Luke Skywalker (Mark Hamill) bewahrt die Gründungsschriften des Jedi-Ordens auf – doch er hat den Glauben verloren. Foto: Verleih

Der Kampf von Gut und Böse geht weiter: Am Donnerstag läuft „Star Wars VIII – Die letzten Jedi“ als vorletzter Teil der Weltraum-Saga in den Kinos an. Mehr denn je lebt dieses neue Fantasy-Abenteuer von Beziehungsdramen im Shakespeare-Format.

Stuttgart - Ein Vatermord ist keine Kleinigkeit. Der griechischen Sage nach soll Ödipus seinen Vater Laios aus Versehen getötet haben, ehe er seine eigene Mutter zur Frau nahm. In der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ erschoss der gedemütigte Tyrion Lannister seinen Vater Tywin mit einer Armbrust, während dieser auf dem stillen Örtchen saß. Ödipus stach sich als Sühne die Augen aus, Tyrion floh ins barbarische Exil. Kylo Ren durchbohrte in der siebten Episode von „Star Wars“ seinen ihm zugewandten Erzeuger Han Solo mit dem Lichtschwert – er hoffte, sich durch den ungeheuerlichen Akt von Schuldgefühlen zu befreien, die an jedem nagen müssen, der sich von der dunklen Seite der Macht hat verführen lassen, für die er nun die Drecksarbeit erledigt: unfolgsame Planeten vernichten, Frauen und Kinder metzeln.

Auch Kylo Rens Rechnung ist nicht aufgegangen, er wird erneut zur Schlüsselfigur im achten Teil der kultisch verehrten Sternen-Saga, die den Kampf von Gut gegen Böse noch einmal auf die Spitze treibt. Im Zen­trum steht natürlich der Mythos von der ominösen Macht, die alles durchdringt und ausgewählten Kreaturen Superkräfte verleiht, verpackt in einem Szenario aus Fantasy- und Science-Fiction-Elementen. Darin geht es freilich sehr menschlich zu, Beziehungen bestimmen die achte Episode noch stärker als alle vorangegangenen.

Vielleicht ist die Ära der nicht immer effektiven Jedi-Ritter auserzählt.

Diesmal hat Kylo Ren das Leben seiner Mutter Leia Organa in der Hand, der ewigen Weltraumprinzessin und Anführerin des Widerstands. Zudem ringt er mit seinem Verhältnis zum bösen Mentor Snoke, dem eindimensionalen Ersatz-Imperator, sowie zur jungen Rebellin Rey, die ihm in Teil sieben die Grenzen aufgezeigt hat. Rey, beseelt von der lichten Seite der Macht, möchte den Jedi-Meister Luke Skywalker dazu bringen, sie auszubilden, aber Skywalker kaut im Insel-Exil noch daran, bei Kylos Unterweisung versagt zu haben. Er hat die Nase voll und verweigert sich.

Man kann Skywalker verstehen: Wo er einst mit der Rebellion gegen das Imperium kämpfte, trachtet nun die Erste Ordnung danach, den Widerstand zu vernichten – die neuen Namen verdecken nicht den Verschleiß, unter dem die Weltraum-Saga mit ihren sich wiederholenden Konstellationen leidet. Vielleicht ist die Ära der anstrengenden, nicht immer effektiven Jedi-Ritter auserzählt – auch wenn Luke sich natürlich noch einmal aufrafft, und wie. Ausgerechnet Kylo Ren mit seinem verdunkelten Hirn ist es, der die Möglichkeit formuliert, das Alte hinter sich zu lassen und Neues zu wagen.

Adam Driver bleibt ein bemerkenswerter Bösewicht

Die pralle Handlung – gefühlt Stoff für drei Serien-Episoden – ist spektakulär inszenierter „Star Wars“-Standard mit vielen Aug-in-Aug-Duellen, Weltraumschlachten, kniffligen Missionen, exotischen Orten, seltsamen Außerirdischen und überraschenden Wendungen. Interessant wird die neue Episode aber vor allem durch die Verstrickungen der Charaktere, durch Kollisionen im Shakespeare-Format und durch die beachtlichen Leistungen der Schauspieler. Ihre Figuren könnten in die Überzeichnung rutschen, dem „Star Wars“-Schöpfer George Lucas ist das in den verunglückten Episoden eins bis drei passiert.

