Kiosksterben in Stuttgart und Region Der gute alte Kiosk hat’s schwer

Von Nils Mayer 

Lebt seinen Traum vom eigenen Kiosk: Ronny Toma Yelda in seiner Bude am Vogelsang. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Lebt seinen Traum vom eigenen Kiosk: Ronny Toma Yelda in seiner Bude am Vogelsang. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die veränderten Lebens- und Lesegewohnheiten der Menschen wirken sich auch auf die Kleinstbetriebe aus: der Umsatz vieler Kioske sinkt. Langfristig droht ihnen womöglich das Aus.

Stuttgart - Mal schnell eine Schachtel Zigaretten kaufen. Eine Zeitung – oder eine Packung Kaugummis. Dafür ist der Kiosk um die Ecke oder auf dem Weg zur Arbeit ideal. An stark frequentierten S- und U-Bahn-Haltestellen oder an Orten mit hohem Passantenaufkommen – wie in der Stuttgarter Innenstadt – haben die Kioskbesitzer in der Regel keine Probleme, über die Runden zu kommen. Doch in abgeschiedenen Gegenden lässt sich mit Zeitschriften, Getränken, Tabak- und Süßwaren kaum noch Gewinn erwirtschaften. Die Folge: Immer mehr Inhaber kämpfen ums Überleben – oder müssen ihr Geschäft aufgeben.

Im Stadtteil Vaihingen ist der Kiosk auf dem Weg zum Freibad verwaist, in Mühlhausen steht eine dunkelrot eingelassene Holzhütte leer. Der hellgraue Kunststoffrollladen ist unten, die Tür verschlossen – und das nicht erst seit gestern. Eine Nachricht auf einem DIN-A4-Papier an der seitlichen Holzverkleidung weist darauf hin, dass „Steffen’s Kiosk“ seit 23. März 2013 geschlossen ist.

Neuer Pächter an der Bude am Vogelsang

Auch die Bude an der Haltestelle Vogelsang war mehr als zwei Jahre dicht. Bis Ronny Toma Yelda beim Besitzer, der Abfallwirtschaftsgesellschaft Stuttgart (AWS), anfragte, ob er sie nicht wiederbeleben könne. Die war sofort einverstanden. Ende März dieses Jahres öffneten die irakischstämmigen Toma Yeldas den Kiosk. Doch die Anfangseuphorie ist mittlerweile verflogen. Der Andrang hält sich in Grenzen, nach den ersten Monaten ist das Ehepaar ernüchtert. „Es ist wenig Kundschaft. Momentan läuft es noch nicht so, wie wir uns das gewünscht haben“, sagt Toma Yelda, „aber wir sind auch noch am Anfang.“

Das Problem: Die kleine Familie hatte nur ein geringes Startkapital. Da sie viel Geld für Kommissionen vorstrecken muss, ist das Angebot überschaubar. Immerhin bringt der benachbarte Spielplatz Familien als Kunden. Geschäftsleute, das lässt sich morgens beobachten, gehen aber lieber in eine schräg gegenüberliegende Bäckerei. Dort gibt’s ebenfalls Zeitungen – und bei Bedarf eine Brezel oder einen Kaffee zum Mitnehmen.

Verändertes Nutzungsverhalten führt zu geringerem Umsatz

Doch die Konkurrenz für viele Kioskbetreiber befindet sich nicht nur auf der anderen Straßenseite, sondern auch im Internet. Das sich wandelnde Mediennutzungsverhalten und veränderte Lebensgewohnheiten der Menschen wirken sich auf den Umsatz der Kioske aus. Zahlen der Süddeutschen Zeitungszentrale (SZZ) zeigen, dass in der Region ein Kiosksterben eingesetzt hat. Im Verbreitungsgebiet der SZZ, das sich von Stuttgart über den Rems-Murr-Kreis bis zum Ostalbkreis erstreckt, ging die Zahl der Kioske von 79 (2010) auf 60 (2014) zurück und die Zahl der Facheinzelhändler von 51 (2010) auf 48 (2014). Dass der Grossist seit 2004 auch Discounter beliefert, ist zwar gut für den Verbraucher – jedoch nicht für die Kioskbetreiber. „Der Absatz zieht zu den Discountern“, sagt SZZ-Geschäftsführer Hans Helfferich, „das spüren die Fachhändler.“

