Bei Gertrud Wiermann können die Besucher ihr Herz ausschütten und hören trostspendende Worte. Foto: factum/Granville

Im Heilungsraum von St. Bonifatius in Böblingen treffen sich seit zehn Jahren kranke und von Existenzsorgen geplagte Menschen. Sie singen gemeinsam und beten. Ehrenamtliche legen ihnen die Hand auf und versuchen ihnen Kraft zu geben.

Böblingen - Rund um den blumengeschmückten Altar brennen Kerzen, darüber hängt ein Leuchter mit 24 Lichtern. An einem schlanken Stehkreuz hängt der Heiland. Alles sieht nach einem normalen Gottesdienst aus in der katholischen Kirche St. Bonifatius in Böblingen. Es ist aber keiner. 15 Menschen kauern an dem Abend auf den Kirchenbänken. Sie sind gekommen, um den Heilungsraum zu erleben, den der katholische Klinikseelsorger und Pastoralreferent Frank Kühn mit seinem etwa 15-köpfigen Team von Ehrenamtlichen organisiert. Die Besucher sollen Loslassen vom Alltagsstress und Aufatmen, „Heilsames für Körper, Geist und Seele erfahren“, sagt Frank Kühn.

Der Glaube an die Genesung

„Ich hatte das Gefühl, dass ich nichts mehr im Griff habe“, bekennt Ruth Stiegeler. Die 57 Jahre alte Böblingerin hatte Brustkrebs und war der Verzweiflung nahe. Dann habe sie erfahren, dass sich kranke und mit Sorgen belastete Menschen jeweils am letzten Donnerstag im Monat in der St.Bonifatiuskirche zusammenfinden, um miteinander zu beten, zu singen und daraus Zuversicht zu schöpfen. Geholfen habe ihr auch, sagt Ruth Stiegeler, dass sie gespürt habe: Hier sind Menschen, die alle ähnliche Probleme haben.

„Ich habe mich verbunden gefühlt und bin noch tiefer in den Glauben geführt worden“, erinnert sich Ruth Stiegeler. Ihre Therapie bei den Medizinern hat angeschlagen, dazu kam noch der eigene Glaube an die Genesung „und die Kraft Gottes und all der Menschen, die mich unterstützt haben“. Inzwischen gehört Ruth Stiegeler, die als Sozialpädagogin in einem Böblinger Kindergarten arbeitet, selbst zu dem Team um Frank Kühn, das die Gäste während des Gottesdienste in die alte oder neue Sakristei führt, hinter Paravents oder auf die Empore, wo sie die Beuscher bei den Händen nehmen und fragen: „Was möchten Sie sagen?“

Der Tumor ist jetzt weg

„Es kommt selten vor, das jemand das nicht möchte“, berichtet Gertrud Wiermann. Aber alles, was gesprochen werde, verlasse den Raum nicht. Die 72-Jährige gehört von Anfang an zu den Ehrenamtlichen im Heilungsraum, die Hand auflegen und Gottes Wort verkünden. Sie selbst habe einen Tumor gehabt, sagt die Herrenbergerin, dieser sei jetzt weg. Das Vertrauen zu Gott versetzt ihrer Ansicht nach Berge, das sei auch bei ihr so gewesen. Seit zehn Jahren – so lange wird der Heilungsraum bereits praktiziert – versuche sie, diese Kraft und Zuversicht weiterzugeben. Gertrud Wiermann, einst von Beruf Kauffrau, hört geduldig zu, spricht langsam, ruhig und erteilt Gottes Segen. Ihr Gegenüber soll sich entspannen, im Gespräch und in einer Andacht das Geborgensein und die Stille genießen. „Das, was er sonst im Alltag kaum erlebt“, sagt Gertrud Wiermann.

Es ist eine Art Psychotherapie auf Basis der Bibel. „Glaube ist heilsam“, versichert Frank Kühn. Das Konzept des Heilungsraumes hat der 48-Jährige zusammen mit seinem Team entwickelt, es sei weit und breit in dieser Form einmalig. Die Teammitglieder werden in Klausuren und Workshops, die von der katholischen Gesamtkirchengemeinde finanziert werden, auf die bisweilen bis zu einer halben Stunde dauernden „Sitzungen“ vorbereitet und erhalten eine Einführung im Handauflegen. „Ansonsten ist es ,Learning by Doing’“, erklärt Kühn. Der Pastoralreferent hält immer auch eine Predigt, zitiert Bibeltexte und rät zur Mitmenschlichkeit.

Menschen verlassen die Kirche fast schwebend

„Bereits ein Blick kann ein Mitgefühl zu erkennen geben und Trost spenden, zum Beispiel in der S-Bahn“, sagt Kühn seinen Besuchern. Unter ihnen finden sich alle Generationen wieder. Ein älteres Ehepaar etwa, das schon häufiger zum Krafttanken erschienen ist. Ihre Mienen hellen sich zunehmend auf. „Wir haben Menschen gesehen, die mit steinernem Blick und beschwerten Schrittes gekommen sind und lächelnd und behende, fast schwebend die Kirche wieder verlassen haben“, sagt Ruth Stiegeler.

Zum Team der Kraftspender gehört auch Ludwig Röschl, Gitarrist der Böblinger Kirchenband Senfkorn. Er spielt Kirchenlieder zum Mitsingen und an diesem wolkenverhangenen Winterabend auch rockige Titel, die aufmuntern – wie „Bright Sunshiny Day“ von Jimmy Cliff.

Alternative Formen von Gotteediensten

Heilungsraum:
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, die Teilnahme kostenlos. Der nächste Termin in der Böblinger St. Bonifatiuskirche ist am 28. Februar. „Wir geben kein Heilungsversprechen, stehen aber im Austausch mit Psychologen, Ärzten, Heilpraktikern und Ärzten“, sagt Kühn. Eingeladen seien alle, „die sich begleiten lassen wollen auf ihrer Suche nach körperlicher, seelischer und geistiger Heilung.“ Nähere Informationen gibt es beim katholische Bildungswerk, Telefon 0 70 31/66 07 16 und unter 0 70 31/66 82 95 00 bei Frank Kühn.

Oase
: In der Regel drei Mal jährlich findet der Oase-Gottesdienst der evangelischen Martinsgemeinde in Sindelfingen statt: der nächste an diesem Sonntag um 17 Uhr im Stiftshof. „Er richtet sich auch an Menschen, die sonst nicht zu uns kommen“, sagt die Pfarrerin Beate Kobler (Telefon 0 70 31/41 36 84). Es spricht der Betriebsseelsorger Andreas Hiller über das Thema „Arbeit ist das halbe Leben“. Eine Band spielt moderne Musik. Es gibt Snacks, Getränke sowie die Möglichkeit, sich auszutauschen.

Für Leute von heute:
Der Gottesdienst „für Leute von heute“ von der Süddeutschen Gemeinschaft Dagersheim/Darmsheim – ihr Verband ist ein gemeinnütziges Werk innerhalb der evangelischen Landeskirche – ist ebenfalls für Menschen aller Konfessionen gedacht und greift auch Existenzfragen auf. „Es werden Probleme des Lebens thematisiert“, sagt Ingo Arbter. Näheres ist unter Telefon 0 70 31/7 67 70 zu erfahren. Der nächste Gottesdienst, der mehrmals jährlich stattfindet und zu dem schon mehr als 200 Besucher gekommen sind, findet an diesem Sonntag um 18 Uhr in der Festhalle Dagersheim statt. Es predigt Gustavo Victoria von der interkulturellen theologischen Akademie Bad Liebenzell.

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