Kinder lieben „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler. In der neuen Mitmachausstellung im Alten Schloss können Familien in die Geschichte interaktiv eintauchen – gemahlene Fledermauszähne und Kröteneiern inklusive. Wir zeigen die schönsten Stationen.
Kinder können unbequeme Fragen stellen. Otfried Preußlers Töchter wollten zum Beispiel wissen, warum es eigentlich keine bösen Hexen mehr gibt. Da stand der Schriftsteller da und wusste nicht recht, was sagen. Es dauerte eine Weile, aber letztlich lieferte Preußler seine Antwort sogar gedruckt in Buchform ab: „Die kleine Hexe“. Sie ist jung und steckt noch voller Ideale. Deshalb hext sie den großen, bösen Hexen das Hexen kurzerhand ab.
Mit der kleinen Hexe kann man sich gut identifizieren
Generationen von Kindern haben „Die kleine Hexe“ schon verschlungen, weil sie so herrlich als Identifikationsfigur taugt. Die Macht mögen die Erwachsenen für sich gepachtet zu haben, bei Kindern aber sitzt das Herz auf dem rechten Fleck, so dass sie es – zumindest in Preußlers Büchern – sind, die das Gute in die Welt bringen. Klein, aber oho. So wird die neue Ausstellung im Landesmuseum Württemberg im Alten Schloss in Stuttgart sicher sehr, sehr viele Kinder glücklich machen. Denn hier wird auf 800 Quadratmetern die Geschichte der kleinen Hexe zwar auch erzählt, aber vor allem lebendig und interaktiv erlebbar gemacht.
Heia Walpurgisnacht!
So geht es mit Hexenkittel und Zauberstab in der Hand direkt hinein ins windschiefe Haus der kleinen Hexe, die gemahlene Fledermauszähne und Kröteneier im Regal stehen hat und allerhand duftende Säckchen. Über den Küchentisch huschen digitale Kaffeeflecken, die man mit Plastiktellern jagen kann, und Zauberspiegel machen einen klein und dick oder lang und dürr. So könnte man es sich also gemütlich machen in der guten Stube, wäre da nicht die kindliche Neugierde, die die kleine Hexe dorthin treibt, wo sie – noch – nichts zu suchen hat: auf den Blocksberg, wo die großen Hexen Walpurgisnacht feiern. Und schon nimmt der Ausstellungsparcours Fahrt auf.
Preußler ließ sich vom Bösen verstricken
Genau vor hundert Jahren, am 20. Oktober kam Otfried Preußler im heutigen Tschechien auf die Welt – und zu seiner Kindheit gehörten ganz selbstverständlich Hexen, Geister und Wassermänner. Die Oma war eine passionierte Märchenerzählerin, und der Vater sammelte Sagen der Region. Wenn im Herbst der Dunst über Wasser und Land zog, dann wusste der kleine Ottfried, dass das tanzende Nebelfrauen sind. Bald holten ihn allerdings die bösen Geister ein. Preußler machte Karriere in der Hitlerjugend und trat später auch in die NSDAP ein. Sein „Krabat“ war für ihn deshalb seine eigene Geschichte und die seiner Generation, die wie der Müllerbursche mit den bösen Mächten in Berührung kam und sich darin verstrickte.
Alle Sinne werden angesprochen
Auch in „Die kleine Hexe“ steckt die Frage nach Gut und Böse. Und mit ihren jugendlichen 127 Jahren ist es für die kleine Hexe völlig selbstverständlich, dass sie ihre bescheidenen Zauberfertigkeiten dazu nutzt, anderen zu helfen. In der Ausstellung können die Kinder sie bei ihren guten Taten unterstützen und etwa Holzstäbe sammeln für die alten Frauen, die im Wald nach Brennholz suchen. Die Besucher können über den Wochenmarkt schlendern und Papierblumen basteln, damit das arme Kind Brot für die Familie kaufen kann. Sie können dem frierenden Maronimann helfen und auch mit Korken auf Holzhühner schießen, als wären sie selbst der kleine Thomas, der durch Zauberei Schützenkönig wird und verhindert, dass der Festochse geschlachtet wird.
Gemeinsam gegen das Böse
Die Geschichten aus dem Buch werden im Alten Schloss auf vielerlei Weise erzählt. Hier werden Passagen vorgelesen, dort kann man selbst lesen üben oder gar Brailleschriftzeichen ertasten. Der Weg durch den Wald wird körperlich spürbar beim Klettern über Wackelbrücken – und sogar auf dem Hexenbesen darf man reiten mit Gegenwind aus der Windmaschine. Am Ende der Geschichte ist Teamarbeit gefragt und werden Ober-, Wind-, Wald- und Nebelhexen digital weggezaubert, indem mehrere Kinder ihre Zauberstäbe in Löcher bohren.
Im Nachgang widmet sich die Ausstellung noch Otfried Preußler und den Figuren seiner Bücher, und man soll man etwa ertasten, welche Gestalt hier wohl mit Schlüsselbund und geschwungenem Körper dargestellt sein könnte – vielleicht das kleine Gespenst? In Vitrinen sind auch ein Originalmanuskript ausgestellt und einige Originalzeichnungen von Winnie Gebhardt-Gayler, die „Die kleine Hexe“ so wunderbar illustriert hat. Eine runde, gelungene Ausstellung, die allerdings auch verrät, dass das Landesmuseum in der eigenen kulturhistorischen Sammlung offenbar kein Potenzial und keine Geschichten sieht, mit denen man Kinder begeistern kann.
Vorlesetage
Geburtstagsaktion
Zu Otfried Preußlers 100. Geburtstag findet am Freitag, 20. Oktober, um 15.30 Uhr eine Vorleseaktion in der Ausstellung statt. Um 16 Uhr wird eine Tour für Erwachsene angeboten. Weitere Vorlesetage aus Preußlers Büchern: 3., 5. (mit Dodokay), 17. und 25. (mit Gerlinde Kretschmann) November – und weitere dann am 1., 15. und 29. Dezember sowie am 12. und 26. Januar um 15.30 Uhr.
Ausstellung
bis 2. Juni 2024, für die Ausstellung müssen Zeitfenster gebucht werden, je nach Verfügbarkeit ist das auch spontan an der Kasse möglich. Infos unter www.junges-schloss.de.