Männer mit Kinderwunsch würden oft nicht über ihre Gefühle sprechen, um die Frau nicht zusätzlich zu belasten, erklärt eine Expertin. Foto: Unsplash/Omar Lopez

Männer leben fast genauso oft mit einem unerfüllten Kinderwunsch wie Frauen. In der öffentlichen Debatte finden sie kaum statt, sie leiden still. Was macht das mit den verhinderten Vätern?

Johannes Richter hat mit seiner Partnerin unzählige Besuche bei Ärztinnen und Ärzten absolviert, sie waren in Kinderwunschkliniken, erlebten Eileiterschwangerschaften und Fehlgeburten. Einmal landete seine Partnerin dabei auf der Intensivstation. Sie investierten große Mengen an Geld und unzählige Nerven. „Das war extrem aufreibend“, sagt der 39-jährige Lübecker, für ihn genauso wie für seine Partnerin. Aber: „Männer sind damit sehr allein“, erzählt Richter, der seine Erlebnisse in dem Blog vaterwunsch.de aufgeschrieben hat.

 

Klappt es nicht mit dem Kinderwunsch, stehen in der Regel Frauen im Mittelpunkt. Sie sind es schließlich, die eine Kinderwunschbehandlung über sich ergehen lassen müssen, selbst wenn der Grund für die Infertilität beim Mann liegt. Sie sind es auch, die den Großteil der gesellschaftlichen Erwartungen abbekommen, sie werden gefragt, wie es denn eigentlich mit Kindern aussehe.

Niemand redet mit Männern über einen unerfüllten Kinderwunsch

„Ich hatte das Gefühl, so machtlos zu sein, nichts tun zu können. Das hatte meine Frau bestimmt auch, aber ich konnte nicht einmal ihr helfen“, sagt Richter. Seine Frau wurde nach Abgängen gefragt, wie es ihr geht, konnte immerhin darüber sprechen, ihr Leid klagen. „Ich hatte keine Möglichkeit, meine Geschichte auch mal zu platzieren“, sagt Johannes Richter. Er leidet still.

Männer wie Johannes Richter, die mit einem unerfüllten Kinderwunsch hadern, tauchen in der öffentlichen Debatte kaum auf. Für sie gibt es kaum Ratgeber, diese richten sich meist an Frauen. Selbst in der Forschung bezeichneten die Psychoanalytikerinnen Rheta Keylor und Roberta Apfel diese Männer noch vor einigen Jahren als „underexplored territory“, also als untererforschtes Feld.

Viele Männer sind kinderlos – und haben keine Perspektive

Dabei sind Männer mit unerfülltem Kinderwunsch keine kleine Minderheit. Jeder zehnte Mensch im Alter zwischen 20 und 50 Jahren ist laut einer Broschüre des Bundesfamilienministeriums ungewollt kinderlos. Immerhin 43 Prozent davon sind Männer. 40 Prozent dieser Männer sind Single, diese Quote ist wesentlich höher als bei Frauen mit 26 Prozent. Und während sich Frauen in Deutschland durch Samenspende und Kinderwunschbehandlung auch alleine den Familienwunsch erfüllen können, gibt es eine solche Möglichkeit für Männer nicht. Sie müssten den Weg über eine Leihmutterschaft gehen, und das ist in Deutschland verboten. Bleibt die Frage: Was macht es mit den Männern, sich diesen Kinderwunsch nicht erfüllen zu können?

„Wir wissen aus Studien, dass die Belastung durch einen unerfüllten Kinderwunsch zwischen Männern und Frauen gar nicht so unterschiedlich ist“, sagt die Therapeutin und Sozialarbeiterin Petra Thorn aus Mörfelden in der Nähe von Frankfurt. Sie betreut und begleitet regelmäßig Menschen mit Kinderwunsch. Männer seien dabei aber oft in einer Ohnmachtsposition, die komplette medizinische Behandlung rund um den Kinderwunsch passiere schließlich am Körper der Frau.

