Im Ortskern von Plieningen dominierten ältere Häuser in Privateigentum, in denen großteils noch mit Gas und Öl geheizt wird. Foto: Judith A. Sägesser

In einem Workshop sollten die Bewohner von Stuttgart-Plieningen Ideen sammeln, wie ihre Häuser klimafreundlicher werden. Doch statt zu Gruppenarbeit kam es zum Eklat. Und dann verschwanden viele einfach.

Eigentlich sollten die Plieninger Ideen entwickeln, wie sie künftig klimafreundlicher heizen können. Doch aus dem geplanten Workshop diese Woche mit einem Vertreter der Stadt Stuttgart und zwei Mitarbeiterinnen von Drees & Sommer wurde ein Abend des Unmuts. Bis der Workshop begann, war ein großer Teil der gut 70 Menschen schon gegangen. Vorher war anderthalb Stunden diskutiert sowie Kritik gegenüber den Initiatoren geäußert worden – und das ganz schön heftig. Es fielen Sätze wie: „Das Vertrauen in Sie ist gleich null.“

 

Bürger sollten rasch miteinbezogen werden

Doch von Anfang an: Stuttgart soll bis 2035 klimaneutral werden, zehn Jahre früher als Deutschland, fünf Jahre früher als Baden-Württemberg. Eine große Rolle spielen die Gebäude und wie sie geheizt werden. Es geht also in den kommenden zwölf Jahren auch darum, wie die Stuttgarter dazu motiviert werden können, ihre Gas- oder Ölheizung gegen eine klimafreundlichere Variante auszutauschen; etwa eine Wärmepumpe oder den Anschluss an ein Wärmenetz.

Nun hat die Stadt mehrere Straßenzüge ausgewählt, unter anderem in Plieningen, um dort energetische Quartierskonzepte zu entwerfen. Das heißt: Die jeweiligen Bewohner sollen sich Gedanken machen, welche Heizarten bei ihnen künftig Sinn machen und ob sie sich zusammentun könnten.

Zu kleinteilig sei das Ganze, wird kritisiert

Doch bei der Veranstaltung in Plieningen war die Skepsis immens. Das dürfte auch daran liegen, dass bisher wenig Konkretes feststeht – etwa ob Wärmequellen wie die Kläranlage genutzt werden könnten. Zudem geht es nur um einen kleinen Teil im Ortskern sowie einige Straßen rund um die Sporthalle im Wolfer. Das ergebe keinen Sinn, sagten mehrere Bürger, man müsse auch die Umgebung betrachten. Zum anderen entspreche das Quartier nicht jenem, das bei der kommunalen Wärmeplanung untersucht werde.

Drees & Sommer hat ein Quartier mit rund 8500 Einwohnern ausgewählt, in dem 81 Prozent der Wohngebäude in Privateigentum sind und mehr als 60 Prozent vor 1977 gebaut wurden. Dort wird fast vollständig mit Gas oder Öl geheizt. Ein Anschluss an ein Wärmenetz ist für die meisten keine Option. Realistisch seien Solar und Solarthermie, sagte Natalie Schmid, Beraterin für Energie und Nachhaltigkeit bei Drees & Sommer.

„Ich habe nicht mit dieser Gegenwehr gerechnet“, sagt eine

Dass die Veranstaltung so aus dem Ruder gelaufen ist, hat Evelyn Sindermann überrascht. Sie war in einer Doppelrolle da – als Betroffene und als Vertreterin der Energiegruppe der Initiative 70599_Lebenswert. „Ich habe nicht mit dieser Gegenwehr gerechnet.“ Die Leute seien offenbar mit falschen Erwartungen gekommen. „Die wollten wissen: Kaufe ich jetzt eine Wärmepumpe oder nicht?“ Und sie sagt: „Man muss das auf jeden Fall ernst nehmen.“

Das plant auch die Stadtverwaltung: Man wolle Antworten auf die gestellten Fragen liefern, verspricht eine Sprecherin. Mit den Reaktionen der Bürger habe man in diesem Umfang nicht rechnen können, denn Veranstaltungen für andere Quartierskonzepte hätten überwiegend als Online-Meeting stattgefunden mit deutlich weniger Teilnehmenden. Man habe in Plieningen deutlich gespürt, wie groß die Verunsicherung in der Bürgerschaft sei, insbesondere rund um die Neureglung des Gebäudeenergiegesetzes, sagt die Sprecherin: „Uns als Stadtverwaltung sind hier jedoch die Hände gebunden.“

Infoabend mit Energieberatern in Birkach

Infoabend
Die Initiative 70599_Lebenswert und das Energieberatungszentrum Stuttgart veranstalten am Donnerstag, 19. Oktober, einen Infoabend zu nachhaltiger Energie. Es geht unter anderem um energetische Gebäudesanierung, Photovoltaik Wärmepumpe und Förderungen. Beginn ist um 18 Uhr im Haus Birkach an der Grüninger Straße 25. (jub)