nicht für sein Gewicht. „Dicksein ist nichts Schlimmes. Wartet nicht darauf, dünn zu sein, um mit dem schönen Leben zu beginnen“, sagt die Hamburger Influencerin Melodie Michelberger, die selbst kein Strich in der Landschaft ist. Wie sie stellen sich seit einigen Jahren immer mehr Menschen gegen Diskriminierung, gegen Schlankheitswahn, Modediktate und gängige Schönheitsideale. Body-Positivity nennt sich dieser Trend.

 

Doch die Bewegung, die unter anderem dazu aufruft, jeden Körper schön zu finden, steht seit einiger Zeit selbst in der Kritik. Zum einen erzeuge der Zwang zur Selbstliebe letztlich auch wieder Stress, heißt es. Zudem werde so das Dicksein oder auch das Dünnsein glorifiziert und damit verbundene Gesundheitsgefahren verharmlost, bemängeln Mediziner.

Zwang zur Selbstliebe erzeugt Stress

Starkes Über- und Untergewicht seien jedoch Krankheiten, die oft schwerwiegende Folgen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Arthrose und Osteoporose mit sich bringen, heißt es auch von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen (DGESS). „Es ist nicht einfach ein Ausdruck unterschiedlicher biologischer Körperformen, wenn immer mehr Menschen weltweit von krankhaftem Übergewicht betroffen sind“, sagt Christine Stroh, Chefärztin am Wald-Klinikum Gera und Vorstandsmitglied der DAG: „Adipositas ist eine chronische, behandlungsbedürftige Erkrankung.“

Keine Schuldzuweisungen

Schadet die Body-Positivity-Idee somit der Gesundheit? „Zunächst ist das eine nachvollziehbare und sinnvolle Reaktion auf eine massive Sanktionierung und Stigmatisierung durch die Gesellschaft“, relativiert Claudia Luck-Sikorski, ebenfalls Vorstandsmitglied der DAG und Präsidentin der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera. Die Psychotherapeutin erforscht die sozialen und psychischen Folgen von Adipositas und erklärt weiter: „Betroffenen wird oft Schuld zugewiesen. Dicke essen zu viel und bewegen sich zu wenig, heißt es meist.“ Es sei jedoch viel komplizierter. So spiele etwa die Genetik eine wichtige Rolle. „Wer ständig Druck und Ausgrenzung erlebt, sagt dann eben irgendwann: Es reicht, so ist mein Körper nun mal – ich liebe ihn.“

Versuche, Übergewichtige mit Zwang dazu zu bringen, anders zu essen und mehr Sport zu treiben, seien gescheitert. Wer mit Vorwürfen oder Bevormundung konfrontiert werde, ziehe sich zurück, werde trotzig – und letztlich therapiemüde, so die Expertin. Durch die Body-Positivity-Bewegung habe sich vieles zum Positiven verändert. Doch wäre es nicht befreiender, den Blick ganz weg von Äußerlichkeiten zu lenken – zumal in einer Gesellschaft, in der der Kult um den Körper immer früher einsetzt? Jedes vierte Kind im Alter von 9 bis 14 Jahren fühlt sich in Deutschland laut Umfragen zu dick – ein erschreckendes Ergebnis.

Statt sich auf das falsche, unerreichbare Ideal zu fokussieren, müsse daher „der Erhalt der gesunden Körperfunktion in den Vordergrund rücken, dann ist viel gewonnen“, fordert Astrid Müller, Psychologin aus Hannover und Vorstandsmitglied der DGESS. Für ein ausgeglichenes Selbstbild und Zufriedenheit müsse man sich nicht als attraktiv oder schön empfinden, ergänzt ihre Kollegin Luck-Sikorski: „Wir sollten wegkommen von einer Fetischisierung des Körpers. Man muss ihn nicht lieben. Es reicht, dass man ihn okay findet.“

Pragmatischer, realistischer

Der dahinterliegende Ansatz nennt sich Body-Neutrality. Dieses Konzept geht einen Schritt weiter als Body-Positivity, ist pragmatischer, realistischer: weg vom äußeren Erscheinungsbild, hin zu einem möglichst neutralen Empfinden. Was nicht bedeutet, dass einem der eigene Körper egal wird. Es geht darum, ihn zu respektieren, ihn wertzuschätzen, mit allen Unvollkommenheiten – und darum, ihn mit der nötigen Achtsamkeit zu behandeln. Ästhetik spielt dabei im Idealfall keine Rolle mehr. Es gilt: Keiner soll ab- oder zunehmen, weil er attraktiver werden möchte. Gewicht ist ohnehin nicht alles. „Stattdessen schaue ich zum Beispiel, wo mein Körper an Grenzen kommt, wo es Probleme gibt“, sagt die Psychotherapeutin Luck-Sikorski. Etwa durch eingeschränkte Mobilität oder durch Nebenerkrankungen wie Diabetes und hohen Blutdruck. Zudem werde erst behandelt, wenn der Patient es wolle, „wenn der individuelle Leidensdruck zu hoch geworden ist“. Diese Betrachtungsweise kann sowohl die Prävention wie auch die Therapie von Essstörungen und Adipositas erleichtern, sind sich die Fachleute sicher.

Den Spiegel vorhalten

„Bei Essstörungen, allen voran Anorexie, ist oft eine Fehlwahrnehmung des Körpers ein Kernsymptom“, so Luck-Sikorski. In der Therapie werde Betroffenen daher unter anderem wortwörtlich ein Spiegel vorgehalten – auch Adipösen, die häufig eine Verdrängungstaktik fahren, sich selbst etwa gar nicht mehr anschauen oder anfassen und ihre Körper mit weiter Kleidung verhüllen. Erkennt der Betroffene seine Probleme und sieht ein, dass er etwas verändern muss, etwa, um wieder Treppen steigen zu können oder die Leberwerte zu verbessern, kann die Therapie Erfolg haben.

„Es geht vor allem darum, schwerwiegende Folgeerkrankungen therapieren zu können“, so die Chirurgin Stroh. Zumal klarer werde, dass Adipositas-Patienten ein höheres Risiko haben, an Krebs zu erkranken. Die Gesundheit wertzuschätzen sei dabei der wichtigste Schritt – und trage daher erheblich mehr zum Wohlbefinden bei als jede Diät.