Der böse Clown Pennywise (Bill Skarsgård) ist keineswegs die einzige Widrigkeit im Leben der Teenager in „Es“ Foto: Verleih

Andrés Muschiettis gelungene Neuverfilmung von Stephen Kings Horrorklassiker „Es“ schildert die Furcht pubertierender Kinder vor einem Clown – und vor gefühlskalten Eltern.

Stuttgart - Angst ist ein entsetzliches Gefühl; eine kalte Hitze, die vom Magen bis in die Haarwurzeln kriecht, Schweißperlen durch die Stirnporen presst und die Nackenmuskeln versteift. Die Angst eines Kindes ist die schlimmste, ausgelöst durch die überbordende, noch durch grausige Märchen angestachelte Fantasie und nur durch Lebenserfahrung eines Besseren zu belehren. In diese Perspektive zwingt der argentinische Regisseur Andrés Muschietti („Mama“) sein Publikum während der ersten wirkungsvollen Minuten seiner Neuverfilmung von Stephen Kings berühmtem Horrorepos „Es“.

Der kleine Georgie will sein Papierschiffchen im Rinnstein fahren lassen. Unbehandelt würde es jedoch sofort nass und auf Grund sinken. Georgies großer Bruder Bill (Jaeden Lieberher) weiß Rat. Vom Fieber auf die Matratze gezwungen, schickt er den Dreikäsehoch in den Keller, um Terpentin zum Abdichten zu holen. Ganz allein steigt Georgie in die finstere Tiefe, wo er vor einem leuchtenden Augenpaar erschrickt. Dabei sind es bloß Gläser, in denen sich das Licht bricht. Trotzdem bibbert man mit dem Knirps, ob nicht doch hinter der Waschmaschine ein Monster hervorspringt.

Ein schauerliches Vieh mit wässrigen Kulleraugen

Das böse Wesen, ein Clown namens Pennywise, zeigt sich aber erst einige Filmminuten später, als Georgie durch die ­Regenfluten seinem Bötchen hinterherpatscht, das in der sprudelnden Flut auf einen Gully zustürzt und schließlich dort verschwindet. Hier liegt das Reich von Pennywise (Bill Skarsgård), einem schauerlichen Vieh mit wässrigen Kulleraugen und unheilvollem Milchzahngrinsen. Charmant bezirzt der Clown den Jungen, als ­wäre er bei Goethes Erlkönig in die Lehre gegangen. Als Georgie nach einem roten Luftballon greift, bleckt der Clown plötzlich die Kauleiste eines Hais, reißt dem Kind einen Arm ab und zieht es hinab.

Hier gibt es den offiziellen Trailer von „Es“ zu sehen:

Im 1986 erschienenen Roman „Es“ hat der US-amerikanische Thrillerautor Stephen King das relativ neue Phänomen der Coulrophobie beschrieben, die Kinder und Erwachsene gleichermaßen plagt: die krankhafte Angst vor Clowns. Deren Horror geht von ihrer Andersartigkeit aus, von den übertünchten Gesichtszügen und den absurden Klamotten, die so gar nicht in die reale Normalität passen.

Der eigentliche Schrecken steckt im Alltag der Teenager

In der ersten Verfilmung des Buchs aus dem Jahr 1990 inszenierte Tommy Lee Wallace Pennywise als drittklassigen Kirmesclown mit roter Quietschnase und Perücke. Der Darsteller Tim Curry zehrte da noch von seiner Rolle des Frank N. Furter in der „Rocky Horror Picture Show“ und gestaltete Pennywise als hämisch bösen Onkel. Bill Skarsgårds Interpretation von Pennywise ist zumindest in der ersten Szene viel furchteinflößender, weil er die Figur nicht ironisch oder humorvoll bricht, sondern den Clown als Manifestation des ­Bösen per se und ohne Seele verkörpert.

Der eigentliche Schrecken in „Es“ resultiert jedoch aus dem Alltag der pubertierenden Protagonisten, die sich nach Georgies Verschwinden im Club der Verlierer zusammenschließen. Bills Einzelkind-Dasein mit den Eltern schildert Muschietti in einer knappen, aber starken Szene als ein Lebendig-begraben-Sein. Ähnlich geht es Bills Freund Stanley Uris (Wyatt Oleff), der zu Hause unter der Fuchtel seines Rabbiner-Vaters steht. Pennywise erscheint Stanley als widerlich kreischende Frauenfigur aus einem unheimlichen Gemälde, das im Büro des Vaters hängt und vielleicht die abwesende Mutter zeigt.

Ströme von Blut schwappen durch die Kanalisation ins Badezimmer

Besonders hart hat das Leben aber ­Eddie (Jack Grazer), Mike (Chosen Jacobs) und Beverly (Sophia Lillis) gestraft: ­Eddie mit einer übergewichtigen und übergriffigen Mutter, Mike mit dem Brandtod der ­Eltern und dem rachsüchtigen afroamerikanischen Großvater, der den Enkel ins Schlachterhandwerk einweist, Beverly mit einem alkoholsüchtigen, unbestimmt lüsternen Vater. Für Beverly lässt Pennywise Ströme von Blut durch die Kanalisation in deren Badezimmer schwappen, eine Mahnung an die ängstlich erwartete erste Menstruation.

Muschietti erfindet Kings Horrorkosmos zwar nicht neu, gestaltet ihn aber in altmodisch prächtigen, markerschütternden Schreckensszenarien, die stets an eine Ursache in der Realität angebunden sind. Die Kinder kämpfen nicht bloß gegen das in Pennywise personifizierte Böse, sondern gegen Gleichgültigkeit, Gefühlskälte und überzogene Erwartungen der Erwachsenen, die hier mindestens so seelenlos wirken wie der Clown. In ihrem Emanzipationsprozess lernen die Teenager, ihre Angst zu kontrollieren, sich ihr zu stellen und sie endlich zu überwinden. Im Grunde ist „Es“ also ein tröstlicher Horrorfilm. Wäre da nur nicht der Hinweis, dass es sich bloß um das erste Kapitel handelt. Die Angst kehrt zurück, ganz bestimmt.

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