Richard Williams hat seine Töchter Venus und Serena zu den ersten afroamerikanischen Tennis-Stars der Welt gemacht. Der Kinofilm „King Richard“ erzählt, wie ihm das gelungen ist.
Stuttgart - Man muss nicht viel über Tennis wissen, um diesen Film zu mögen – das ist eines der Kunststücke des hochtalentierten Nachwuchsregisseurs Reinaldo Marcus Green und seines grandiosen Hauptdarstellers: Will Smith (53) ist in der Form seines Lebens und spielt in „King Richard“ den Vater von Venus und Serena Williams, der alles dafür tut, um seine Töchter zu Tennis-Weltstars aufzubauen.
Die märchenhafte Geschichte hat sich so ähnlich tatsächlich zugetragen, die Schwestern dominierten das Frauentennis von Ende der 90er Jahre bis weit in die zehner Jahre. Beide zählen zu den größten Spielerinnen aller Zeiten.
Obwohl ihn alle belächeln, lässt Richard Williams nicht locker
Der Film nun zeigt Richard Williams als cleveren Kleinbürger mit großer Vision. Er richtet Anfang der 90er sein anstrengendes Erwerbsleben und den Alltag der Familie vollständig auf sein großes Ziel aus: Venus (Saniyya Sidney) und Serena (Demi Singleton) sollen so viel wie möglich trainieren können – mit ihm als Coach. Zunächst stehen ihnen nur öffentliche Plätze zur Verfügung, und die bergen Gefahren im afromaerkanischen Brennpunktviertel Compton südlich von Los Angeles. Rivalisierende Gangs kontrollieren die Straßen, und Richard Williams gerät in brenzlige Situationen beim Versuch seine Töchter zu beschirmen.
Alle belächeln ihn und seinen 78-seitigen Karriereplan, doch lässt er nicht locker. Der Profi-Coach Paul Cohen (Tony Goldwyn) springt als Erster an, nachdem er Venus und Serena beim Probetraining gesehen hat. Bald gewinnen die beiden Turniere – als einzige schwarze Mädchen unter lauter weißen. Bald schließt Richard Williams einen Vertrag mit Rick Macci (Jon Bernthal) ab, der in seinem luxuriösen Tennis-Internat unter anderem Jennifer Capriati (Jessica Wacnik) an die Weltspitze geführt hat.
Will Smith charmiert, doziert, motiviert
Der Plot ist klug konstruiert, die Zuschauer lernen mit den Schwestern, worauf es beim Tennis ankommt. Das Training und die Matches sind präzise choreografiert und auf maximale Wirkung geschnitten: Die Wucht der Schläge und die Energie des Spiels übertragen sich als Grundspannung in den Kinosaal, nie kommt das Gefühl auf, dass großer Sport hier nur inszeniert wird.
Will Smith ist omnipräsent als Vaterfigur. Er charmiert, doziert und motiviert, er verströmt maximale Leidenschaft, auch wenn er erschöpft ist von langen, anstrengenden Tagen – und er ist ein selten sturer Bock, der mit knitzem Grinsen seinen Willen bekommt. Saniyya Sidney und Demi Singleton machen aus Venus und Serena aufgeweckte Teenager, die zwischendurch dem Alter gemäß auch herumalbern dürfen – wenn sie aber auf dem Platz stehen, sind sie zu 100 Prozent fokussiert.
Jon Bernthal bietet eine komödiantische Meisterleistung als Tennis-Besessener Rick Macci, der dachte, schon alles gesehen zu haben, ehe er sich mit dem ehrgeizigen Richard Williams einlässt. Neben Jennifer Capriati tauchen Stars wie Pete Sampras und John McEnroe auf. Arantxa Sanchez (Marcela Zacarías) wird für Venus zur ersten großen Bewährungsprobe. Hier spielt der Film aus, dass Tennis vor allem auch Kopf- und Nervensache ist.
Ein Wiedersehen mit John McEnroe und Arantxa Sanchez
Über den Sport hinaus erzählt „King Richard“ eine wunderbare Familiengeschichte mit all ihren schönen Momenten und ihren Zwistigkeiten. Die ergeben sich nicht nur aus der Konkurrenz der Schwestern und der Rechthaberei ihres Vaters. Schon mit seinem Langfilmdebüt „Monsters and Men“ (2018), einem Rassismus-Drama, sorgte der Afroamerikaner Green für Aufsehen. Hier nun lässt er die latente Diskriminierung beiläufig mitschwingen, ohne anzuklagen oder gar zu lamentieren. Herablassende Gesten, verzogene Mundwinkel, versperrte Türen – Richard Williams hat sich durchgebissen in der Welt der Weißen. Seine Töchter haben es dann allen gezeigt. So richtig.
King Richard. USA 2021. Regie: Reinaldo Marcus Green. Mit Will Smith, Saniyya Sidney, Demi Singleton. 145 Minuten. Ab 12 Jahren.