Therapiehund Gibson soll eine beruhigende Wirkung auf Kinder haben – im Kinder- und Familienzentrum Bachwiesen wird er gerne als Lernhelfer eingesetzt. Was kann ein Therapiehund bewirken? Und wann wird es für das Tier problematisch?
„Bevor der Gibson reinkommt, gehen wir noch einmal die Regeln durch“, sagt Julia Steffen, stellvertretende Leitung des Kinder- und Familienzentrums Stuttgart-Heslach. Vier Mädchen im Vorschulalter sitzen im Schneidersitz vor ihr, um sie sind Matten und Stoffkissen verteilt. „Wir dürfen den Gibson nicht an den Haaren ziehen“, sagt ein kleines Mädchen. Ein anderes: „Wir müssen leise sein.“ Alle legen den Zeigefinger an die Lippen – „Psst!“.
„Der Gibson“ ist ein Therapiehund, der Pädagogin Julia Steffen gehört. Im Kinder- und Familienzentrum Bachwiesen der Diakonie Stetten kommt er drei- bis viermal die Woche zum Einsatz. Der Hund soll den Kindern das Lernen und den Umgang miteinander erleichtern, wie Steffen erklärt. Seit knapp einem Jahr ist sie mit ihrem Hund im Familienzentrum tätig. „Tiere haben eine Eisbrecherfunktion“, so die ausgebildete Erzieherin. Oft könne ein Tier Türöffner zwischen Pädagoge und Kind sein.
Hund hilft beim Zählenlernen
Die Aufgaben des Therapiehundes im Familienzentrum sind vielseitig. Da es sich um eine inklusive Einrichtung handelt, arbeitet Julia Steffen viel mit Kindern mit Einschränkungen oder autistischen Auffälligkeiten. Auch in der Lernhilfe wird der Therapiehund eingesetzt: Heute sind vier Mädchen zwischen fünf und sechs Jahren an der Reihe.
„Wo ist Gibson?“, fragen sie. Im Sitzkreis können die Kinder kaum noch still halten. Sie sind hibbelig, springen immer wieder vom Platz auf. Dann kommt der Moment, auf den sie alle hinfiebern: Am Geschirr führt Steffen ihren elfjährigen Labrador in den Raum. Die Mädchen springen auf ihn zu, „Gibson!“, rufen sie. Auch der Hund scheint sich zu freuen: Er wedelt mit dem Schwanz, kommt munter auf die Kinder zu. Ein Mädchen umarmt den Hund zur Begrüßung. Eine Begegnung auf Augenhöhe, könnte man sagen – denn mit ihren fünf Jahren ist sie nur unwesentlich größer als der Labrador.
Was ist tiergestützte Pädagogik?
Der macht jetzt aber erst mal brav Platz. Auf zwei Matten im Zentrum des Raumes bilden die Kinder einen Kreis um Therapiehund Gibson. Julia Steffen hat Flicken in Form von Zahlen vorbereitet. Das Ziel für heute: spielerisch den Umgang mit Zahlen üben. Die Kinder sollen die jeweilige Anzahl an Leckerlis auf die Stoffziffern legen. Ist das richtig, darf Gibson sie fressen – eine Belohnung für den Hund und für die Kinder, so Steffen. Was bringt die Einheit? „Mit einem Hund an ihrer Seite fällt es den Kindern oft leichter zu lernen“, sagt Steffen.
Denn der Hund habe auf Kinder eine beruhigende Wirkung: Er könne blutdrucksenkend wirken, durch das Streicheln werde im Körper das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet. Und: Der Kontakt mit einem Tier schenke Kindern besonderes Selbstvertrauen. „Das Kind wird sich seiner Verantwortung gegenüber einem anderen Lebewesen bewusst“, so Steffen.
Einen positiven Effekt durch den Hund erhofft sich die Pädagogin nicht nur bei der Arbeit mit Kindern. Auch Lernhilfe für Jugendliche mit ADHS oder Traumatherapie bietet sie an. Was ihr wichtig ist: „Ich bin keine ausgebildete Therapeutin und gebe kein Heilversprechen.“ Tiergestützte Intervention sei lediglich eine Ergänzung.
Das Tierwohl muss vorgehen
Offiziell ist Steffen staatlich geprüfte Erzieherin. Zusätzlich hat sie die Ausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Intervention absolviert. Gibson ist ein Therapiehund, beide Bezeichnungen sind laut Steffen aber nicht geschützt. „Ich halte mich an die Richtlinien der ESAAT“, so die Pädagogin. ESAAT steht für European Society for Animal Assisted Therapy (Europäische Gesellschaft für tiergestützte Therapie) – auch der Deutsche Tierschutzbund verweist auf die Empfehlungen der Gesellschaft. Grundlage für das Wohl des Tieres sind laut ESAAT eine bedürfnisgerechte Haltung und die Freiwilligkeit der Arbeit. Das Tier müsse jederzeit die Möglichkeit haben, sich gegen den Einsatz als Therapiehund zu entscheiden.
