Viele Kommunen haben Probleme genügend Personal in den Kitas anzustellen. Es gibt aber auch einige Gegenbeispiele. Foto: KS-Images.de / Karsten Schmalz

Es gibt sie noch, die Inseln der Glückseligen: Einige Kommunen im Kreis Böblingen haben entgegen des allgemeinen Trends im Kitabereich keine Personalprobleme. Woran das liegen könnte, haben wir in Erfahrung gebracht.

Es ist Mittagszeit in der Kita Seestraße in Schönaich. Einige Kinder hocken im Eingangsbereichs und ziehen ihre Schuhe an, um nach Hause zu gehen. Andere sitzen bereits in den Startlöchern auf ihren kleinen Stühlchen in einem Raum nebenan und essen ihr Mittagessen. Kaiserschmarrn – aber salzig! – steht auf dem Menü.

 

Ein ganz normaler Tag in der Kita in Schönaich – und doch ganz besonders: In einer Zeit, in der Träger von Kitas Hände ringend nach Erzieherinnen und Erziehern suchen, hat die Gemeinde es nämlich geschafft, alle ihre Personalstellen zu besetzen. Warum läuft es in manchen kommunalen Einrichtungen so gut?

Seit 25 Jahren arbeitet Johanna Kubon bereits in der Frühkindlichen Bildung: Zuerst als Erzieherin, dann übernahm sie ab 2015 schrittweise die Gesamtleitung der Kindertagesstätten in Schönaich. Man merkt es ihr an: Sie brennt auch nach über zwei Jahrzehnten noch für ihren Job – und füllt ihre Führungsposition mit Empathie und Sachverstand. Sie weiß, wie es um ihre Branche steht. Und trotzdem ist die Gemeinde – ebenso wie beispielsweise Grafenau – weit entfernt von den Personalproblemen, die in anderen Kommunen den Betrieb nahezu lahmlegen.

Ein gelungener Maßnahmen-Mix

In Schönaich gibt es kein einheitliches pädagogisches Konzept für Kitas

Johanna Kubon setzt in Schönaich auf eine Mischung von Maßnahmen, mit der sie bei ihrem Personal zu punkten scheint. So gibt es in den acht Einrichtungen in der Kommune beispielsweise kein einheitliches pädagogisches Konzept, nach dem die Kitas ausgerichtet sind. „Alle Konzepte haben gute Ansätze“, sagt sie. Diese zu kombinieren und individuell Schwerpunkte zu setzen, sieht Johanna Kubon als große Erleichterung für das Kita-Personal. Auf vorgegebene Beobachtungsbögen, anhand derer die Entwicklung von Kindern in verschiedenen Bereichen festgehalten wird, verzichtet die Gemeinde ebenfalls. Die Mitarbeitenden hätten maximale Freiheit, wie sie die pädagogischen Instrumente einsetzen. „Standards sind gut, aber eine gewisse Flexibilität sollte erhalten bleiben“, sagt die 56-jährige Gesamtleiterin.

Auch den Personalschlüssel sieht Johanna Kubon als „Schlüssel“ zum Erfolg: Die Mindestanforderung sei eine Belastung für die Kita-Teams. Bei Ausfällen würden die Mitarbeitenden permanent überlastet, was wiederum zu großen Frustrationen führen kann, erklärt sie. Während die Mindestbesetzung für Schönaich 49,6 Stellen vorsieht, managt Johanna Kubon in Schönaich 55,59 Stellen – insgesamt 99 Kollegen und Kolleginnen. „Diese zusätzliche Personalkapazität ist eine große Entlastung für die Teams“, sagt sie. Wenn jemand krank wird oder aus anderen Gründen ausfällt, hat Johanna Kubon gemeinsam mit den 13 geeigneten Kräften, die sie als Springerinnen einsetzen kann, genügend Personal, um Engpässe überbrücken zu können. So können nicht nur Schließzeiten verhindert werden; diese Tatsache spricht sich auch bei Erzieherinnen herum, die sich dann oftmals gezielt auf die entsprechenden Stellen bewerben.

Auch in Grafenau, wo Andrea Trubrig-Kienle die Gesamtleitung der Kitas inne hat, wird nach diesem Prinzip verfahren: Hier sind ebenfalls deutlich mehr Mitarbeitende angestellt, als die Mindestanforderungen vorsehen. „Das ist wirklich Gold wert“, sagt Andrea Trubrig-Kienle, die schon seit den 80er Jahren bei der Gemeinde arbeitet.

