Kinokritik zu „Das schönste Mädchen der Welt“ Das Herz hinter der goldenen Maske

Von Brigitte Jähnigen 

Ein deutscher Teeniefilm der besonderen Art: Zwar geht es vordergründig nur um eine Klassenfahrt und um die Liebe eines Schüchternen. Aber die Komödie unter jungen Rappern basiert auf „Cyrano de Bergerac“.

Stuttgart - Der Busfahrer der Klassenfahrt nach Berlin will schon starten, da stopft ein Vater seine zeternde und sich wehrende Tochter durch die gerade noch offene Tür. Roxy, kürzlich aus einem englischen Schulinternat geflogen, soll bei der Klassenfahrt ihre künftigen Mitschüler in lockerer Form kennenlernen. Sie aber hat die Nase voll von pädagogischen Tricks und will erst mal gar nichts.

Mit dieser amüsanten Szene verpasst der Regisseur Aron Lehmann seiner weiblichen Hauptdarstellerin ein Aufsehen erregendes Entrée in „Das schönste Mädchen der Welt“. Denn Roxanne – „nennt mich Roxy“ – wirbelt mit ihrer natürlichen Schönheit und geistvollen Wortgewandtheit das bisherige Klassensystem sofort durcheinander. Die anderen Mädchen buhlen um ihre Gunst, die Jungs rücken sich in Positur. Doch die Neue setzt sich ausgerechnet neben Cyril.

Der Junge mit der großen Nase

Cyril, der seiner überdimensionierten Nase wegen in der Gunst seiner Mitschüler ziemlich weit unten rangiert, kann sein Glück kaum fassen. Augenblicklich verliebt er sich in Roxanne. Was Roxy in diesen Momenten noch nicht wissen kann: Cyril ist ein sensibler Außenseiter und ein hoch begabter Rapper. Weil ihm Selbstvertrauen fehlt, versteckt er sich bei Auftritten als „Goldgesicht“ unter einer tief in die Stirn gezogenen Kapuze und hinter einer goldfarbenen Augenmaske.

Cyril statt Cyrano, „Roxy“ statt Roxanne: Aron Lehmanns Komödie ist eine moderne Eins-zu-Eins-Adaption von Edmond Rostands Versdrama „Cyrano de Bergerac“ aus dem Jahr 1897. Aus Gascogner Kadetten werden Oberstufenschüler, aus poetischen Versen Rap-Texte. Damals wie heute gilt die Aufmerksamkeit einer ungewöhnlichen Frau, die sich in einen anderen verliebt. Bei Aron Lehmann, der das Drehbuch gemeinsam mit Lars Kraume und Judy Horney schrieb, ist es der schüchterne Mitschüler Rick. Für ihn wird Cyril als Ghostwriter fungieren.

17 Jahre und große Klappe

Und so logiert die Klasse im denkmalgeschützten Gebäude des Hostels am Berliner Ostkreuz, schwärmt in die Szeneviertel aus und wird nur mühsam zusammengehalten durch die von Heike Makatsch gespielte überdrehte Lehrerin. Eine historische Stadtrundfahrt zeigt exemplarisch das Nichtwissen der Schüler. Die meisten meinen, Hitler habe die Mauer gebaut. Ganz nebenbei wird heftig geflirtet.

Doch was macht einen Menschen anziehend? Die tratschenden, intrigierenden, sich um den gegelten Schürzenjäger Benno zusammenrottenden Mädchen sind es nicht. Sie scheinen bestenfalls irgendwelche TV-Sternchen zu kopieren. Roxy ist es. Luna Sofia Wedler spielt die Siebzehnjährige mit großer Klappe und ausgeprägtem Instinkt für menschliche Stärken und Schwächen. Dass sie sich in den eher faden Rick (Damian Hardung) verliebt, beruht auf einem Irrtum. Roxy, die wie Cyril mit eigenen Texten bei Battle Rap Contests auftritt, erwischt Rick im Hostelzimmer mit goldener Maske und muss nun glauben, er sei das begabte „Goldgesicht“.

Fieberhaft verliebt

Liebe macht bekanntlich blind, kann aber auch Berge versetzen. Und so läuft der hochbegabte Aaron Hilmer als Cyril in seiner Entwicklung vom öffentlichkeitsscheuen jungen Mann zum fieberhaft Verliebten zur Hochform auf. Wenn er die angebetete („angerappte“) Roxy schon nicht haben kann, wird er ihr wenigstens bei Auftritten mit seinen Texten huldigen.

Durch die Übertragung ins moderne Jugendleben wird dem historischen Stoff die klösterliche Strenge genommen. Die Dialoge sind pointiert, die Charaktere (selbst die der ironisierten Mädchen-Tussis) exzellent gezeichnet, die Ausflüge ins Rap-Milieu begeistern auch ältere Kinobesucher. Aron Lehmann und seine Co-Autoren präsentieren nach all den Verwicklungen im Gegensatz zu Edmond Rostand allerdings ein Happy End. Und das zeigt schlüssig, dass Roxy nicht nur das schönste Mädchen der Welt ist, sondern auch eine erfrischend intelligente, selbstbewusste junge Frau.

Das schönste Mädchen der Welt. Deutschland 2018. Regie: Aron Lehmann. Mit Aaron Hilmer, Luna Sofia Wedler, Damian Hardung, Anke Engelke, Heike Makatsch. 103 Minuten. Ab 12 Jahren.

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