Eltern müssen jetzt solidarisch untereinander sein und jede Stunde Betreuungszeit abgeben, die sie nicht brauchen. Unsere Autorin Lisa Welzhofer fürchtet, dass sonst jene Kinder unter der Kitakrise leiden, die einen Platz am nötigsten hätten.
Im badischen Stutensee ebenso wie im fränkischen Tauperlitz. Im bayerischen Friedberg wie im württembergischen Tübingen. Überall tragen in diesen Monaten Eltern ihren Ärger auf die Straße. Zuletzt demonstrierten am Freitag in Stuttgart Hunderte Väter, Mütter, Erzieherinnen und Erzieher unter dem Motto „Kitastrophe – Stoppt den Kitanotstand“ gegen die Probleme in den Einrichtungen: gegen zu wenig Personal, um Kinder gut betreuen und fördern zu können. Gegen verkürzte Öffnungszeiten und Gruppenschließungen. Sie protestieren damit auch gegen die gebrochenen Versprechen der Politik, jungen Familien einen guten Start zu ermöglichen.
Dass das Thema eine große Öffentlichkeit bekommt, ist richtig. Denn genug und gut arbeitende Kitas waren wohl nie so wichtig wie derzeit. Dabei geht es längst nicht nur um Orte, an die erwerbstätige Eltern ihre Kinder guten Gewissens bringen können. Oder darum, Firmen, öffentlichen Dienst und die soziale Infrastruktur mit Fachkräften zu versorgen, die das Funktionieren und den Wohlstand des Landes sichern sollen.
Kita als Grundlage gelingenden Lebens
Die Aufgabe ist größer: Dass sie in Kitas gut und liebevoll betreut werden, dass mit ihnen gesprochen, gesungen, gereimt, gespielt wird, entwickelt sich für immer mehr Jungen und Mädchen zur Grundlage eines gelingenden Lebens. Noch nie verbrachten – zumindest in Westdeutschland – so viele junge Kinder so viel Zeit in Betreuungseinrichtungen. Gleichzeitig scheint es zunehmend Eltern zu geben, die Mühe haben, ihre Kinder warmherzig, wertschätzend, fördernd und sicher zu begleiten, was unter anderem die Voraussetzung für einen guten Start ins Schulsystem ist. „Da fehlt einfach alles, wenn ein Kind nicht in der Kita war“ – so drückte es eine Grundschulrektorin aus.
In der aktuellen Misere aber hat vor allem jene Gruppe das Nachsehen, für die ein Kitaplatz lebensverändernd sein könnte. Kinder, deren Eltern krisenbeschädigt sind, die sich im täglichen Existenzkampf zerreiben. Und die manchmal nicht den Kopf, manchmal nicht das Sprachvermögen haben, ihr Recht auf einen Betreuungsplatz einzufordern. Es sind Familien, die man eher nicht unter den Demonstranten findet. Sie haben keine gemeinsame Stimme. Dabei ginge es um mehr als die Linderung individueller Nöte. An ihrem Beispiel zeigt sich, wie gut Gesellschaft gelingt, ob Teilhabe und Chancengerechtigkeit nicht nur Wortwolken sind.
Möglichst viele Kinder ins System holen
Die Politik – die lange viel zu wenig Aufmerksamkeit und Geld in frühe Betreuung fließen ließ – muss sich jetzt zum Kinderlobbyisten machen, für alle, insbesondere für jene ohne sprachmächtige Eltern. Sie muss in das System Kita investieren und aus der jetzigen Situation das Beste machen, also für möglichst viele Kinder ein Miteinander ermöglichen, in dem sie voneinander Sprache, Bewegung, Gemeinschaft lernen. Dafür gibt es gute Ideen, die teils schon umgesetzt werden. Direkteinsteiger sollen schneller arbeiten können, Fachkräfte sich auf Kernzeiten konzentrieren, während in den restlichen Stunden Angelernte für die Kinder da sind. Die Verantwortlichen sollten alle Ideengeber hören und einbeziehen. Dazu gehören Eltern, die nicht nur protestieren, sondern Lösungsansätze präsentieren.
Richtig ist aber auch, dass Kommunen anfangen abzufragen, ob jene, die einen Platz haben, ihn in vollem Umfang brauchen. Ja, Eltern müssen schon jetzt ständig ausfallende Zeiten auffangen. Aber jede gebuchte Kitastunde, die eine Familie abgibt, kann einer anderen helfen, die leer ausgegangen ist. Das ist der Beitrag, den Familien jetzt bereit sein sollten zu zahlen. Das ist die Solidarität, die es nun auch braucht.