Joaquin Phoenix als Arthur Fleck, der sich zum Joker wandelt, einem Inbegriff des Bösewichts Foto: Verleih

Der Joker war im Kino bislang einer, der Böses vor allem deshalb anrichtet, weil es ihm Spaß macht. In seinem ersten eigenen Spielfilm nun offenbart der Batman-Gegenspieler, dass er Beweggründe hat.

Stuttgart - Die Zuschauer werden Zeugen einer grandiosen, schrecklichen Verwandlung: Der harmlose Arthur Fleck, gedemütigt und geschunden, wird am Ende zum Albtraum der Oberschicht in der fiktiven Stadt Gotham City des Jahres 1981 – er mutiert zum Rächer und zur Symbolfigur einer breiten Protestbewegung gegen die Verhältnisse, insbesondere gegen die große materielle Ungleichheit. So fiktiv und surreal die Comicfigur des Jokers erscheinen mag, so archetypisch und universell wirken hier sowohl der spätere Gegenspieler des Helden Batman und das gesamte Setting. Der Regisseur Todd Philipps kommt dem verängstigten Kind im Innern des Protagonisten so nahe, dass die Zuschauer kaum anders können, als mit ihm zu fühlen und ihn zu begleiten auf dem Weg mitzugehen zum monströsen Psychopathen.

Zunächst werden sie Zeugen, welch armseliges Dasein Arthur fristet. Er arbeitet als Miet-Clown und haust bei seiner Mutter. Unkontrollierbare Lachanfälle stellen ihn öffentlich bloß, Jugendliche verprügeln ihn, der Chef sitzt ihm im Nacken. Als Psychiatrie-Nachsorge besucht er eine Sozialarbeiterin, die ihm Medikamente besorgt – bis ihr Budget gestrichen wird. Zudem erforscht Arthur seine Familiengeschichte und erfährt von frühen, unguten Prägungen.

Wall-Street-Zocker sind die ersten Opfer

Es kommt also alles zusammen, was einer braucht, um irgendwann zurückzuschlagen – doch Arthurs seelische Entblößung mutet nicht an wie Küchenpsychologie, sondern eher wie eine sehr exemplarische Vorführung dessen, was unterprivilegierte Mobbing-, Diskriminierungs-, Missbrauchs- und Lobbyismusopfer überall auf der Welt täglich mitmachen. Arthur ist ein kleines Licht aus einer stillen Mehrheit. Das macht diesen Film so verstörend – und so verführerisch.

Man soll sich dabei ertappen, wie man denkt: Die haben es verdient!, als Arthur seinen Zorn an drei Wall-Street-Zockern auslässt, die in der U-Bahn zuerst eine Frau belästigen und dann ihn selbst drangsalieren. Arthur erschrickt zunächst über sich selbst, findet aber schnell Geschmack am Rollentausch vom Opfer zum Täter, an der ungewohnten Macht. In einer öffentlichen Toilette tanzt er mit ausladenden Bewegungen zu einer Musik, die nur in seinem Kopf spielt – und in den Köpfen der Zuschauer. Diese erleben hautnah, was Arthur hört, sieht, sich zusammenfantasiert, wenn er die hübsche Nachbarin (Zazie Beetz) trifft oder eine Karriere als Comedian versucht.

Erstmals bleibt er Joker Mensch

Noch nie hat man sich dem Scheusal so verbunden gefühlt. Joaquin Phoenix wächst über sich hinaus und steuert wohl direkt auf seinen ersten Oscar zu. Bravourös hat er schon in „Gladiator“ (2000) den irren Vatermörder Commodus verkörpert und in „Walk The Line“ (2005) den großen Johnny Cash als verlorene Seele am ­Abgrund. Als Joker nun, abgemagert bis auf die Knochen, liefert er ein Meisterstück ab – spektakulär angesichts der Vorgänger: Jack Nicholson lachte unnachahmlich („Batman“, 1989), Heath Ledger wütete wie kein zweiter (The Dark Knight“, 2008), Jared Leto inszenierte sich vollendet als Entrückter („Suicide Squad“, 2016) – aber nur bei Phoenix darf der Joker Mensch bleiben.

Ausgerechnet dem Komödien-Regisseur Todd Phillips („Hangover“, 2009) ist gelungen, was viele ihm nicht zugetraut haben. Er umschmeichelt seinen Hauptdarsteller mit der Kamera und bettet ihn ein in Bilder einer kaputten Zivilisation, die das gequälte Innere der Figur spiegeln. Phillips inszeniert seine Themen und Motive in großen Kinobilder und stilisiert sie behutsam mit charakteristischen Comic-Elementen: Radikal ist der Blick eine endlos scheinende Treppe hinauf oder von oben auf eine Straßenecke, an deren Wänden Figuren lange Schatten werfen. Der traurige Clown als zwiespältige Figur trifft auf die Gnadenlosigkeit des Publikums, der Prototyp eines zynischen Talkshow-Moderators (Robert De Niro) entzaubert das Fernsehen als Sehnsuchtsort, an dem Stellvertreter tun und erleben dürfen, was den meisten Menschen im realen Leben versagt bleibt.

Die Gewalt tritt nie um ihrer selbst Willen auf

Die Gewalt ist gut dosiert und tritt nie um ihrer selbst Willen auf, Arthurs Ausbrüche sind natürlich nicht schön, aber motiviert. Die Nachahmer-Diskussion erinnert an Zeiten, als Theologen die Musik von Black Sabbath als Aufforderung zu satanischen Handlungen verstanden. Sie wurde schon geführt, als Stanley Kubricks die jugendlichen Gewalttäter in „Uhrwerk Orange“ (1971) auf die Leinwand schickte. Und sie findet aus gutem Grund vor allem in den schwer bewaffneten USA statt, wo jedes Kind leicht an ein Sturmgewehr kommen kann.

Viel beunruhigender ist die Psychologie, vor allem die Haltung der Privilegierten: Wer nichts habe, sei selbst schuld, sagt der superreiche Thomas Wayne (Brett Cullen), der Vater des später zum Rächer Batman mutierenden Bruce Wayne. Er erinnert dabei fatal an reale Manager von Bankinstituten und Konzernen, die Verluste gerne den Steuerzahlern aufbürden und Gewinne im kleinen Kreis verteilen. Der gewaltsame Proteststurm der Clownsmasken, den der Joker im Film anstößt, macht Schaudern, weil er seltsam realistisch erscheint – die „Anonymous“-Bewegung lässt grüßen.

Der Film läuft in den Stuttgarter Kinos Cinemaxx City & SI, Delphi (OmU), Gloria (auch OV), Ufa

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