. Nur noch 9,1 Prozent der Katholiken und 3,4 Prozent der Protestanten besuchen regelmäßig einen Sonntagsgottesdienst. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Fast unbemerkt findet in Deutschland eine Zeitenwende und ein Kulturumbruch statt: Es gibt hierzulande keine kirchlich gebundene Bevölkerungsmehrheit mehr.

Derzeit wird viel von vermeintlichen Zeitwenden geredet. Bei dieser Nachricht handelt es sich tatsächlich um eine: Erstmals gehören weniger als die Hälfte der Bundesbürger einer der beiden großen Kirchen an.

 

2022 sind weniger als 22 Millionen katholische und weniger als 20 Millionen evangelische Kirchenmitglieder – und damit weniger als 50 Prozent der deutschen Bevölkerung. Nur noch 9,1 Prozent der Katholiken und 3,4 Prozent der Protestanten besuchen regelmäßig einen Sonntagsgottesdienst.

Der Glaube verdunstet – und mit ihr die Kirche

Sind Kirchen und Glaube im freien Fall begriffen? Fakt ist: Die Kirchenbindung in Deutschland erodiert, das Gemeindeleben erlahmt, das christliche Profil der Gesellschaft verblasst.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Standfesten bleiben und nur die „Karteileichen“ gehen. Es gibt kein „Gesundschrumpfen“, die Spreu trennt sich nicht vom Weizen. Stattdessen ist es so, wie der Theologe Karl Rahner feststellte: Der Glaube verdunstet – und mit ihr die Kirche.

Glaube Light und religiöse Sehnsucht

Ist damit Religion an sich erledigt? Ist Gott tot, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche prägnant formulierte? Der Trend geht eindeutig nicht zum Atheismus, sondern zur religiösen Individualisierung und Popularisierung von Spiritualität – zum „Glauben Light“.

Dass es in der Gesellschaft eine religiöse Sehnsucht und eine Suche nach Gott gibt, ist unbestritten. Doch diese Sehnsucht ist mehr Ausdruck einer vagen, individualistisch geprägten Gefühlsreligion als eines klaren Bekenntnisses zu bestimmten religiösen Überlieferungen.

An den Kirchen geht dieser Trend weitgehend vorbei. Selbst für viele engagierte Christen hat der kirchliche Glaubens- und Moralkodex immer weniger praktische Bedeutung.

Patchwork-Identität und spiritueller Flickenteppich

Glaube heute: Das ist eine Art Patchwork-Identität. Die neue Religiosität ist pluraler, individueller und pragmatischer. Sie gleicht einem spirituellen Flickenteppich: Wie im Supermarkt wählt man sich aus den Sinnangeboten aus, was gefällt und trendy ist. Ein bisschen Bergpredigt, ein paar Schnipsel Buddhismus, gewürzt mit indianischen Zitaten, dazu Salbungsvolles vom Dalai Lama und von Greta Thunberg. Fertig ist die „religiöse Multikultisuppe“.

Hinzu kommt: Die fortschreitende Digitalisierung der Welt lässt das unüberschaubare Angebot an Wissen, News und Sinnentwürfen pandemisch anwachsen. Was den Trend zur religiösen Vermischung und zur spirituellen Bastelmentalität weiter massiv verstärkt. Gemäß dem Motto: „Erlaubt ist, was gefällt“ wird in der postmodernen Zivilisation alles munter gemixt und vermengt, geschüttelt, gerührt.

Alles ist erlaubt und pseudo-religiös formbar

Die Grenzen zwischen Sakralem und Profanem, Tradition und Selbstfabrizierten verschwimmen vollends. So kann man jedem Lebensbereich, jedem Trend – ob Klima- und Ökoaktivismus, Gendern, Politik, Zukunftsangst, Ethik oder Konsum – einen pseudo-religiösen Sinn- und Transzendenzbezug überstülpen.

Auch das stimmt: Immer mehr Menschen erhoffen sich von der Religion Halt und Zuspruch angesichts des rasanten Wandels in der Welt „In Zeiten schneller politischer wie sozialer Veränderungen gewinnen religiöse Lebensentwürfe hohe Faszinationskraft“, so der Theologe Friedrich Wilhelm Graf.

Postchristliche Religiosität

Mit einem klaren kirchlich verfassten, gemeinschaftlich gelebten, kultisch geprägten, praktisch konkretisierten und sozial engagierten Glauben hat diese postchristliche Religiosität nur noch wenig zu tun.

Ihr Protagonist ist der „spirituelle Wanderer“ , der mit religiösen Traditionen recht locker umgeht, wie der Religionswissenschaftler Christoph Bochinger feststellt. „Man fühlt sich nicht mal als Suchender, sondern man fühlt sich eher als Finder, als jemand, der zusammenzieht, was jetzt für sein persönliches Leben im Moment wichtig ist.“

Die Kirchen haben dabei keinen festen Platz mehr.

Politik