Gegründet wurde das Projekt 2018 aus dem Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart-Süd heraus, um den Geflüchteten im Quartier günstig zu Fahrrädern zu verhelfen. Foto: STZN/Torsten Schöll

So einen Umzug sieht man nicht alle Tage: Die offene Fahrradwerkstatt „Keller 5“ ist am Samstag bei frostigen zwei Grad und mit über 20 freiwillige Helfern umgezogen – natürlich stilecht mit Lastenrädern.

Stuttgart - „Hier passt noch ein Rad drauf“, ruft einer der Umzugshelfer, und zeigt auf das grüne Lastenfahrrad, auf dem schon neben einem Berg Felgen und Schläuchen zwei oder drei alte Fahrräder festgezurrt sind. Aus dem Keller kommt Ramadan Abduhlrahman mit einem der letzten Kartons voller Werkzeug und kleinen Ersatzteilen. Vor dem Wohnhaus in der Schickhardtstraße 35 wird es langsam eng auf dem Gehsteig. Erst mal absetzen. Der Kurde aus Syrien hilft immer mal wieder im „Keller 5“ mit. „Ein bisschen Räder reparieren“, sagt er lächelnd.

Vor der Asylunterkunft in der Schickhardtstraße stehen am Samstagvormittag bei frostigen zwei Grad über 20 freiwillige Helfer und warten darauf, dass die Karawane sich in Gang setzt. Die Ersten fangen schon an, ungeduldig mit den Fahrradklingeln zu spielen. Von unzähligen Critical-Mass-Demos wissen die meisten hier, wie man mit einer großen Gruppe Radfahrer durch die Innenstadt manövriert. „Am besten so, dass man den Verkehr lahmlegt“, sagt Reinhard Otter und lacht.

Vom Keller ins Erdgeschoss

Er ist einer der Initiatoren von „Keller 5 – die offene Fahrradwerkstatt“. Gegründet wurde das Projekt 2018 aus dem Freundeskreis Flüchtlinge Stuttgart-Süd heraus, um den Geflüchteten im Quartier günstig zu Fahrrädern zu verhelfen. „Inzwischen kommen die Leute aber aus der ganzen Stadt, um hier ein Rad zu finden“, sagt Otter. Weil die Unterkunft in der Schickhardtstraße im Frühjahr schließt, muss auch der „Keller 5“ aus dem Kellerraum mit der Nummer 5 ausziehen – und das passiert natürlich ganz stilecht und soweit möglich mit Lastenfahrrädern. Für die Initiative, die trotz Standortwechsel am eingeführten Namen festhält, ein echter Aufstieg: Denn künftig kommt die Keller-Werkstatt in Räumen des Internationalen Bunds (IB) in der Hauptstätter Straße 119 unter – und die liegen im Erdgeschoss.

Und dann gibt Otter endlich das Zeichen zur Abfahrt. Die sieben schwer beladenen Lastenfahrräder, einige davon hat die Initiative Lastenrad Stuttgart zur Verfügung gestellt, und über ein Dutzend Fahrräder rollen unter lautstarkem Geklingel langsam die Schickhardtstraße Richtung Schoettle-Platz hinunter. Der Autoverkehr hat erst einmal das Nachsehen. Bei den Passanten sorgt der Lindwurm auf Rädern für mächtig aufsehen. Einen Umzug mit Fahrrädern sieht man nicht alle Tage.

„Keller 5“ soll Leihstandort für Lastenräder werden

Carlo Winterscheid, der mit dem Lastenfahrrad schon so manches transportiert hat, findet die Idee klasse: „Man kann die Räder gegen eine Spende an vielen Stellen in der Stadt ausleihen“, sagt der 30-Jährige. „Einfach online registrieren.“ Dass man mit den langen Vehikeln manchmal an den Pollern hängenbleibt, die die Radwege versperren, sei zwar nicht so praktisch, aber man komme immer durch. Zukünftig soll auch der „Keller 5“ ein Leihstandort für Lastenräder werden.

Am Erwin-Schoettle-Platz biegt die Karawane in die Böblinger Straße ab. Da das Wetter mitspielt, die Straße durchgehend ein wenig abschüssig und auch die Kälte dank der morgendlichen Sonnenstrahlen nicht mehr ganz so bissig ist, lassen es die vielen Freiwilligen gut gelaunt laufen. Ein paar Passanten winken, keiner hupt. Über das kurzzeitige Verkehrshindernis scheint sich niemand an diesem Vormittag zu stören.

Wie eine gut geölte Fahrradkette

Die Idee zu einer Fahrradwerkstatt für und mit Flüchtlingen, erzählt Otter, sei lange vor der Eröffnung von Keller 5 entstanden. „Da gab es angesichts der vielen Flüchtlinge schon die ganze Zeit eine riesige Hilfsbereitschaft“, sagt der Technikjournalist aus Stuttgart-Süd. „Wir müssen jedenfalls nicht über Integration reden. Hier treffen sich Menschen und Nachbarn, die ein Thema verbindet.“ Wie bisher soll auch ab Anfang März, wenn die neuen Werkstatträume hergerichtet sind, dienstags und donnerstags ab 18.30 Uhr geöffnet sein.

Kurz hinter dem Marienplatz biegt der Konvoi schließlich links in die Cottastraße, überquert in einem Zug die Hauptstätter Straße und erreicht – mit fröhlichem Klingelkonzert – das Ziel im Hof des IB. Der ganze Transport hat nicht länger gedauert als eine Viertelstunde. Ein Umzug, der bis dahin so geschmiert lief wie eine gut geölte Fahrradkette.

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