Der Aufsichtsrat der Regionalen Kliniken Holding prüft verschiedene Zukunftsszenarien für die Krankenhauslandschaft im Kreis: Bietigheim und Ludwigsburg würden verschwinden. Die Idee eines zentralen Neubaus hat Anhänger, es gibt aber auch erste mahnende Worte.
Es ist der erste Paukenschlag im Landkreis im neuen Jahr 2024: Die Regionale Klinken Holding (RKH) prüft einen Klinikneubau, der die alten Krankenhäuser in Ludwigsburg und Bietigheim ersetzen könnte. Die Verantwortlichen betonen, dass die Überlegungen noch in den Kinderschuhen stecken, es werde in alle Richtungen und vor allem ergebnisoffen geprüft. Die aktuellen Entwicklungen könnten jedoch der Start eines großen Umbruches im Gesundheitswesen des Landkreises bedeuten. Das Wichtigste in fünf Erkenntnissen.
1. Bürgermeister bringt Stein ins Rollen Laut den Informationen unserer Zeitung begannen die Überlegungen für eine neue Klinikstruktur im vergangenen Sommer. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte da gerade die Eckpunkte seiner Krankenhausreform vorgestellt, als angeblich Aufsichtsrat und Pleidelsheims Bürgermeister Ralf Trettner eine nicht ganz neue, aber umso kühnere Idee in den Ring des Klinik-Aufsichtsrates warf.
Die Sanierungen der Klinikgebäude in Ludwigsburg und Bietigheim sind so teuer, und die Anforderungen der Gesundheitsversorgung der Zukunft so vielfältig – warum nicht alles auf den Prüfstand stellen? Die Idee stieß im Aufsichtsrat auf Zustimmung. „Wir haben uns gesagt, lasst uns mal frei denken“, beschreibt RKH-Geschäftsführer Jörg Martin die Stimmung im Aufsichtsrat. Dabei sei auch die Idee ausgesprochen worden, beide Standorte in einem Neubau zusammenzulegen.
2. Mehrere Faktoren zwingen zum Handeln Es gibt mehrere Gründe, warum die Verantwortlichen eine Zentralisierung der Kliniken prüfen. Zum einen sind da die alten Klinikgebäude in Bietigheim und Ludwigsburg, die einerseits moderne Ansprüche teils nicht erfüllen, andererseits viel Geld kosten. „Wir müssen in beide Standorte viel investieren, um zukunftsfähig zu sein“, sagt Jörg Martin. Die Frage, ob sich diese Investitionen überhaupt lohnen, wurde im Aufsichtsrat offenbar immer lauter gestellt.
Zweitens drängt die Personalsituation in den Kliniken zu einem Umdenken. Eine Zentralisierung könnte Doppelstrukturen abbauen und damit auch den Druck von der dünnen Personaldecke nehmen. „Die Schließungen der Kliniken in Marbach und Vaihingen wurden damals heiß diskutiert, heute könnten wir diese Krankenhäuser gar nicht mehr personell ausstatten“, sagt Martin zur Personallage.
Drittens zwingen etliche Rahmenbedingungen die RKH zum Handeln. Über allem steht die Krankenhausreform des Bundes, die noch nicht endgültig feststeht, aber definitiv neue Anforderungen schafft. Zudem wird die Gesundheitsversorgung ambulanter, es braucht immer weniger stationäre Leistungen. Laut aktuellen Daten braucht es im Kreis Ludwigsburg künftig rund 950 Betten, deutlich weniger als die derzeit 1500. „Wir bewegen uns darauf hin, dass wir Kliniken der nächsten Generation brauchen“, fasst Aufsichtsrat Ralf Trettner zusammen.
3. Zukunftsszenario Neubau Aktuell werden mit Unterstützung einer Stuttgarter Beratungsfirma Daten gesammelt und zusammengestellt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sollen dann Grundlage für die Debatte über die Zukunft der Kreiskliniken sein. Die Verantwortlichen beteuern, dass mehrere Szenarien ergebnisoffen überprüft werden. Beide Standorte könnten erhalten bleiben oder nur einer mit einem kleinen Neubau. Im Fokus der Überlegungen steht jedoch ein zentraler, großer Klinikneubau – Standort unbekannt.
Revolutionär ist das nicht. Der Rems-Murr-Kreis eröffnete 2014 seine neue Klinik in Winnenden mit 667 Betten und 13 OP-Sälen. Auch hier mit dem Ziel zu zentralisieren, zu verschlanken und wirtschaftlicher zu werden. Aber auch, um auf dem Arbeitsmarkt attraktiver zu werden.
Tatsächlich wäre wohl einer der großen Vorteile eines Neubaus, dass die RKH bessere Karten im Kampf um die besten Fachkräfte der Region hätte. Der Nachteil? Auch wenn sich ein Neubau irgendwann rentieren könnte, kostet er erst einmal viel Geld. Die Verantwortlichen rechnen aktuell mit bis zu 1,5 Milliarden Euro für einen Neubau. Geld, dass sich der Landkreis auch von den Kommunen holen müsste. „Das wird Diskussionen geben“, sagt der Bietigheim-Bissinger Oberbürgermeister Jürgen Kessing.
4. Kliniken könnten verschwinden Zwar verweisen die Verantwortlichen darauf, dass es noch zu früh sei für Spekulationen, ein großer Neubau würde aber wohl das Ende der Kliniken in Bietigheim und Ludwigsburg bedeuten. Auch hier macht es der Rems-Murr-Kreis vor. Dort wurden nach der Eröffnung der neuen Klinik in Winnenden die Krankenhäuser in Waiblingen und Backnang geschlossen.
Der Bietigheimer OB Jürgen Kessing gibt sich gelassen. „Die Zahlen und Fakten müssen alle noch auf den Tisch“, er vertraue darauf, dass die Zukunft der Kliniken in alle Richtungen geprüft werde. Der Oberbürgermeister betont aber auch, dass die Bietigheimer Klinik eine besondere sei und lässt anklingen, dass er um den Standort kämpfen würde: „Wir haben ein Krankenhaus, und das trägt uns auch niemand so schnell weg.“
Ähnlich klingt die Pressestelle der Stadt Ludwigsburg: Sollten neue Standorte gesucht werden, „müssen wir uns innerhalb unserer Gemarkung Gedanken dazu machen, eine Institution wie das Klinikum gehört in die größte Stadt im Landkreis“.
5. Aktuell braucht es Gelassenheit Klar ist, trotz der ernsthaften Überlegungen ist noch nichts entschieden. Bis Herbst 2024 wird das Stuttgarter Beratungsunternehmen in Zusammenarbeit mit der Klinik Informationen aufbereiten. Der Aufsichtsrat wird daraufhin einen Vorschlag erarbeiten, den er in den Kreistag einbringt, wo letztlich entschieden wird. Ein Neubau wäre wohl erst in zehn bis 15 Jahren fertig.
Übrigens: Die Belegschaft sei durch die Entwicklungen nicht aufgeschreckt, sagt der Betriebsratschef Martin Oster. Aus seiner Sicht ist es natürlich, dass die Strukturen aktuell auf den Prüfstand gestellt werden. „Wir werden die Auswirkungen auf die Mitarbeiter im Auge haben. Zum jetzigen Zeitpunkt brauchen wir aber auch eine gewisse Gelassenheit.“