Ganz nah kommen die Zuschauer den Astronauten Foto: Verleih

Im Stil eines Filmkünstlers der damaligen Ära hat der Oscar-Preisträger Damien Chazelle die Geschichte der ersten Mondlandung inszeniert. Diese erscheint als umso größeres Wunder, weil er den Blick auf Gefahren und Opfer fokussiert.

Stuttgart - Der Science-Fiction-Pionier Jules Verne schürte schon 1865 den Traum von einer Reise zum Mond, und die Rakete samt Kapsel sieht auf einer Illustration von Henri de Montaut aus wie eine Blaupause für die Fluggeräte der Apollo-Missionen hundert Jahre später. Der US-Präsident John F. Kennedy beschwor 1960 das Vordringen in den Weltraum als „New Frontier“ und stellte die mythische Analogie zu der sich stetig verschiebenden Grenzlinie im Westen her, die bis ins späte 19. Jahrhundert das eroberte Siedlungsland der USA vom schrumpfenden Territorium der Indianer trennte. Zur Faszination kam die Rivalität zwischen den Supermächten USA und Sowjetunion. Der Ausgang ist bekannt: Am 20. Juli 1969 betraten die Amerikaner Neil Armstrong und Buzz Aldrin als erste Menschen die Mondoberfläche.

„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Menschheit“ – Armstrongs Worte sind legendär, kein Drehbuchautor hätte diesen ­Moment größer malen können. Vielleicht hat Hollywood darum keine Verfilmung der Apollo-11-Mission gewagt – vielleicht aber, weil schnell verdrängt wurde, welchen Tribut an Menschenleben und Geld die im Nachhinein glorifizierte Raumfahrt der Sechziger gefordert hat. Genau das interessiert Damien Chazelle („La La Land“) nach einem Buch von Josh Singer („Spotlight“): Sein Film ist auch ­cineastisch eine Zeitreise, zurück zur gesellschaftskritischen Ästhetik der „New Hollywood“-Filme von Arthur Penn („Bonnie and Clyde“) und Robert Altman („M.A.S.H.“).

Verschwörungstheoretiker werden sich freuen

Verwaschenes Braun und kaltes Blau dominieren die Szenerie, nichts strahlt im öden Vorstadtleben, nicht der Wohlstand und auch nicht die Heckflossen der Autos. Die Raketen und die Kapseln mit den analogen Hebeln, Schaltern und Anzeigen wirken vorsintflutlich, der Tod fliegt immer mit, und bei atemberaubenden Szenen im All kann man nur staunen, dass diese Mondlandung gelungen sein soll – Verschwörungstheoretikern, die sie ohnehin für inszenierten Schwindel halten, wird das neuen Auftrieb geben. Die latente Lebensgefahr sorgt für immense Spannung, dreimal entkommt der stoische Armstrong nur haarscharf. Andere haben weniger Glück. Missionen gehen in Flammen auf, man meint, das Inferno am eigenen Leib zu spüren, und möchte die Tränen der Witwen und Halbwaisen trocknen.

Penetrant bedrängt die nervöse Kamera die Akteure, sie leuchtet jede Regung aus, wie es im Hochglanz von „Apollo 13“ (Ron Howard, 1995) undenkbar gewesen wäre – und zwingt die Zuschauer in eine unbequeme Nähe zu potenziell Todgeweihten. Ryan Gosling brillierte in Chazelles „La La Land“ als schweigsamer Jazz-Pianist und hoffnungsloser Romantiker, nun spielt er Armstrong als Mann ohne Nerven, der kaum Worte braucht, um das Aufgewühltsein der Figur spürbar zu machen. Der Verlust einer Tochter treibt ihn um, und Claire Foy geht mitten ins Dilemma aus Stolz und Verlustangst, in dem Armstrongs Frau Janet gesteckt haben muss.

Armstrong und Aldrin geraten öffentlich aneinander

Jeder Astronaut hat seine Strategie, Ed White (Jason Clarke, „Brotherhood“) klammert sich an die Haltung des braven Soldaten, Buzz Aldrin (Corey Stoll, „House of Cards“) trägt das Herz auf der Zunge und spricht Risiken offen an. Er und Armstrong geraten deshalb vor ihrer ruhmreichen Mondlandung öffentlich aneinander. In dieser explosiven Konstellation hätte Chazelle die Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn der Raumfahrt exemplarisch zuspitzen können, doch er belässt es bei der Andeutung. Er verzichtet auch auf patriotisches Hurra, etwa auf den Moment, in dem die Astronauten die amerikanische Flagge in den Mondstaub pflanzen – was prompt den US-Präsidenten Donald Trump und andere republikanische US-Politiker zu ­reflexhafter Kritik verleitete.

Entlarvung und Provokation bestimmte die Kunst des Oscar-Preisträgers Chazelle schon in seinem Musikhochschul-Drama „Whiplash“ (2014). Er entzieht sich elegant den Regeln des Mainstreams – und bietet dafür viel Unerwartetes darüber hinaus.

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