Im Haus Blumenküche in Mössingen gibt es viel Fluktuation beim Personal. Foto: oh/Wein

Nach anhaltenden Beschwerden verhängt die Heimaufsicht einen Aufnahmestopp gegen ein Haus der Benevit-Gruppe am Stammsitz in Mössingen.

Weder satt noch sauber: Angehörige von Bewohnern des Mössinger Pflegeheims Blumenküche haben sich mit schweren Vorwürfen gegen den Betreiber an die Öffentlichkeit gewandt. Die Zustände seien unhaltbar. Bewohner seien regelmäßig durchnässt, Medikamente würden nicht richtig verabreicht, Bewohner seien bisweilen dehydriert und teilweise hungrig. „Wir verlieren die Hoffnung, dass es auf dem Gesprächsweg substanzielle Veränderungen gibt“, sagte ein Sprecher der Angehörigen. Er vertrete 26 Familien, die aus Furcht vor einer Kündigung ihre Namen nicht öffentlich machen wollen. Insgesamt leben in dem Heim gegenwärtig 56 Pflegebedürftige.

 

Das Haus Blumenküche gehört zur Benevit-Gruppe, die bundesweit 30 Einrichtungen mit 2300 Bewohnern betreibt. Inwiefern auch in anderen Häusern ähnliche Missstände herrschen, könne er nicht sagen, sagte der Angehörigenvertreter. „Allerdings will mir nicht in den Kopf, dass ausgerechnet in dem Haus, das in 90 Sekunden von der Hauptverwaltung aus zu erreichen ist, so ein Zustand herrscht.“ Die Benevit-Gruppe hat ihren Hauptsitz in Mössingen und versteht sich als „schwäbisches Familienunternehmen“, bei dem der Mensch im Mittelpunkt stehe.

Senioren brütet unter dem Dach

Auch die Heimaufsicht des Tübinger Landratsamtes wurde in diesem Jahr schon mehrfach in der Einrichtung mit teilweise unangekündigten Kontrollen vorstellig. Dabei sollen die Kontrolleure dem Vernehmen nach ihren Augen nicht getraut haben. Wegen eines Wasserschadens im Erdgeschoss waren Bewohner in leer stehende Büroräume im Dach ausquartiert worden. Eine demente Frau saß dort im August ohne Wasser und Klingel bei 39 Grad. Die Heimaufsicht ordnete die sofortige Umquartierung an. „Dies wurde leider trotz eines bereits vorherigen Hinweises der Heimaufsicht erforderlich“, sagte ein Sprecher der Behörde.

Ein Bericht der Regelbegehung von Anfang Juni, der unserer Zeitung vorliegt, listet zahlreiche Mängel auf: Fenster, die sich nicht zum Lüften öffnen lassen, dreckige Bettwäsche, defekte Lichter, fehlende Klingelknöpfe, durchgesessene Möbel. Den Bewohnern würden überhaupt keine Vollkornprodukte, kaum Hülsenfrüchte, zu wenig Gemüse, Obst und Käse, dafür vor allem Wurst und Fleisch angeboten. Teilweise seien die Portionen zu klein. Vor allem aber gebe es zu wenig Personal, was Auswirkungen auf die Pflege habe. Bei der Medikamentengabe gebe es Probleme, der Blutzuckerspiegel werde bei Diabetespatienten offenbar nicht regelmäßig kontrolliert. Bisweilen lege die Pflegedienstleitung selbst Verbände an. Das sei nicht ihre Aufgabe – vor allem nicht in Alltagskleidung.

Wer sich nicht impfen ließ, wurde entlassen

Als Konsequenz verhängte die Heimaufsicht einen Aufnahmestopp, um die Zahl der Bewohner mittelfristig auf 50 zu senken. Nach Informationen unserer Zeitung wehrt sich Benevit dagegen mit einem rechtlichen Widerspruchsverfahren. Ein Sprecher des Unternehmens verwies auf eine Stellungnahme des geschäftsführenden Gesellschafters Kaspar Pfister vom August. Einige Kritikpunkte seien unzutreffend. Man räume aber ein, „dass wir unserem Anspruch, eine hochwertige Betreuung und Pflege hilfebedürftiger Menschen zu leisten, derzeit nicht vollständig gerecht werden“, ließ sich Pfister damals zitieren. Man habe eine Qualitätsoffensive gestartet, die Suche nach Stammpersonal laufe auf Hochtouren. Die im August neu vorgestellte Pflegedienstleiterin befindet sich aber schon wieder im Krankenstand.

Pfister wurde im vergangenen Jahr landesweit bekannt, weil er bereits früh die Umsetzung der Impfpflicht für sein Personal verkündete. Wer die Impfung ablehne, den stelle er frei, sagte Pfister damals. Nach Ansicht der Angehörigen habe er damit die damals schon herrschenden Personalprobleme verschärft. Auf einen Brief der verbliebenen Mitarbeiter, die sich über völlige Überforderung beklagten und vor Mängeln in der Pflege warnten, habe er nicht reagiert. Viele hätten inzwischen gekündigt, heißt es. Die Fluktuation ist hoch. „Wer gebraucht wird, lebt länger“, lautet ein Buch, das Pfister geschrieben hat. „Für uns klingt das wie Hohn“, sagte eine Vertreterin der Angehörigen.