„Ob das Tierwohl gewährleistet wird, ist je nach Hund und Pädagoge sehr individuell“, sagt Nina Brakebusch, Fachreferentin für tiergestützte Intervention vom Deutschen Tierschutzbund. Von außen sei es gar nicht so einfach, das zu beurteilen. Eine Qualifikation durch die ESAAT, wie Steffen sie hat, wäre aber schon einmal ein guter Anhaltspunkt.
Wichtig sei vor allem, dass das Tier nicht überlastet ist. „Als Halter muss man seinen Hund lesen können: Hecheln oder Gähnen zum Beispiel können eindeutige Stresssignale sein“, so die Expertin. Wenn das auftritt, sollte der Pädagoge den Termin sofort abbrechen.
Termine absagen für das Tierwohl
Auch Julia Steffen kennt das. „Wenn sich Gibson über die Nase leckt, ist das ein eindeutiges Stresssignal“, sagt sie. Falls das passiert, versucht sie, den Hund aus der Sitzung zu entfernen, geht eine Runde Gassi. „Man darf eben nicht vergessen, dass ein Therapiehund auch ein Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen ist“, so die Pädagogin. Wenn der Hund nicht in der richtigen Stimmung ist, kommt es durchaus mal vor, dass sie Termine absagt.
Auch bei der Lerneinheit in der Kita läuft nicht alles glatt. Zu Anfang scheint Gibson nervös zu sein, hält sich nah an seine Bezugsperson Steffen. Im Laufe der Einheit wird er ruhiger. Auch die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder sinkt nach einiger Zeit. Steffen beendet die Einheit ein wenig früher als geplant. „Es ist wichtig, dass Mensch und Tier immer Spaß an der Arbeit haben“, erklärt die Erzieherin.
„Der beste Hund der Welt“
Nach circa einer halben Stunde bringt sie Gibson wieder in sein Körbchen, die Kinder zurück in die Gruppenräume. Zum Abschluss gibt es aber noch einmal eine Kuscheleinheit mit dem Labrador. Die Kinder streiten sich: „Gibson ist der beste Hund der Welt“, sagen die einen. „Alle Hunde sind toll“, sagen die anderen. In einem sind sie sich aber einig: wie sehr sie Gibson lieben. Für den nächsten Termin haben sie schon konkrete Pläne: „Wir könnten eine Spur aus Leckerlis legen, die Gibson essen darf.“
Tiergestützte Interventionen
Definition
Tiergestützte Pädagogik fällt laut dem europäischen Dachverband ESAAT unter den Überbegriff der tiergestützten Intervention. Sie kann in Einzel- oder Gruppenumgebung stattfinden. Ziele tiergestützter Interventionen sind es unter anderem, Fähigkeiten des Menschen auszubauen, die Integration in die Gesellschaft zu fördern oder die mentale Gesundheit zu verbessern. Neben Hunden werden in tiergestützten Interventionen auch Pferde, Hühner, Katzen, Lamas oder Hippos eingesetzt.
Etablierung
Die Vermutung, dass Tiere in der Pädagogik positiv wirken können, reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Als Beginn der Forschung zur tiergestützten Pädagogik gelten aber die 1960er Jahre. Der US-amerikanische Psychologe Boris M. Levinson hat die Diskussion über die Wirkung von Tieren auf Kinder geprägt. Den Dachverband der European Society for Animal Assisted Therapy (ESAAT) gibt es seit 2004. 2006 wurde der internationale Dachverband International Society for Animal Assisted Therapy (ISAAT) gegründet.
Qualifikation
Eine Ausbildung zum tiergestützten Pädagogen ist nicht offiziell anerkannt. Es gibt aber Angebote einer Fachausbildung für tiergestützte Intervention, die von der ESAAT akzeptiert werden. Diese müssen den Kriterien des Dachverbands entsprechen, darunter fallen unter anderem mindestens 1500 Unterrichtseinheiten Arbeitsaufwand.
Gesetzliche Grundlagen
Grundsätzlich sind die Haltung und der Umgang mit Tieren durch das Tierschutzgesetz (TierSchG) geregelt: Besitzer müssen das Tier artgerecht versorgen und dürfen ihm keinen grundlosen Schaden zufügen. Gewerblich betriebene tiergestützte Interventionen sind nach Paragraf 11 TierSchG meldepflichtig und müssen eine tierartspezifische Sachkunde nachweisen.