Am Ende reitet Angela Merkel wie Lucky Luke in den Sonnenuntergang: Das „Merkelbilderbuch“ des Karikaturisten Klaus Stuttmann liefert deutsche Geschichtsschreibung der etwas anderen Art.
Stuttgart - Angela Merkel habe in ihrer langen Zeit an der Macht nie gestaltet, immer nur verwaltet, meinen einige ihrer Kritiker. Ob das eine gerechte Einschätzung ist, sei einmal dahingestellt. Richtig ist aber, dass zähes Abwarten und äußere Unaufgeregtheit zu den politischen Mitteln ihrer Wahl zählten. Mit dieser Geduld haben sich auch Karikaturisten schwergetan, die Tag um Tag vor der Frage standen, wie sie der sedierenden Signalwelt Merkels witzige Bilder abringen sollten.
Der 1949 geborene Klaus Stuttmann, dessen Karikaturen unter anderem im Berliner „Tagesspiegel“, der „taz“ und der „Hannoverschen Allgemeinen“ erscheinen, hat mit dem Heranrücken von Merkels Abschied schon 2018 seine Bilder von ihr zusammengesucht. Der nun beim Schaltzeit Verlag in erweiterter Fassung erschienene Band „Mein Merkelbilderbuch“ liefert deutsche Geschichtsschreibung der etwas anderen Art.
Dann hatte er ein Erweckungserlebnis
Politische Karikaturen leben von der Aktualität. Das ist oft auch ihr Elend. Je mehr uns aus dem Gedächtnis gerät, was da vor Jahren und Jahrzehnten tagespolitisch los war, wo die Fronten verliefen und wer sich womit gerade hervorgetan hatte, desto größer die Gefahr, dass wir ratlos auf eine Zeichnung blicken. Was wir aus der Ära Merkelnoch alles parat haben, können und müssen wir mit „Mein Merkelbilderbuch“ aber nicht nachprüfen. Stuttmann hat nämlich eine radikale Entscheidung getroffen. Er hat die Texte der Karikaturen weggelassen.
Wie es dazu kam, beschreibt er selbst im Vorwort, in dem er seinen Frust an Merkels einschläferndem Politikstil erwähnt. Doch dann hatte er ein Erweckungserlebnis, er sah „zufällig einen TV-Beitrag mit ihr ohne Ton. Dabei wurde mir plötzlich bewusst, ihr Sprachduktus, ihre uninspirierte Satzmelodie sind es, was langweilt. Und das überdeckt und prägt alles andere. Eine sprachlose Merkel schien mir paradoxerweise plötzlich ausgesprochen vielversprechend“.
Dauerhafte Akteurin mit großem Potenzial
Stuttmann hat seine eigenen Zeichnungen neu entdeckt: die Vielfalt der Gesichtsausdrücke und Charakterzüge. Beim ersten Durchblättern fallen die schrillen Verfremdungen ins Auge: Merkel als Punkerin, Nonne, Weihnachtsmann, Krokodil und Greisin. Das stellt immer auch die Frage, ob wir auf eine Maske behäbigen Gleichmuts hereinfallen. Schaut man den Band genauer an, legt er Zeugnis ab von einer kollektiven Entwicklung. Anfangs sieht Stuttman wie viele andere Merkel als flüchtige kleine Abwechslung. Ihr Frausein bildet den fassbaren Kontrast zu anderen Akteuren, aber Stuttmann glaubt wohl nicht, sich mit ihr lange auseinander setzen zu müssen.
Allmählich aber wird ihm klar, dass er eine dauerhafte Akteurin mit großem Potenzial vor sich hat, eine Macht im Lande, die auch Stuttmann manchmal als erdrückend zu empfinden scheint. Am Ende scheint in den Karikaturen eine Müdigkeit Merkels durch, die ein wirklich schöner Schluss auflöst: Wie Lucky Luke reitet sie in den Sonnenuntergang.
Klaus Stuttmann: Mein Merkelbilderbuch. Schaltzeit-Verlag. 200 Seiten, 24,90 Euro.