Man ist immer nur „der Mann der Patientin“

Viele Männer würden sich dabei als „der Mann der Patientin“ abgehandelt und marginalisiert fühlen, sagt Thorn. Paare würden mit dieser Unterschiedlichkeit häufig hadern und in klischeehaftes Verhalten abrutschen. „Männer sehen sich oft als Fels in der Brandung“, so Thorn. Sie würden meist nicht viel über ihre Gefühle zur Situation sprechen, um die Frau nicht zusätzlich zu belasten. Dabei würden Frauen sagen: „Was ich wirklich will, ist zu wissen, was in meinem Partner vorgeht.“

Besonders schwierig sei es für Männer, wenn die Fortpflanzung aufgrund ihrer eigenen Unfruchtbarkeit scheitere. „Für viele Männer ist der Gedanke einer Samenspende eine große innere Umstellung“, sagt Thorn. Oft setze ein Prozess der Trauer ein, wenn sich Männer mit dem Gedanken auseinandersetzen. „Männer hadern dann oft mit der Angst, verlassen zu werden“, sagt Thorn. Die Angst sei meist unbegründet, Frauen würden sich nicht einfach jemanden suchen, der Kinder zeugen kann. Aber weil die Angst meist unausgesprochen bleibe, könnte sie den Männern auch nicht genommen werden.

Lange dreht sich alles um die geplante Schwangerschaft

Auch wenn es biologisch nicht an den Männern liege, dass es mit dem Kinderwunsch nicht klappt, laste das Thema schwer auf ihnen, sagt Thorn. Bei homosexuellen Paaren – oder auch Single-Männern – gehe es etwa oft darum, wie man sich vorstellen könne, den Kinderwunsch umzusetzen. Zur Wahl stehe dann etwa eine Adoption, bei dem ein Kind oft einen unbekannten emotionalen Rucksack mitbringe. Oder man gehe den Weg über eine Leihmutterschaft. Erlaubt ist das etwa in Ländern wie den USA, Kanada oder Griechenland – und es kostet viel Geld. Die Hürden seien also immer hoch. Oft sei das Ergebnis in erster Linie Ernüchterung, sagt Thorn: „Wir sprechen beim Lebenswunsch von einem existenziellen Wunsch. Geht er nicht in Erfüllung, bedeutet das, dass man sich innerlich noch mal neu orientieren und sein Leben neu ausrichten muss.“

Bei Johannes Richter und seiner Partnerin hat sich lange alles um die geplante Schwangerschaft gedreht. Sie stellten die Ernährung um, ließen mal den Zucker weg, lebten vegan und trieben viel Sport, um die Chancen auf Nachwuchs zu erhöhen, und sie wendeten sich an eine Kinderwunschklinik. Mehrmals wurde seine Partnerin schwanger, immer wieder ging das Kind ab.

Hinzu seien Ratschläge aus Durchhalteparolen aus dem persönlichen Umfeld gekommen, „Macht weiter“, „ihr kriegt es schon hin“, solche Sätze. „Es war gut gemeint“, sagt Johannes Richter. „Aber wir haben auch rausgehört: ‚Ihr probiert es nicht hart genug‘“, erzählt er. Um diesen Ratschlägen aus dem Weg zu gehen, hätten sie „angefangen, nicht mehr darüber zu reden – genau das, was man nicht tun sollte.“

Irgendwann geben sie den Kinderwunsch auf

Johannes Richter fehlt während der ganzen Kinderwunsch-Phase der Austausch. Er hat zwar Freunde, aber Männer würden eher technisch über das Thema sprechen, „und nicht darüber, was es mit den eigenen Emotionen macht“, sagt er. „Man findet auch online kaum etwas dazu.“ Vor allem deswegen habe er mit dem Vaterwunsch-Blog vor Jahren angefangen, und nicht, um sein Leid zu klagen, wie er heute sagt. Mittlerweile schreibt er nur noch sporadisch, aber immer wieder würden sich Männer, die in einer ähnlichen Situation sind, bei ihm melden.

Irgendwann wird es Richter und seiner Partnerin mit dem Auf und Ab des Kinderwunsches zu viel: Immer wieder auf Nachwuchs hoffen, immer wieder in ein Loch stürzen, wenn klar wird, dass es nicht klappt mit einer Schwangerschaft – die Nerven sind aufgerieben. Auch finanziell hinterlassen die Behandlungen ihre Spuren. Das Paar verabschiedet sich vom aktiven Kinderwunsch und besinnt sich auf einen Plan B.

Mittlerweile hat sich Johannes Richter mit seiner Partnerin ein Haus gekauft. Das Paar pflegt enge Beziehungen zu einigen Kindern von Freunden. In ihrem Haus wollen sie sowohl den befreundeten Eltern als auch dem Nachwuchs einen Zufluchtsort bieten, wenn sie mal einen Tapetenwechsel brauchen. So werden sie gleich Teil mehrerer Familien. „Das hilft über die Trauer hinweg, keine eigenen Kinder zu haben“, sagt Richter. „Aber ich würde jederzeit alles eintauschen, wenn ich Kinder haben könnte.“