Hunderte Millionen kostet das neue Großklinikum in Böblingen – was kann man sich noch leisten? Foto: Stefanie Schlecht/ 

Der Umbau der Krankenhauslandschaft im Kreis Böblingen kommt viel zu spät, meint unser Infrastruktur-Experte Michael Stürm.

Nun ist die Katze also aus dem Sack: Die Kliniklandschaft im Landkreis Böblingen wird neu sortiert. Dass das, was nun als Fortschreibung des „Medizinischen Konzeptes“ auf dem Tisch liegt, Gewinner und Verlierer produzieren wird, war absehbar. Hier die neue Flugfeldklinik, die zum Maximalversorger mit Uniklinik-Niveau aufgerüstet wird, dort das Krankenhaus in Herrenberg, das in Zukunft diesen Namen nicht mehr verdient. Dazwischen geht die Leonberger Klinik mit Blessuren aus dem Rennen: Der Standort bleibt als Grundversorger erhalten.

 

Das Konstrukt, das Alexander Schmidtke, der neue starke Mann an der Spitze des Klinikverbunds Südwest, zusammen mit externen Beratern ausgetüftelt hat, kommt nicht überraschend. Es ist längst überfällig. Seit Jahren schon schraubt sich der Klinikverbund mit seinen sechs Häusern in den Kreisen Böblingen und Calw von einem Rekorddefizit zum andern. 70 Millionen Euro in diesem Jahr sind nun wohl eine Marke, die nicht mehr tragbar war.

Alle 20 Kilometer ein Krankenhaus ist nicht mehr leistbar

Langsam scheint auch bei den Verantwortlichen im Landratsamt und im Kreistag die Erkenntnis zu reifen, dass man sich lokale Bedürfnisse und Begehrlichkeiten angesichts der monströsen roten Zahlen nicht mehr länger leisten kann. Drei Kliniken im Landkreis, die sich überdeckende medizinische Angebote vorhalten, kann niemand mehr bezahlen – auch wenn dies die lokalen Politikfürsten anders sehen und sich gerne mit der Klinik vor Ort schmücken.

Alle 20 Kilometer ein Krankenhaus, das ist schlichtweg Luxus, von dem viele Regionen in dieser Republik nur träumen können. Wenn das Gesundheitswesen nicht kollabieren soll, dann hilft hier nur Zentralisierung, auch wenn das bitter ist. Vor allem für Herrenberg. Dass es dort nur noch eine Tagesklinik geben und eine erfolgreiche Geburtshilfe aufgegeben wird, ist hart. Aber: Wenige Kilometer weiter befindet sich in Böblingen eine hoch spezialisierte Neugeborenenabteilung. Die Enttäuschung darüber, dass es in Zukunft keine Herrenberger Kinder mehr geben wird, ist nachvollziehbar, angesichts der dramatischen Situation aber fehl am Platz.

Viel Zeit und Geld sind vergeudet worden

Viel irritierender ist, dass die Verantwortlichen im Kreis Böblingen das nun Unabwendbare nicht bereits vor Jahren eingeleitet haben. Schon damals, als das medizinische Konzept im Zuge der Planungen für die Flugfeldklinik neu konstruiert wurde, war klar, dass es ein teurer Luxus ist, die beiden kleinen Häuser in der bisherigen Form weiterzubetreiben. Zu groß war wohl die Angst vor dem Aufbegehren vor Ort, zu groß die Sorge, dass die lokalen Akteure im Kreistag dann andere wichtige Projekte des Kreises torpedieren, zu gering das Standing der Kreisspitze, der Vernunft zur Durchsetzung zu verhelfen.

So wurde nicht nur viel wichtige Zeit zur Konsolidierung der Krankenhauslandschaft vergeudet, sondern auch viel Geld: Mit einem hohen zweistelligen Millionenbetrag werden die Häuser in Leonberg und Herrenberg derzeit modernisiert – für Strukturen und Aufgaben, die nun wohl nicht mehr nötig sind.

Harte Zeiten für das Personal?

Wenn der neue Geschäftsführer diese Einschnitte mitunter damit begründet, dass sie zu mehr Patientenwohl führen werden, dann muss man ihn in Zukunft beim Wort nehmen. Dabei darf jedoch auch das Wohl der Mitarbeitenden nicht unter den Tisch fallen. Dass Alexander Schmidtke schon einmal den eisernen Besen hervorholt und den Personal- sowie den Kommunikationschef kurzerhand vor die Tür setzt, zeigt, dass sich auch die Belegschaft auf harte Zeiten einrichten muss.