Der Personalmangel macht auch den Böblinger Kitas zu schaffen. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Zum dritten Mal hat Tatiana Marsall eine Absage für einen Kindergartenplatz bekommen. Die Mutter von vier Kindern ist verzweifelt – und bei Weitem nicht alleine mit dem Problem. Dem Landkreis Böblingen liegen mehrere Klagen vor, weil Betreuungsangebote fehlen. Tausende Euro Zwangsgeld wurden deshalb bereits fällig.

Tatiana Marsall ist wütend. Ihre Tochter Madeline wird im November fünf Jahre alt und hat bis jetzt noch nie einen Kindergarten von innen gesehen. Dreimal wurde Tatiana Marsall, die mit ihrem Mann und ihren vier Kindern auf der Böblinger Diezenhalde wohnt, der Betreuungsplatz für ihre Tochter schon abgesagt. Sie versteht nicht, wieso. „Mein Mann und ich sind beide berufstätig“, erklärt die verzweifelte Mutter, die aktuell in Teilzeit in der Spätschicht in einem Bekleidungsgeschäft arbeitet.

 

„Es wurde uns von der Stadt auch nicht geholfen, eine alternative Betreuungsmöglichkeit zu finden“, sagt Tatiana Marsall. Bislang habe ihre 15-jährige Tochter auf das Nesthäkchen aufgepasst, bis ihr Mann von der Arbeit nach Hause kam, wenn sie nachmittags arbeiten gehen musste, erklärt Marsall. Ab September funktioniere das nicht mehr. Denn dann beginnt ihre zweitjüngste Tochter eine Ausbildung. „Wenn wir bis dahin keinen Betreuungsplatz für Madeline haben, muss ich meinen Job kündigen“, erklärt die Mutter von vier Kindern. An mehrere Stellen hat sich die vierfache Mutter schon gewandt, bislang ohne Erfolg.

Im Juli sollen die Zahlen der fehlenden Betreuungsplätze bekannt werden

Mit ihrem Kinderbetreuungsproblem ist Tatiana Marsall nicht allein. Auch Nicole Hermann, die mit ihrem Mann Andreas die Metzgerei Hermann in der Böblinger Innenstadt betreibt, hat noch keinen Kitaplatz für ihren Sohn Friedrich, der im Oktober drei Jahre alt wird. Als ihr Sohn vier Wochen alt war, hatte sie ihn bereits in ihrem Wunschkindergarten in der Zeppelinstraße angemeldet. Damals geschah dies noch persönlich vor Ort.

Für Januar/Februar im vergangenen Jahr hätte sie dort für ihren Sohn auch eine Zusage erhalten, sie entschied sich damals aber für eine Tagesmutter, unter anderem, weil die Tagesmutter den kleinen Friedrich drei Monate früher bei sich aufnehmen konnte und mehrere gleichaltrige Kinder bereits dort waren.

Unterdessen änderte die Stadt Böblingen ihr Anmeldeverfahren für einen Kitaplatz in ein Onlineverfahren. Jetzt, wo der dritte Geburtstag des Sohnes in Sicht ist, würde die Mutter ihn gerne in der Kita betreuen lassen. „Man musste sich nun bei der Stadt anmelden, was ich nicht wusste. Dadurch sind wir relativ spät in das Verfahren reingerutscht. Nach den Pfingstferien erhielten wir dann die Absage für einen Kitaplatz“, erzählt die Mutter von vier Söhnen und fügt hinzu, „wir arbeiten beide in Vollzeit. Wir sind selbstständig, haben einen Betrieb, sind Arbeitgeber. Ich verstehe nicht, nach welchen Kriterien die Platzvergabe erfolgt.“ Es könne nicht sein, dass der Erziehermangel auf dem Rücken von berufstätigen Müttern ausgetragen werde, sagt sie empört. „Ich wünsche mir, dass mein Sohn mit gleichaltrigen Kindern in den Kindergarten gehen kann. Es ist eine Förderung für die Grundschulzeit“, erklärt sie.