Der Regisseur und Autor Rian Johnson („Breaking Bad“) profitiert nun davon, dass der Hollywood-Magier J. J. Abrams, der auch „Star Trek“ wiederbelebt hat, den Sternenkrieg in Episode sieben zurück in die Spur brachte – auch wenn Episode acht nicht ganz an die Klasse des Vorgängers heranreicht. Der Schauspieler Adam Driver bleibt ein bemerkenswerter Bösewicht, dem es auch in seinem zweiten Auftritt als Kylo Ren gelingt, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen: Er besteht als Nachfolger der übermächtigen Kultfigur Darth Vader. In feinen Nuancen gestaltet Driver die Zerrissenheit seiner Figur, die großspurig tut und dabei unfertig wirkt. Erneut hat er einen cholerischen Ausbruch, bei dem sich die Sturmtruppe wegduckt, aber diesmal ist der Auslöser nicht der Ärger über eine Panne, sondern das Ringen um seine eigene Identität.

Luke Skywalker kehrt als gezeichneten Schmerzensmann wieder

Daisy Ridley als Rey zeigt die erfrischende Unbekümmertheit, mit der sie auf Anhieb zur Sympathieträgerin wurde. Allerdings ist ihr anzumerken, wie sehr das Gewicht der Heldinnen-Rolle auf ihr lastet. Man erinnert sich an Mark Hamill, der als Luke Skywalker einst denselben Weg gegangen ist. Allerdings musste er sich neben der Weltrettung noch mit einem anderen ernsten Problem herumschlagen, das in einem legendären Satz von Darth Vader gipfelte, der aus der Popkultur nicht mehr wegzudenken ist: „Ich bin dein ­Vater.“

Nun lässt Hamill seinen Luke Skywalker als gezeichneten Schmerzensmann wiederkehren. Das gelingt ihm deshalb souverän, weil er keine Depression zur Schau trägt, sondern die schelmenhafte Selbstironie eines Altersweisen. Die inzwischen verstorbene Carrie Fisher als Leia bleibt der Fixpunkt des Widerstands, niemand referiert schöner über Funken der Hoffnung als sie; im neunten und letzten Teil von „Star Wars“ wird sie schmerzlich fehlen.

Besonnene Frauen unterrichten den Heißsporn im Fach Gewaltfreiheit.

Die Nebenfiguren erfüllen lustvoll ihre Aufgaben. John Boyega wartet als Überläufer Finn erneut mit komödiantischem Witz auf, Oscar Isaac spielt als tollkühner Kampfpilot die klassische Heldenrolle, muss sich als notorischer Heißsporn aber von besonnenen Frauen (Laura Dern!) belehren lassen, wie man gewaltfrei zu Lösungen kommt – ein starkes Statement in der Gender-Debatte. Der niedliche Kugelroboter BB-8 löst manche Krise, die Droiden C-3PO und R2-D2 ­wecken wohlige „Star Wars“-Nostalgie wie auch Chewbacca, der röhrende „wandelnde Bettvorleger“ (Leia Organa, 1977).

Eine Leerstelle bleibt, sobald der Millennium-Falke ins Spiel kommt, diese ikonische Schrottmühle von einem Raumschiff. Kaum hatten die Fans nach 32 Jahren endlich den Weltraumgauner Han Solo zurück, da verloren sie ihn wieder. Harrison Ford war mit der Rolle verwachsen, sein Han Solo bleibt die originellste Figur in dieser an ausgeprägten Charakteren nicht armen Saga – gerade, weil er so menschlich wirkte unter all den Helden und Schurken, den Magiern und Außerirdischen. Han Solo wollte die Welt weder unterwerfen noch retten, ihn beschäftigten profane Fragen: Soll ich einfach das Geld nehmen und verschwinden oder doch vorher meinen Freunden helfen?

„Star Wars“ erscheint angegraut in seinem physischen Militarismus

Ein Vatermord ist eben keine Kleinigkeit. Klassisch wie dieses Motiv mutet der gesamte Sternenkrieg-Budenzauber an, dessen Gut-Böse-Dialektik inzwischen im „Herrn der Ringe“, in „Harry Potter“ und in vielen Superheldenfilmen nach ähnlichem Muster durchexerziert worden ist. Selbst die Verfilmung von „Alice im Wunderland“ (2010) folgte der Weltuntergqangsdramaturgie. Die letzte Sternenkriegs-Episode soll in zwei Jahren folgen, doch schon jetzt ­erscheint „Star Wars“ seltsam angegraut in seinem physischen Militarismus.

Die vernetzte Gegenwart hat diese Art von Zukunft längst überholt, es fehlt vieles, von dem George Lucas 1977 nichts ahnen konnte und das andere nun aufgreifen: asymmetrische Kriegführung, Hacker­Attacken („Mr. Robot“), ebenbürtige Androiden („Ex Machina“, „Westworld“), sich verselbstständigende Betriebssysteme („Her“) – ganz zu schweigen von Fake News oder gar der paradiesischen Macht des Geldes, die hier nur in Gestalt der Kriegsgewinnler und Nutznießer des Industreizeitalters auftritt.

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