Kinderwunschbehandlungen bedeuten oft großen Stress für die werdenden Eltern. Dieses emotionale Erlebnis kann sich aber auch auf den späteren Erziehungsstil auswirken. Die Frage ist nur: In positiver oder negativer Weise?
Etwa jeder sechste Mensch ist laut der Weltgesundheitsorganisation zumindest zeitweise unfruchtbar. In Deutschland klappt es laut Bundesfamilienministerium bei fast jedem zehnten Paar mit dem Wunschkind nicht ohne Hilfe. Weil eine Familie zu gründen für einen großen Teil der Menschen ein existenzieller Wunsch ist, suchen viele Hilfe durch eine Kinderwunschbehandlung. Eine solche durchlaufen in Deutschland jährlich 67 000 Frauen, so Zahlen des Deutschen IVF-Registers, eines Dachverbands für Kinderwunschzentren. 2021 wurden aus künstlicher Befruchtung fast 24 000 Babys geboren, zehn Jahre zuvor waren es erst 15 000. Was bislang wenig beleuchtet ist: Was macht eine solche Behandlung mit den Familien?
Jeder negative Schwangerschaftstest wie ein gebrochenes Herz
„Der Stress, den die Paare durch die Infertilität erleben, ist enorm“, sagt Julia Schmid von der Uni Zürich, die zu dem Thema forscht. Jeder Monat beginne mit Hoffnung, so beschreibt es eine Studie der Psychologinnen Amelia Swanson und Andrea Braverman. Bis zum Schwangerschaftstest steige die Anspannung, falle dieser negativ aus, komme das bei den Wunscheltern einem gebrochenen Herzen gleich. Mit jedem Mal, bei dem die Empfängnis nicht gelinge, steige die Belastung. Und Fruchtbarkeitsbehandlungen könnten diesen Druck sogar noch erhöhen.
Dieser Stress durch Unfruchtbarkeit ist relativ gut erforscht. Untersuchungen legen unter anderem nahe, dass vor allem Frauen das Gefühl haben, von der Gesellschaft negativ gesehen zu werden, wenn sie keine Kinder bekommen können. Weniger klar ist, wie sich diese emotionale Achterbahn auf das spätere Familienleben auswirkt.
Kinderwunsch – und ein schwerer Übergang zur Elternschaft
„Es gibt Studien, die auf eine bessere Mutter-Kind-Beziehung hindeuten“, sagt Julia Schmid. Andere Untersuchungen deuteten aber darauf hin, dass es etwa zu einer Überfürsorge bei Kindern aus Kinderwunschbehandlung komme, so Schmid. Forscherinnen der University of Melbourne stellten zudem in einer Überblicksarbeit von 2008 etwa fest, dass die Angst um das Überleben des Fötus sowie frühe Erziehungsschwierigkeiten größer seien. Sie kamen zum Schluss, dass Elternschaft bei Paaren mit Kinderwunschbehandlung idealisiert werden könnte, was den Übergang in die Elternschaft erschweren könne. Unterm Strich weisen Studien also sowohl auf positive als auch negative Auswirkungen hin.
Auch deswegen läuft seit einigen Monaten eine von Schmid lancierte Untersuchung mit Familien aus der Schweiz und Deutschland. In der Studie werden die psychische Gesundheit von Eltern, verschiedene Aspekte der Elternschaft – wie etwa Erziehungsstil – und die Entwicklung der Kinder untersucht. Neben psychologischen Fragebögen passiert das über Fingernagel- und Speichelproben, anhand derer etwa der Cortisolspiegel, also das Stresslevel, gemessen wird. Schmid erhofft sich vor allem aus Deutschland weitere Studienteilnehmer. Gesucht werden vierköpfige Familien, bei denen ein Kind aus assistierter Reproduktion entstanden ist.
Welche Ergebnisse sind zu erwarten? Es sei durchaus möglich, dass keine großen Unterschiede festzustellen seien, sagt Schmid. Aus gesellschaftlicher Sicht sei das durchaus wünschenswert – damit Kinderwunschbehandlungen kein Tabu mehr seien.