Die Deutschen lieben es, wenn die Klopapierrolle nach vorne hängt. Foto: sil/Fotolia

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, heißt es im Volksmund. Nirgendwo zeigt sich das so deutlich wie bei der existenziellen Frage, ob man die Klopapierrolle mit dem Ende nach vorne oder hinten hängt.

Stuttgart - Hand aufs Herz, welcher Typ sind Sie? Rollen Sie das Toilettenpapier nach vorne oder nach hinten ab? Es gibt sicher wichtigere Fragen im Leben, aber nur wenige sind so alltagsrelevant wie die nach der Abrollrichtung von Klopapier.

Eine Frage des täglichen Geschäfts

80,62 Millionen Menschen leben in Deutschland, die täglich zur Toilette müssen. Nach dem großen oder kleinen Geschäft verwenden sie Spezialpapier, um ihre Ausscheidungsorgane vom Stuhlgang und Harnlassen zu säubern. Alte Zeitungen fein säuberlich in kleine Stücke zerrissen – das war einmal. Heute verwendet man Tissue-Papier: saugfähiges, feingekrepptes Hygienepapier aus Zellstoff – besser bekannt als Toiletten- oder Klopapier. Das auf Papphülsen (auch Klorollen genannt) aufgewickelte bunte, bedruckte oder blütenweiße Papier mit Standardnormgrößen zerfällt in der Kanalisation zu Brei. Es besteht je nach Preis aus bis zu fünf Papierlagen und ist Gegenstand aufwendiger Forschung.

Die großen Toilettenpapier-Hersteller gehen mit wissenschaftlicher Akribie und High Tech an die Optimierung ihrer Produktpalette. Reißfest bei Nässe muss Klopapier sein, sanft zur Haut und gut faltbar, anschmiegsam am Popo, weich-faserig und perforiert, so dass man es leicht abreißen kann und der Kunde sich rundum wohlfühlt.

In Hotels: Natürlich nur nach vorne

Vorne oder hinten? Für Hersteller ist das kein Thema, wie eine Nachfrage ergeben hat. „Natürlich vorne“, sagt die Sprecherin eines großen Produzenten. „Sonst würde man den Aufdruck auf dem Papier nicht sehen.“ In Hotels ist es Standard, das Papierende nach vorne aufzuhängen. Ein Bepper auf der Rolle signalisiert dem Gast: Hier war ein aufmerksames Zimmermädchen am Werk und hat die Klopapierrolle gewechselt.

In dem kürzlich erschienenen Buch „Wie wir Deutschen ticken: Wer wir sind. Wie wir denken. Was wir fühlen“ (Christoph Drösser, Edel-Verlag, Hamburg 2015) werden in 555 Infografiken Fragen beantwortet, „die wir bisher nie zu stellen wagten und die in offiziellen Statistiken fehlen“. Eine davon lautet: Sind die Deutschen Falter oder Knüller?

Die Deutschen sind mehrheitlich Falter

Anders als die meisten US-Amerikaner falten die Bundesbürger ihr Klopapier (78 Prozent). Nur acht Prozent knüllen es zum Ballen. Weitere acht Prozent greifen mal zu der einen, mal zu der anderen Methode. Der Rest wickelt das Papier um die Hand, hat noch nie über seine Abwisch-Gewohnheiten konkret nachgedacht oder verzichtet ganz aufs Säubern.

Wie man das Klopapier abreißt, sagt mehr über den Menschen als Alter und Geschlecht ist der Portugiese João Rocha überzeugt. In seinem Internet-Blog „2 Kinds of People“ illustriert er die beiden gegensätzlichen Typen in Sachen Klopapier und anderen alltäglichen Gewohnheiten. Für beides gäbe es gute Argumente, schreibt Rocha.

Statistisch gesehen hängen 72 Prozent der Deutschen das erste Blatt einer neuen Rolle nach oben auf, 28 Prozent lassen es lieber hängen. „Over or under“ – über oder unter? In den USA wird seit einigen Jahren „The Great Toilet Paper Roll Debate“ (Die große Toilettenpapier-Abroll-Debatte) ausgefochten. Zuletzt hat ein großer Hygieneartikel-Hersteller im Jahr 2010 im Rahmen einer Werbekampagne nach den Präferenzen der US-Bürger gefragt. Die Vorne-Abroller lagen dabei mit 72 Prozent deutlich vorne. Vor allem Frauen zwischen 21 und 34 sowie 55 plus zupfen mit Vorliebe von vorne, wenn sie auf dem stillen Örtchen hocken.

Immer Ärger mit Klopapier-Walzen

Manche haben die Klopapierrolle am liebsten stets griffbereit neben sich auf den Boden liegen oder sie irgendwo im Bad verstaut. Die Frage vorne oder hinten, über oder unter ist natürlich nur in der Horizontalen von Belang. Bei Rollen, die vertikal auf einer Stange oder gleich zu mehreren waagerecht auf einer Walze (wie etwa in Universitätsgebäuden) aufgereiht sind, ergeben sich für den Nutzer ganz andere – mitunter sehr unappetitliche - Probleme.

