Das Bundeskriminalamt ruf Nachbarn auf, akute Situationen unbedingt der Polizei zu melden. Foto: imago/blickwinkel

Minderjährige, die in ihrer Familie Gewalt erfahren, sind aktuell besonders gefährdet. Kinderschützer fordern rasch konkrete Hilfestrategien.

Stuttgart - Am Telefon klingen wütende Stimmen durcheinander. Es rumpelt im Hintergrund, der Lärmpegel ist enorm. Die Sprachnachricht, die Bernd Siggelkowauf seinem Handy erreicht, stammt von einem Teenager. „Hör mal, was bei uns abgeht“, schreibt das Mädchen unter die Aufnahme.

 

Seit Mitte März sitzt die Jugendliche wegen der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus mit ihren Eltern und Geschwistern zu Hause – eine Ausnahmesituation, die zu massiven Spannungen führt. „Die Stimmung war kurz vor der Eskalation,“ sagt Siggelkow, Gründer und Leiter des christlichen Kinder- und Jugendwerks Die Arche mit Hauptsitz in Berlin. Wenn das Mädchen es gewollt hätte, wäre er in diesem Moment bei ihr vorbeigefahren– trotz Corona-Krise.

Zu den Kindern, die er betreut, sucht Siggelkow in Zeiten des Lockdowns ständig den Kontakt. Per Nachrichtenchat tauschen sie sich aus, zudem veranstaltet die Arche täglich per Livestream Rätselstunden für die Kleinen. Ein- bis zweimal die Woche fahren die Mitarbeiter mit Kartons voller Lebensmittel persönlich zu den Familien – auch um zu sehen, wie es den Kindern geht. „Viele von ihnen haben momentan keinen Raum, um sich zurückzuziehen und in Ruhe zu telefonieren, wenn es ihnen schlecht geht“, sagt Siggelkow.

„Schulen und Kitas sind für den Kinderschutz systemkritisch“

Dass bei vielen die Nerven blank liegen, verstärkt auch die Gefahr, dass Kinder und Jugendliche Opfer von häuslicher Gewalt werden. „Schulen und Kitas sind für den Kinderschutz systemkritisch“, sagt die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbundes, Ekin Deligöz: „Seit ihrer Schließung sind die Meldungen zu Kindeswohlgefährdung drastisch um 60 Prozent gesunken.“ Verstörtheit, Verletzungen oder Untergewicht bleiben unbemerkt. Auch das Bundeskriminalamt, das im vergangenen Jahr 3400 Fälle von Gewalt gegen Kinder verzeichnete (die Dunkelziffer liegt weit höher), sieht in Überforderung, beengten Wohnverhältnissen und fehlender Unterstützung von außen eine riskante Mischung. Per Twitter ruft das BKA Nachbarn auf, „aufmerksam zu reagieren, wenn der Verdacht einer Kindesmisshandlung im Raum steht“: „Melden sie akute Situationen unbedingt der Polizei!“

Dass im Frühjahr die Zahl der gemeldeten Fälle beim Berliner LKA 123, das auf Gewaltdelikte an Schutzbefohlenen und Kindern spezialisiert ist, sogar leicht gesunken ist, ist aus Sicht der Ermittler kein Grund zur Erleichterung – im Gegenteil: Die Zahlen deuteten auf eine hohe Dunkelziffer hin. Denn meist sind es Schulen, Ärzte und Kindertagesstätten, die den Verdacht auf Misshandlungen melden. Doch genau zu denen haben die Kinder in der aktuellen Situation kaum Kontakt.

Die Krise des Kinderschutzes wird jetzt deutlich

Dass Kinder jetzt selbst auf ihre Lage aufmerksam machen und etwa bei einer Hilfehotline anrufen, hält Dorothea Wagner von der Vereinigung analytischer Kinder- und Jugendpsychotherapeuten für unwahrscheinlich. „Kinder brauchen eine Bezugsperson, um sich zu öffnen“, sagt sie: „Themen wie physische Gewalt, Vernachlässigung oder sexueller Missbrauch sind schambehaftet und brauchen eine Vertrauensbasis.“

Die Gefahr des Missbrauchs sei derzeit ebenfalls massiv, sagt Julia von Weiler, Vorsitzende des Vereins Innocence in Danger: „Die größten Gefahrenquellen sind die Familie und das Internet und damit gerade eigentlich alles.“ Im Angesicht der Pandemie werde die Krise des Kinderschutzes besonders deutlich. Sämtlichen Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe fehle es an Ausrüstung, die meisten hätten nicht einmal Diensttelefone, um mit den Kindern in Kontakt zu bleiben.

Auch die Politik reagiere unangemessen, kritisiert von Weiler: „Über die Situation der Kinder wird überall lamentiert, aber es gibt keine Lösungen.“ Sie wünscht sich eine Task-Force auf Bund- und Länderebene, die sich konkret damit beschäftigt, wie Verbesserungen aussehen könnten: „Dafür braucht es ein klares Signal der Bundesfamilienministerin, dass die Politik nicht nur das Scheitern adressiert, sondern dass man sich schnell und kreativ auf den Weg machen sollte, die Kinder wieder zu erreichen.“

„Kinder und Jugendliche haben keine Lobby“

Auch bei der Debatte über die Exitstrategien habe der Kinderschutz bisher eine viel zu kleine Rolle gespielt, sagt Psychotherapeutin Dorothea Wagner. Es würden Interessensgruppen gegeneinander abgewogen: „Die Kinder und Jugendlichen, die keine Lobby haben, werden nicht ausreichend berücksichtigt.“ Laut der UN-Kinderrechtskonvention müssten die Rechte von Kindern eigentlich wirtschaftlichen Interessen gleichgesetzt werden, sagt sie: „In den Entscheidungen der Politik findet das keinen Niederschlag.“ Das meint auch Andreas Oberle, Leiter des Kinderschutzteams am Klinikum Stuttgart. „Die Perspektive der Kinder und die Konsequenzen für sie müssen bei weiteren Lockerungen mehr Raum einnehmen“, fordert er.

Was den Kinderschutz angeht, wirkt die Corona-Krise wie ein Brennglas und offenbart somit gravierende Schwachstellen. Seit Jahren schon müssen sich zum Beispiel zahlreiche Initiativen wie Die Arche, die Kinder aus sozial schwachen Familien stärken und fördern, mit Spenden über Wasser halten, strategische Unterstützung vonseiten des Staates gibt es für diese Einrichtungen selten. „Die Politik muss erkennen, dass Kinderschutz systemrelevant ist und als zentrales Thema behandelt werden muss“, sagt Dorothea Wagner.

Doch bis dahin liegt es wohl an den Initiativen selbst, aktiv zu werden – auch ohne politische Rückendeckung. Bernd Siggelkow zum Beispiel ist sich sicher, dass er den Kontakt zu den Familien, die er betreut, weiter aufrechterhalten wird: „Ich kann nicht akzeptieren, dass Menschen, die sowieso schon das Gefühl haben, abgehängt zu sein, noch stärker abgehängt werden.“ Außerdem will er als Ansprechpartner für die Kinder rund um die Uhr präsent bleiben. Es falle den Kindern einfach leichter, ihn persönlich um Hilfe zu bitten, als bei einer Telefonhotline anzurufen. „Für die Familien bin ich einfach Bernd, der sowieso zu ihnen gehört“, sagt er: „Die Kinder und Jugendlichen vertrauen mir, und sie haben meine Nummer immer parat.“