Positives Beispiel in Gablenberg

„Karin’s Presse Ecke“ im Stuttgarter Osten stemmt sich dem Trend entgegen: „Wir können von unserem Kiosk sehr gut leben“, sagt Karin John-Schünemann. Seit sie und ihr Mann Rainer den kleinen Laden im Oktober 2006 übernommen haben, steigerten sie den Umsatz nach eigenen Angaben Jahr für Jahr. „Alles, was wir anbieten, ist austauschbar. Das gibt es auch bei einem Discounter oder an der Tankstelle – manches sogar billiger“, sagt Rainer Schünemann: „Was nicht austauschbar ist, sind meine Frau und ich.“

Die beiden sind zu einer Marke geworden. Sie betreiben den Laden an der Gablenberger Hauptstraße mit viel Herzblut. Das zeigen die Öffnungszeiten (montags bis freitags von 5.30 bis 18 Uhr, samstags von 7 bis 14 Uhr) – und ein Besuch. Sofort fällt dem Beobachter auf: Die Inhaberin und ihr Mann duzen alle Kunden, egal, wie sie aussehen oder wie alt sie sind. Und das Duo hat immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. „Die Kunden müssen mit einem Lächeln aus dem Laden gehen“, sagt Schünemann, „das Angebot ist wichtig, aber noch wichtiger ist das Persönliche.“ Die offene, humorvolle Art kommt an. Im Schnitt kommen 200 Kunden pro Tag. Wenn der Lotto-Jackpot prall gefüllt ist, sind’s sogar noch mehr.

Mit Einfallsreichtum gegen den Trend

Auf der erfolgreichen Entwicklung haben sich die Schünemanns nie ausgeruht. Sie sind erfinderisch geblieben. Vor der Gemeinderatswahl 2014 haben sie in Kooperation mit unserer Zeitung die „Kandidat-am-Kiosk-Reihe“ organisiert. Es folgten weitere Veranstaltungen für unsere Leser, beispielsweise mit EU-Kommissar Günther Oettinger und dem Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Frank Otfried July.

Mal querdenken, um Kunden anzulocken – das will auch Marjana Svinjar-Hinzmann. Die 43-Jährige hat Mitte Juli den Kiosk am Gleis-1-Stüble“, direkt am S-Bahn-Halt Sommerrain, neu eröffnet. „Ich will das Ding zum Laufen bringen und mein großes Wohnzimmer genießen können“, sagt sie. Bereits 2005 versuchte sie, mit einem Kiosk im Stuttgarter Osten ihren Lebensunterhalt zu finanzieren – ohne Erfolg. Nach neun Monaten musste sie ihn wieder schließen.

Hoffnung auf Schüler als Kunden

Jetzt, fast zehn Jahre später, probiert sie es erneut – diesmal mit einer Mischung aus Kiosk und Raucherlokal. Die Räumlichkeiten der Deutschen Bahn beinhalten auch eine Wirtsstube mit Biergarten. Nach den ersten Wochen lasse sich sagen, dass das Geschäft hinten am Tresen besser laufe als vorne am Kiosk, sagt die Chefin. Ihr Angestellter Marcus Hofbauer und sie seien aber guter Dinge, dass der Umsatz des Kiosks gesteigert werden könne. Der Kiosk, täglich geöffnet ab 6 Uhr, liegt gegenüber des Albertus-Magnus-Gymnasiums: „Wenn die Sommerferien vorbei sind“, hofft die Inhaberin, „werden auch Schüler an den Kiosk kommen.“

Lesen Sie jetzt