Es gibt gute Gründe für beide Varianten: Das Papierende nach vorne zu legen ist hygienischer, weil das lose Ende nicht mit der Wand und anhaftenden Keimen in Berührung kommt. Außerdem kann man besser danach greifen. Die meisten reißen das perforierte Papier schräg zur Wand ab. Würde es anliegen, wäre dieser Akt weitaus schwieriger. Laut Aussage der Hersteller entspricht die Vorne-Lösung der werkseitig vorgesehenen Abroll-Methodik und passt zu den entsprechenden Papiermustern.

Auch Hinten hat seine Vorzüge

Aber auch die Hinten-Orientierung hat unverkennbare Vorzüge. Die Gefahr, dass Katzen oder kleine Kinder Schabernack treiben und das Klopapier komplett abrollen, ist geringer, weil sich die Rolle an die Wand anschmiegt. Außerdem wirkt es für manche aufgeräumter, wenn das flatternde Ende versteckt ist. Auch ein unabsichtlicher Körperkontakt mit dem Papier ist unwahrscheinlicher.

Welche Variante physikalisch die effizientere ist, hat man auch schon untersucht. Im Rahmen der 45. Internationalen Physik-Olympiade 2014 in Kasachstan ging es in der ersten Runde des Auswahlverfahrens um die Frage, bei welcher Rolltechnik man weniger Kraft aufwenden muss. Die Antwort: „Es muss weniger Kraft zum Ziehen aufgewendet werden, wenn das lose Ende des Papiers hinten herunterhängt.“

In diese Berechnung sind Variablen wie etwa Reibungsverluste durch die spezifische Oberflächenbeschaffenheit der Wand oder die Haftreibung zwischen Papier und Kacheln miteinberechnet. Wenn man das Papier leicht seitlich abzupft, werde die „Reaktionskraft der Wand und damit die Reibungskraft verringert“, heißt es weiter. Damit ist wissenschaftlich erwiesen: Die meisten Deutschen wenden fürs Po-Säubern mehr Energie und Kraft auf als notwendig.

Schon die Kelten säuberten ihren Allerwertesten

Die Frage vorne oder hinten ist selbstverständlich auch von der Materialbeschaffenheit des Klopapiers abhängig. Vier Lagen sind reißfester als eine Lage, weshalb man bei der Hinten-Variante strapazierfähiges Material bevorzugen sollte. Nichts ist so schlimm für einen überzeugten Klopapier-Falter, wie wenn er unschön abgerissene Blätter übereinanderlegen muss.

Archäologische Funde belegen, dass schon die Menschen in der Bronzezeit um einen sauberen Allerwertesten bemüht waren. So benutzten die Kelten Pestwurzen-Blätter, weshalb die Pflanze im Bayrischen noch heute noch Arschwurzen heißt.

Seth Wheeler – Erfinder des perforierten Klopapiers

Der amerikanische Geschäftsmann Seth Wheeler ließ am 25. Juli 1871 die von ihm erfundene perforierte Klopapierrolle patentieren. „Meine verbesserte Walze kann auf den einfachsten Halter verwendet werden“, heißt es in der Produktbeschreibung der Patentschrift Nr. 459516. Ob man seine Erfindung von hinten oder vorne einsetzte, war Wheeler einerlei. Gemäß dem Wahlspruch des preußischen Königs Friedrich II.: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wurde auch der variable Klopapier-Rollen-Wender erfunden. Mittels eines Gelenkes lässt sich der Bügel um 180 Grad drehen, so dass jeder die Frage vorne oder hinten nach Lust und Laune und Tagesform für sich entscheiden kann.

Wickeln, stückeln, knüllen, falten

Ob Sie ihr Klopapier lieber nach vorne oder hinten hängen oder beides variieren, ob Sie lieber falten, wickeln, stückeln oder knüllen, ist ganz Ihnen überlassen.Der amerikanische Psychologie-Professor Christopher Peterson klassifiziert die Auswahl der Klopapier-Orientierung unter „Geschmack, Vorlieben und Interessen“. Es sei Teil eines ritualisierten Verhaltens – genauso wie man die Socken einräumt, sich in der Dusche einseift oder das Besteck anordnet.

Minimalisten und Natürliche

Sie können sich auch ganz spontan entscheiden und eingefahrene Verhaltensmuster durchbrechen, wenn Ihnen danach ist. Hauptsache, sie benutzen danach überhaupt irgendetwas. Laut der Umfrage eines Klopapier-Herstellers zum Faltverhalten der Deutschen lieben es ein Prozent minimalistisch („Ich benutze ein Blatt Toilettenpapier. Mehr braucht man nicht“) und 0,1 Prozent natürlich („Ich benutze kein Klopapier“). Na denn, Mahlzeit!

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