Wie nur umgehen mit den ungeheuren Superkräften? Das fragt sich in „X-Men: Dark Phoenix“ die überforderte Jean Grey (Sophie Turner) Foto: Verleih

Der Abschluss der Comic-Filmreihe „X-Men“ überdeckt mit einem Effektspektakel eine unerklärlich uninspirierte Story.

Stuttgart - Viel ist von Abschied die Rede, die blaue Mutantin Mystique (Jennifer Lawrence) denkt übers Aufhören nach, der mächtige Magneto (Michael Fassbender) schon eigentlich schon ausgestiegen und wir nur ein letztes Mal auf die Bildfläche zurückgezwungen. . Für Lawrence und Fassbender dürfte es der letzte Auftritt gewesen sein in einer Adaption der „X-Men“-Comics über menschliche Mutanten mit übernatürlichen Kräften. Hugh Jackman als Werwolf Wolverine hat seinen Abgang erster Klasse bereits bekommen in James Mangolds einfühlsamem, von Zwischentönen bestimmtem Action-Drama „Logan – The Wolverine“ (2017) über einen Zerrissenen am Ende seiner Kräfte.

Nach dem starken Reboot der Reihe mit jungen Akteuren in Matthews Vaughns „First Class“ (2011) und einer spektakulären Zeitreise-Geschichte von Bryan Singer in „Zukunft ist Vergangenheit“ (2014) waren Ermüdungserscheinungen schon in „Apocalypse“ (2016) zu sehen: Ein wiedererweckter Pharao als Weltvernichter wirkte unfreiwillig komisch in seinem pathetischen Gedonner. Die Schlüsselrolle spielte damals ein Neuzugang, eine junge Mutantin namens Jean Grey, Kampfname Phoenix; um sie dreht sich nun der aktuelle Streifen.

Ein Kindheitstrauma ist entscheidend

Zum einen ringt sie mit ihren immensen telepathischen und telekinetischen Fähigkeiten, zum anderen mit einem Kindheitstrauma, das der Film gleich zu Beginn schockierend bebildert: ein Frontalzusammenstoß, die Eltern blutüberströmt, die kleine Jean rätselhafterweise unverletzt. Bei einem Einsatz im All nimmt nun die erwachsene Jean eine ominöse kosmische Kraft in sich auf, die ihre Macht noch potenziert und nach der auch eine Schar heimatloser Aliens trachtet. Mehr muss man nicht wissen über den abenteuerlich sinnfreien Plot – dieser X-Men-Film lebt vom Effektgewitter.

Der Mutanten-Professor Charles Xavier blickt wieder in anderer Hirne, das Teufelchen Nightcrawler teleportiert sich und andere aus der Gefahrenzone, nur Rauchwölkchen hinterlassend, der superschnelle Quicksilver spaziert wie in Zeitlupe durchs Chaos und rettet manche Situation, der sensible Cyclops schlägt mit seinem Feuerblick Schneisen, Magneto biegt und schleudert Metallmassen und die Gestaltwandlerin Mystique hält alles zusammen.

Allen fällt es schwer, die Illusion aufrechtzuerhalten

Das aber war alles genau so schon zu sehen – auserzählt wirkt die Geschichte der diskriminierten Mutanten, die am Ende doch die Welt retten. Hinzu kommt ein banales Drehbuch, das alles im Dialog verhandelt: „Deine Gefühle machen dich schwach“, sagt die Alien-Chefin, Phoenix antwortet: „Du irrst dich. Sie Gefühle machen mich stark.“ Daran kann man nur scheitern. Sophie Turner, die in „Game of Thrones“ eine grandiose Reifung durchlebte, ist damit überfordert wie ihre Figur mit ihrer Macht. „Krieg dich endlich ein!“, möchte man ihr zurufen, wenn ihre nicht enden wollende Selbstsuche in einer dunklen Gassen im Selbstgespräch ins Operettenhafte abschmiert.

Allen fällt es diesmal schwer, die Illusion aufrechtzuerhalten: James McAvoy wirkt seltsam leer als Mutanten-Professor, Jessica Chastain seltsam angestrengt als Alien-Grazie, Michael Fassbender seltsam müde als Magneto. Jennifer Lawrence als Mystique immerhin hat ein paar Momente, etwa wenn sie über den patriarchalischen Namen der Gruppe grantelt, wo doch ständig die Frauen die Kohlen aus dem Feuer holen.

Der Film geht über die Opfer einfach hinweg

Da wäre ein Ansatz gewesen – aber der „X-Men“-Veteran Simon Kinberg, der unter anderem auch das Drehbuch zu „Sherlock Holmes“ geschrieben­ hat und hier als Regisseur, Produzent und Autor fungiert, lässt ihn in der Luft hängen. Unerklärlich erscheint das Inspirationsloch, die Wiederholungsschleife auch bei heiklen Dingen: In „Apocalypse“ verlor Magneto seine Familie, rächte sich an der Welt und brachte en passant auch Unschuldige um, nun geschieht dasselbe mit Phoenix, als sie die Wahrheit über ihre Eltern­ erfährt. Und wieder geht der Film über die Opfer einfach hinweg, als wäre Mord ein Kavaliersdelikt.

Der Comic-Verlag Marvel verabschiedet die „X-Men“ aus dem Kino mit der womöglich letzten große Produktion des Studios Fox, das nun zu Disney gehört. Der Blockbuster-Markt sortiert sich neu. Die Mutanten dürfen das nun auch tun.

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