Sanitäter bringen einen Patienten eilig zur Schlaganfallstation. Denn je schneller der neurologische Notfall mit einer sogenannten Lyse oder einer Thrombektomie behandelt wird, desto größer ist die Chance, dass der Patient ohne Langzeitschäden davonkommt. Foto: dpa

Im Streit um die Versorgung von Schlaganfallpatienten erhöht die Kreispolitik den Druck auf das Klinikum Christophsbad und das Land. Die Debatte ist geprägt von gegensätzlichen Interpretationen ein und desselben Gutachtens.

Göppingen - Am Montagvormittag nach einer denkwürdigen Kreistagsdebatte, wundert sich Bernd Tomandl immer noch. „Die ganze Diskussion verstehe ich nicht – weil alle Argumente seit zehn Jahren hin- und hergeschoben werden, und jetzt zwei Experten zum gleichen Schluss gekommen sind. Die Debatte­ sollte damit doch abgeschlossen sein.“ Tomandl ist der Leiter der Radiologie und Neuroradiologie am Klinikum Christophsbad (CB) und der Spezialist für die Behandlung von Schlaganfällen im Kreis Göppingen.

Die Experten, von denen Tomandl spricht, haben als Gutachter für das Land untersucht, wo Schlaganfallpatienten im Kreis Göppingen am besten aufgehoben sind. Die Antwort beider: im CB. Doch das scheint der privaten neurologisch-psychiatrischen Fachklinik zumindest in der politischen Debatte nichts zu nutzen. Ebenso wenig wie das Machtwort, das das Sozialministerium – gestützt auf die Gutachten – vor zwei Wochen gesprochen hat, um das seit Jahren andauernde Gezerre zwischen CB und Kreiskliniken um die Behandlung von Schlaganfallpatienten zu beenden. Demnach sollen für die nächsten zwei Jahre alle Patienten in die neurologische Klinik gebracht werden. Danach wird der Erfolg­ überprüft. Bisher, das bescheinigten die Gutachter, seien die Erfolge der Klinik überdurchschnittlich.

Kreistag verabschiedet Positionspapier

Dennoch hat der Kreistag am Freitag eine Resolution verabschiedet, die in letzter Minute in Positionspapier umgetauft wurde. Darin schließen sich die Kreisräte den einige Jahre alten Forderungen der Klinik am Eichert, einer der beiden Kreiskliniken, und des Landrats Edgar Wolff an: Das CB solle seine Schlaganfall­experten in den Eichert schicken, um dort gemeinsam ein Schlaganfallzentrum zu betreiben. Argumentiert wird mit dem Wohl der Patienten, die am meisten profitierten, wenn alle medizinischen Fachrichtungen vertreten seien.

In dem Papier fordert der Göppinger Kreistag, die Entscheidung des Ministeriums für ein Jahr auszusetzen und in dieser Zeit eine gemeinsame Versorgung der Patienten durch beide Kliniken umzusetzen. Außerdem werden „schnellstmögliche Gespräche“ der Kliniken mit dem Ministerium­ gefordert – als hätten diese nie stattgefunden. Tatsächlich ist sogar längst ausgemacht, dass sich die Parteien im Januar erneut treffen. Und der Kreistag droht auch damit, dass juristische Schritte nicht ausgeschlossen werden könnten, zumal­ die Kompensation des wirtschaftlichen Schadens, der den Alb-Fils-Kliniken entstehen könne, nicht geklärt sei.

Kreisräte fordern, Gutachten zu veröffentlichen

Die Debatte vor der Verabschiedung des Papiers krankte an einem Mangel an Informationen. So hält das Sozialministerium das Gutachten des Schlaganfallexperten unter Verschluss. Mehrere Kreisräte kritisierten das und forderten, die Expertise zu veröffentlichen. Einige Kreisräte folgerten aus der Geheimhaltung, das Ministerium habe etwas zu verbergen. Tatsächlich aber ist das Papier Insidern zufolge nicht veröffentlicht worden, weil sich die Kreiskliniken vehement dagegen gewehrt hätten.

Auch die Frage, ob und wie viel Geld die Kreiskliniken verlieren könnten, ist nie beantwortet worden. Wolff sprach zwar in der Vergangenheit davon, dass die Entscheidung des Landes die Konsolidierung der Kliniken gefährde, mit konkreten Zahlen wurde dies aber nicht belegt.

Auswirkungen auf Christophsbad ignoriert

Ein Thema wurde in der Debatte komplett ausgeklammert, obwohl der SPD-Kreisrat und ehemalige CB-Oberarzt Michael Grebner darauf hinwies: die Frage, wie sich ein Umzug der Neurologen in den Eichert auf das CB und seine Patienten auswirken würde. Grebner stimmte als einziger Kreisrat gegen das Papier. Denn, so argumentierte er, ein Umzug der Neurologie würde die anderen Abteilung quasi amputieren. Tatsächlich kümmert sich Tomandls Abteilung am CB eigenen Angaben zufolge um 11 000 Patienten pro Jahr, bei 7000 davon wird ein MRT gemacht. Nur 3500 Patienten davon seien neurologische Patienten, darunter rund 400 mit akutem Schlaganfall. Alle anderen seien Patienten der Geria­trie, der Psychiatrie und der anderen Abteilungen der Fachklinik.

Was zudem ignoriert wurde: Weder das Land noch der Kreis können das Christophsbad dazu zwingen, seine Ärzte an eine andere Klinik zu schicken.

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