Begegnung der Singles: Julianne Moore und John Turturro Foto:SquareOne/Hilary Bronwyn Gayle Foto:  

Julianne Moore spielt eine mittelalte Frau, die sich tapfer durchboxt – im US-Remake eines chilenischen Films.

Stuttgart - Remakes von erfolgreichen Filmen kommen selten gut an. Sie sind ja oft auch nur müder Abklatsch Bei Sebastián Lelios Frauenporträt „Gloria – Das Leben wartet nicht“ ist das aber gewiss nicht der Fall. 2013 hatte der Chilene Lelios mit der Tragikomödie „Gloria“ Jury und Publikum bei der Berlinale erobert. Die Hauptdarstellerin Paulina Garcia gewann für ihre Darstellung einer alleinstehenden, lebenshungrigen Endfünfzigerin den Silbernen Bären. Man kann zwar zweifeln, ob es wirklich nötig war, die Geschichte für den US-Markt neu zu verfilmen. Aber das Ergebnis ist gut.

Diesmal verkörpert Julianne Moore die seit einer Dekade geschiedene Mutter zweier erwachsener Kinder. Während ihr Ex-Mann wieder geheiratet hat, lebt Gloria einen tristen Alltag mit öder Büroarbeit, ein paar Freunden und gelegentlichen Ausflügen in eine Tanzbar. Dort trifft sie Arnold (John Turturro), einen ebenfalls geschiedenen Vater zweier Kinder. Erst nach und nach versteht Gloria, dass der zunächst sehr charmante Besitzer einer Paint-Ball-Anlage gar nicht bereit ist für eine Beziehung.

Auf der Suche nach Glück

Lelios Plot ist simpel, erfordert aber gerade deshalb Finesse hinsichtlich der Charakterzeichnung, der Darstellung alltäglicher Situationen und der Motivation der Figuren. Mit größtmöglicher Aufrichtigkeit spielt Moore Gloria als still verzweifelte Frau auf der Suche nach Glück in der Jugendwahn-Hölle von L. A., wo eine etwa gleichaltrige Kollegin ohne ersichtlichen Grund gefeuert wird. Gloria wird in einer Bar ungläubig gefragt, ob sie wirklich noch nichts an sich habe machen lassen. Im Auto schmettert Gloria naive Schnulzenhits aus den Achtzigern und träumt sich in leidenschaftlichere Lebensphasen zurück.

Der etwas seltsame Arnold erscheint als perfektes Pendant zu Gloria. Dass der einst Fettleibige auf ein attraktives Normalmaß abgespeckt hat, scheint seine Entschlusskraft zu belegen. Die ungesund symbiotische Beziehung zu seinen erwachsenen Töchtern, denen er Gloria nicht vorstellen mag, erschweren die Romanze aber von Anfang an.

Nicht unterkriegen lassen

Lelio zeigt Durchschnittsmenschen, mit denen sich jeder identifizieren kann, und widersetzt sich damit den Mustern glatter Traumfabrikproduktionen. Wenn Gloria bei einem Wochenendtrip ins Zockerparadies Las Vegas von Arnold sitzengelassen wird, sich aus Frust von einem anderen Typen abschleppen lässt und bis zur Besinnungslosigkeit trinkt, vermittelt sich das Gefühl der peinlichen Demütigung mit Wucht.

Es ist eine besondere Kunst, Menschen derart verletzlich zu zeigen, ohne ihre Traurigkeit auszubeuten. Vom äußeren Druck, stets erfolgreich, glücklich und makellos zu sein, lässt sich diese Frau jedenfalls nicht unterkriegen.

Gloria – Das Leben wartet nicht. Regie: Sebastián Lelio. Mit Julianne Moore, John Turturro. Michael Cera. 101 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.

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