Der Himmel lässt den Erfolg herabschneien: Hugh Jackman als P. T. Barnum im Kino-Musical „Greatest Entertainer“ Foto: 20th Century Fox

Der legendäre Zirkusdirektor P. T. Barnum war eine schillernde Gestalt: Hochstapler, Schwindler, Showtalent. Der Kinoneustart „Greatest Showman“ erzählt sein Leben als Musical – mit Ex-Wolverine Hugh Jackman in der Hauptrolle.

Stuttgart - Vieles spricht dafür, dass Phineas Taylor Barnum ein typischer amerikanischer Geschäftemacher, Selbstvermarkter und Hochstapler war. Der Legende nach kaufte er 1835 die angeblich 161 Jahre alte afroamerikanische Amme George Washingtons ­ und ließ sie in New York vor zahlendem Publikum Anekdoten aus dem Leben des ersten US-Präsidenten erzählen und Gospels singen. Im American Museum, das er 1841 übernahm, zeigte er Kuriositäten wie eine „Fidschi-Meerjungfrau“, die nichts weiter war als ein auf einen Fischschwanz montierter Affenoberkörper. Die Gebeine des „Riesen von Cardiff“ wurden 1869 gar erst dann ein Renner, als bekannt wurde, dass sie gefälscht waren.

Barnums Treiben mutet heute höchst unkorrekt an, was eine Verfilmung schwierig macht. Die nun vorliegende setzt vor ­allem auf den Charme der Hauptfigur: Einnehmend, elegant und behende macht der Australier Hugh Jackman („Wolverine“) aus dem Hochstapler ­P­.­ T. Barnum einen Tausendsassa. Er betört die Menschen, wenn er eine Sensation beschwört, hängen alle an seinen Lippen.

Dazu kommt eine gehörige Portion Weichspüler: Der Barnum im Film ist ein Familienmensch und einer, der sich um die „Freaks“ kümmert, die Abgehängten der Gesellschaft, Kleinwüchsige und Riesen, siamesische Zwillinge und bärtige Frauen. Aus dem mit allen Wassern gewaschenen Schwindler wird also ein im Grunde anständiger Wohltäter mit kleinen Schwächen, womit die Figur ihrer Zwiespältigkeit weitgehend beraubt ist – und damit ihrer wahrscheinlich größten Stärke.

Kitsch mit gutem Timing

„Kunst würde ich es nicht nennen“, sagt der Theaterkritiker im Film zum Impresario Barnum über dessen bunte Zirkus-Freak-Show, „aber Sie machen den Leuten Freude “; ähnlich verhält es sich mit dieser ­familientauglichen Musical-Biografie von Michael Gracey.

Die Freak-Truppe indes ist exzellent besetzt und entfaltet eine unglaubliche Dynamik bei kinoformatigen Sing- und Tanzeinlagen in stilisierten Theaterkulissen. Dazu kommt eine virtuose Montage, die auch dem letzten Kitsch Struktur und Timing gibt. Mal zieht da ein Stenernhimmel auf, wenn Barnum und die seinen durch die Stadt tollen, mal schaut Barnums Frau Charity in den Spiegel und der Blick kommt an bei der schwedischen Sängerin Jenny Lind; die wiederum blickt in den Spiegel des Zugfensters auf ihrer USA-Tournee, die Barnum organisiert hat.

Sehen Sie hier den Trailer zum Film:

Michelle Williams („Manchester by the Sea“) gibt dem Film einen Fixpunkt als loyale Ehefrau, die ihr reiches Elternhaus für den nicht standesgemäßen Barnum verlassen hat; der ist hier als armer Schneiderssohn freilich noch viel ärmer, als es der Wirtssohn Barnum war. Ebenfalls aus dramaturgischen Gründen bricht die Sängerin Lind im Film ihre Tournee ab, weil der brave Barnum ihrem Werben widersteht, was ihn kurzzeitig ruiniert.

Ein bisschen zu viel Autotune

Nicht zu ruinieren sind die Auftritte von Rebecca Ferguson („Mission: Impossible – Rogue Nation“), die als Jenny Lind das Publikum auf der Leinwand wie im Kinosaal überwältigt mit ihrer Ballade „Never Enough“ – auch wenn sie nicht selbst gesungen hat, sondern nur die Lippen bewegt zur Stimme der ausdrucksstarken Casting-Show-Teilnehmerin Loren Allred. An der Wirkung ändert das nichts, die Ferguson ist eine echte Attraktion.

Allerdings ist die Musik stellenweise dem Zeitgeist entsprechend überproduziert, digital verbogen und mit viel Mitsing-Wohoho durchsetzt: Die Beats hämmern und manche Stimmen sind mit Autotune so lange frisiert, bis sie perfekt maschinell klingen. Dass das auch heute noch anders geht, hat Damien Chazelle voriges Jahr in „La La Land“ bewiesen: Da durfte Emma Stone selbst singen, wie sie konnte, und gerade das hat den Charme ausgemacht.

Fackelträger der Toleranz

Ein wenig Biss hat Graceys Film natürlich doch, denn auch in schwachen Momenten durchwirkt ihn die Frage, ob und wie viel Vielfalt eine Gesellschaft verträgt. Da wird ein Hochstapler, der die Ausgestoßenen aus dem Schatten ins Rampenlicht holt, zum Fackelträger der Toleranz. Ein weißer Sohn aus reichem Hause (gereift: Zac Efron) bandelt gar mit einer höchst anmutigen afroamerikanischen Trapez-Artistin (Ex-Disney-Channel-Star Zendaya) an und bekennt sich zu ihr, was im 19. Jahrhundert als Riesenskandal galt. Heute erinnert diese Liaison alle Reaktionäre dieser Welt daran, wie weit es die Menschheit ihnen zum Trotz gebracht hat – und all diejenigen, die sich für aufgeklärt halten, daran, dass nichts selbstverständlich ist, sondern immer aufs Neue erkämpft werden muss.

Greatest Showman. USA 2017. Regie: Michael Gracey. Mit Hugh Jackman, Michelle Williams, Zac Efron, Rebecca Ferguson. 105 Minuten. Ab 6 Jahren.

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