Geeignete Kräfte entlasten das Kita-Personal

Im Gespräch mit Erzieherinnen scheinen diese beiden Punkte besonders ins Gewicht zu fallen. Ana Maria Beyer-Suarez arbeitet seit letztem Oktober bei der Gemeinde Schönaich und hat zuvor bereits in größeren Kommunen unter anderem auch im Kreis Böblingen gearbeitet. Dort hat sie allerdings gekündigt – der Grund: Sie hat die Arbeit als nicht mehr sinnvoll empfunden, hatte sogar Burn-out. In Schönaich fühlt sie sich wohl und sie weiß auch, warum: Keine strikten Konzepte, an die sie sich halten muss, und ausreichend Personal, das nicht permanent im Krisenmodus arbeitet. Ein weiterer Pluspunkt für Beyer-Suarez: In Schönaich hat sie eine adäquate digitale Ausstattung, mit der sie ihre Arbeiten in der Verfügungszeit absolvieren kann. Außerdem hat die Kommune eine größere Anzahl an Mitarbeitenden , die sich um Kinder mit Förderbedarf kümmern. „Die geeigneten Kräfte sind im Kita-Alltag eine riesige Hilfe“, schließt sie. An ihrer früheren Arbeitsstätte seien diese nicht so flexibel eingesetzt worden wie in Schönaich: Hier helfen sie in der Küche aus oder schnüren die Schuhe der Kleinen. Kurz: Sie packen ganz pragmatisch dort an, wo es klemmt.

Die erfahrene Erzieherin ist sich außerdem sicher: Je größer die Strukturen werden – und damit auch die Kommunen – desto hierarchischer werden sie. „Hierarchien stehen einer direkten Kommunikation im Weg“, sagt Ana Maria Beyer-Suarez. Immer wieder kommt im Gespräch mit Erzieherinnen und den Gesamtleiterinnen in Schönaich und Grafenau auf, wie wichtig Ansprache, Wertschätzung und ein offenes Ohr von Vorgesetzten sind.

Kleinere Gruppen – besseres Klima

Kleinere Kommunen haben gegenüber größeren einen Vorteil

Stephan Otto, Professor für Kindheitspädagogik an der IU Internationalen Hochschule in Erfurt, bestätigt, dass kleinere Kommunen einen Vorteil haben könnten: „Hier sind üblicherweise kleinere Gruppengrößen in den Einrichtungen vorhanden und kleinere Teams mit einem direkteren Zugang zur Leitung nachweisbar, was insgesamt zu einem besseren Arbeitsklima beitragen kann“, erklärt er. Größere Städte hätten es außerdem mit Kindern aus vielen unterschiedlichen sozioökonomischen Bereichen zu tun, was die Arbeit herausfordernder mache. Laut dem Professor spielen ebenfalls ein guter Betreuungsschlüssel und ein wertschätzender Führungsstil eine zentrale Rolle, um im Kitabereich Personal zu gewinnen und zu halten. Darüber, ob bestimmte konzeptuelle Ausrichtungen einen Einfluss auf die Personalsituation haben, gebe es allerdings keine klare Antwort.

Kindertagesbetreuung im Kreis Böblingen

Platzmangel
 Bis zum Stichtag im März haben Kommunen dem Landkreis einen Mangel an Erzieherinnen für 730 Plätze im U3- und für 1019 Plätze im Ü3-Bereich gemeldet. Doch die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen: In der Realität fehlen wahrscheinlich noch mehr Plätze, da nicht alle Kommunen ihre Zahlen beim Landkreis gemeldet haben.

Geburten
 Während die Zahl der Geburten in der Altersgruppe 0 bis 3 Jahre zurückgeht, steigt die Zahl der Kinder zwischen 3 und 6 Jahren. Vor allem in diesem Bereich müssen also Plätze geschaffen werden.

Klageverfahren
 Seit dem vergangenen Sommer wurde der Landkreis Böblingen 15 Mal von Eltern verklagt, die keinen Kita-Platz für ihre Kinder bekommen haben. Eines dieser Verfahren endete bereits mit einem Zwangsgeld. Der Landkreis musste 5000 Euro bezahlen.