Super! Das Kind hat herausgefunden, wo die CDs sind, was man damit macht und wie gut die Dinger fliegen können. Foto: Setzer

Einfach schön: Das Kind übt sich in zivilem Ungehorsam, Sachbeschädigung und Punk. Und als ob das nicht schon toll genug wäre, provoziert der Kleine auch noch unseren Kolumnisten Michael Setzer.

Stuttgart - Elternsein ist ein täglicher Ringkampf mit sich selbst. Im Normalfall wissen Eltern schließlich viel mehr als ihre Kinder oder verfügen zumindest über mehr Erfahrung.

Ich zum Beispiel weiß, dass es nichts bringt, an irgendwelchen Kabeln zu ziehen. Also, außer dass das elektronische Gerät am anderen Ende krachend zu Boden fällt, ich dann „Ohmann“ sage und mir die flache Hand gegen die Stirn klatsche. Doch Kinder interessiert mein über Jahrzehnte angeeignetes wertvolles Fachwissen leider überhaupt nicht. Beziehungsweise: wissen die selbst schon. Scheint ihnen aber egal.

„Nee, bitte nicht die CD auf den Boden werfen“, sage ich. Weil ich ja weiß, dass das selbst bei miesen CDs niemanden weiterbringt. Der Sohn hat darin trotzdem eine Art vorübergehende Lebensaufgabe gefunden: Seit Wochen schon zieht er CDs aus dem Regal, packt sie aus, legt sie ein und drückt die richtigen Knöpfe am CD-Player.

Dann hören wir circa zwölfkommadrei Sekunden lang ein Lied, weil das ungefähr die Zeitspanne ist, die er braucht, um die nächste CD startklar zu machen. Die Hüllen und bereits gespielte CDs werden derweil entweder mir gereicht oder gleich achtlos auf den Boden geworfen.

„Nee, bitte nicht auf den Boden werfen“, sage ich erneut und stelle nach grob 27 Liedern fest: Der Junge wird mal ein riesen Punkrock-DJ – und dieser kleine Punk wirft die CDs tatsächlich nur weg, wenn man ihn ausdrücklich darum bittet, es nicht zu tun.

Pure Provokation

Sagt man nichts, passiert auch nichts. Im Rahmen erweiterter Forschungen habe ich festgestellt: Sachschaden gibt’s nie, wenn der Junge alleine im Zimmer ist, sondern ausschließlich dann, wenn ich ihn darum bitte, irgendetwas nicht zu zerdeppern. Dann: Klong. Ich: „Ohmann“. Er: „Gnihihi“.

Wie so ein Profi-Provokateur: dem geht’s lediglich um meine Reaktion, gucken wie ich von der Palme winke. Wahrscheinlich bieten sie ihm bald eine Talkshow in der ARD an. Eventuell ist das aber auch seine Art, mir mitzuteilen, dass ich mir meine Erfahrungen und Ratschläge einstweilen an den Hut schmieren oder in die Haare stecken sollen. Dass ich warten soll, bis er mal wirklich etwas wissen will.

Horror, Trauma, Katastrophe und, äh, Mathe

Ein Bekannter, Vater einer 13-Jährigen Tochter, berichtete jüngst von einem wieder aufgefrischten Trauma: Mathematik. Er würde sich noch genau an den Moment erinnern, als er damals im Matheunterricht gedacht hätte „So! Das war’s jetzt aber endgültig für mich! Ich bin raus, komme da nicht mehr mit.“ Eher der musische Typ, sage ich mal.

Einige Jahre lang schien das auch bestens zu funktionieren. Er vermisste Mathe nicht und Mathe vermisste ihn ebenfalls nicht. Bis zu dieser hässlichen Homeschooling-Geschichte während Corona: Matheaufgaben und eine Tochter, die „Hä?! Papa! Ich blick das nicht“ sagte. Dann: kalter Schweiß und ein Vater, der ihr so gerne sagen würde „So! Das war’s! Ich bin raus!“. Geht natürlich nicht. Ohnmacht oder Herzinfarkt vortäuschen – auch blöd.

Die Tochter lacht jetzt noch über ihn, denn sie hatte trotz Anfangsschwierigkeiten und im Gegensatz zum schweißgebadeten Vater letztlich doch alles geblickt. Diese kleinen Punker sind mitunter lernfähiger, hämischer und rebellischer als ihre Eltern. Das kann ja noch heiter werden.

Lesen Sie hier mehr aus der „Kindskopf“-Kolumne

Michael Setzer ist vor über einem Jahr Vater geworden. Früher haben Eltern ihre Kinder vor Leuten wie ihm gewarnt. Niemand hat ihn vor Kindern gewarnt. Er schreibt im Wechsel mit seiner Kollegin Lisa Welzhofer, die sich in ihrer Kolumne „Mensch, Mutter“ regelmäßig Gedanken übers Elternsein, über Kinder, Kessel und mehr macht.

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