Allein in Böblingen sind 50 Erzieherinnenstellen nicht besetzt

Die Not ist riesig: Im April waren allein in Böblingen 50 Personalstellen offen, pro Woche liefen damals schon rund 50 Beschwerdemails ein und rund 25 Anrufe über die Hotline. Daran dürfte sich wenig geändert haben. Derweil liegen nämlich dem Landkreis Böblingen mehrere Klagen vor, immer wieder fallen Zwangsgelder in Höhe von mehreren Tausend Euro an, weil keine Betreuungsplätze angeboten werden können.

Wie viele Kinderbetreuungsplätze in der Stadt Böblingen derzeit genau fehlen, kann die Stadt zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen; das Verfahren läuft noch. „Im Juli kommen wir mit dem Thema öffentlich in die Gremienrunde“, erklärt ein Sprecher der Stadt. Davor könne man keine Auskunft geben. Zudem sei aktuell erst der erste Schritt im Kitaplatz-Vergabeverfahren erfolgt – Briefe an die Eltern seien raus mit der Info über eine Zusage. Nun müssten noch die Rückmeldungen der Eltern abgewartet werden. Manche Kitaplätze würden manchmal nicht in Anspruch genommen, manche Plätze würden frei, weil die Antragssteller weggezogen seien oder alternative Angebote in Anspruch nehmen würden, heißt es vonseiten der Stadt. Es könnten also noch ein paar Plätze frei werden.

Wie viele Plätze werden fehlen?

Aber klar ist jetzt bereits: Es werden Plätze fehlen, auch in Böblingen. Gerade die frühen Lebensjahre haben einen großen Einfluss auf die persönliche und soziale Entwicklung eines Kindes. Jedes Kind müsse deshalb die Möglichkeit bekommen, seine Potenziale zu entfalten und sich optimal zu entwickeln. „Neben den Familien seien die Kindertageseinrichtungen die wichtigsten Orte, um die Entwicklung eines Kindes zu begleiten und zu unterstützen“, heißt es auf der Homepage der Landesregierung.

Frühkindliche Bildung und soziale Kontakte sind wichtig

Wann Madeline und Friedrich nun endlich mit anderen Kindergartenkindern spielen, basteln und turnen dürfen, ist noch ungewiss. Madeline hat eher wenige Kontakte zu Gleichaltrigen, wie ihre Mutter sagt. Sie gehe mit ihrer Tochter zwar schon Spielplätze und andere Kinderattraktionen besuchen, aber das ersetze eben auch nicht den Kindergarten. Madeline freue sich immer riesig, wenn sie andere Kinder treffe. „Dann schreit sie vor lauter Glück“, erzählt ihre Mutter.

Fachkräfte händeringend gesucht

Kinderbetreuung
 Die Lage im Südwesten ist nach wie vor angespannt. Nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung vom vergangenen Jahr fehlen in diesem Jahr in Baden-Württemberg rund 57600 Kitaplätze. Zahlen dazu, wie viele Kinder im Jahr 2022 keinen Kita-Platz bekamen, gibt es laut Kultusministerium nicht. Um die Nachfrage nach Kita-Plätzen zu decken, müssten zusätzlich zum vorhandenen Personal weitere 16 800 Fachkräfte kommen.

Notlösung
 Dass Kitas wegen des Fachkräftemangels ihre Öffnungszeiten verkürzen, ist weit verbreitet. Weil arbeitende Eltern zunehmend unter Druck stehen, wird mittlerweile immer wieder der Ruf laut, Eltern ehrenamtlich in der Kita aushelfen zu lassen. Auch in Böblinger Kitas kam dieses Modell bereits zum Einsatz.

Zahlen
 Wie die Betreuungssituation in Böblingen aktuell aussieht, ist Anfang Juli in den städtischen Gremien öffentlich Thema.