Das ehemalige Lehrerwohngebäude soll abgerissen werden. Foto: /Simon Granville

Die Ganztagsbetreuung in Rutesheim erfordert künftig mehr Platz. Ein Stadtrat bedauert den Verlust von historischer Bausubstanz im Ortskern.

Auf der Grünfläche hinter dem Haus stehen zwei Wäschespinnen, ein Bewohner hat sich mit einer Laube direkt am Gebäude ein Kleingartenidyll geschaffen. Noch steht das Gebäude mit den beiden turmartigen Vorsprüngen und dem kräftig ockerfarbenen Anstrich, der an die 1970er Jahre erinnert, eindrucksvoll an der Ecke von Flachter und Hindenburgstraße. Die sechs Wohnungen sind über zwei Eingänge zu erreichen. Errichtet wurde das Haus in den Jahren 1925/26 als Lehrerwohngebäude in direkter Nachbarschaft zur Schule. Nun ist sein Schicksal besiegelt: Es soll abgerissen und an seiner Stelle ein Schülerhort für die Ganztagsbetreuung gebaut werden.

 

Zuerst kam Anfang des 20. Jahrhunderts die Schule, 20 Jahre später direkt nebenan das Lehrerwohngebäude in der Hindenburgstraße 1 und 3. Heute besuchen knapp 300 Grundschülerinnen und –schüler die Außenstelle der im Schulzentrum angesiedelten Theodor-Heuss-Schule. In einem modernen Anbau befinden sich ein Hort und eine Mensa für die Schüler. Wenn ab September 2026 der gesetzliche Anspruch auf Ganztagsbetreuung greift, wird dort der Platz bald nicht mehr ausreichen, hat die Stadtverwaltung errechnet. Bei einer Betreuungsquote von nur 50 Prozent wären es schon 145 Kinder, für die Platz im Hort geschaffen werden müssten, bei stärkerer Inanspruchnahme deutlich mehr.

Bei Zukunftsprojekten lieber nach vorne schauen

Auf der Suche nach geeigneten Flächen für den Bau neuer Räume und der Betrachtung verschiedener Varianten kristallisierte sich das Grundstück des ehemaligen Lehrerwohngebäudes als am besten geeignet heraus. Es steht in unmittelbarer Nähe zur Schule, der bestehende Hort ist direkt nebenan und es ist groß genug für ein dreigeschossiges Gebäude mit Terrasse und Spielflächen – und es gehört der Stadt. Allerdings gefiel nicht allen Stadträten die Vorstellung, das alte Wohngebäude abzureißen, das bei Erhalt laut Stadtverwaltung energetisch saniert werden müsste. Harald Schaber (UBR), der auch Vorsitzender des Arbeitskreises Geschichte vor Ort ist, meinte, dass Rutesheim kaum noch historische Bausubstanz habe. „Es ist schade, das Gebäude abzureißen, wenn wir auch de facto nicht darum herumkommen“. Es sei zwar kein Kulturdenkmal, steche aber architektonisch durch seine Erker und Loggien hervor. „Mit dem Abriss des ehemaligen Lehrerwohngebäudes verliert Rutesheim wieder ein Stück sichtbare Historie.“ Er schlug deshalb als Kompromiss vor, die Nordfassade im Neubau „weitgehend“, wie er im Antrag formulierte, nachzubilden, auch wenn das nicht einfach sei. Dies war bereits zuvor in der Klausurtagung des Gemeinderats diskutiert worden. Es sei nicht möglich, die alte Fassade im Neubau abzubilden, weil die Nutzungen zu unterschiedlich seien, hieß es dazu von der Verwaltung. Das Gremium lehnte den Antrag ab. Fritz Schlicher (GABL) sagte in Richtung seines Ratskollegen Schaber: „Es ist ehrenhaft, das so zu sehen. Meiner Meinung nach ist das Gebäude aber nicht erhaltenswert.“ Er sei dafür, bei solchen Zukunftsprojekten lieber nach vorne zu schauen als nach hinten.

Die jetzt öffentlich vorgestellten Pläne sehen auf zwei Stockwerken eine Mensa, Büros und mehrere Gruppenräume vor. Im dritten Stock sollen drei Wohnungen Platz finden. Der Hort selbst wird rund vier Millionen Euro kosten, die Wohnungen weitere zwei Millionen. Für den Neubau eines Horts stehen Zuschüsse von 70 Prozent in Aussicht. Allerdings liegen in dem Fördertopf für Baden-Württemberg nur 380 Millionen Euro, die theoretisch für die gut 1000 Kommunen im Land reichen müssten. Die Mittel werden „voraussichtlich in einem Windhundverfahren“ vergeben, so der Erste Beigeordnete Martin Killinger. Dieses beginnt am 15. März. Das heißt, wer zuerst die Antragsunterlagen einreicht, hat die größten Chancen auf Bewilligung von Zuschüssen.

Lösungen mit derzeitigen Mietern finden

Schließlich stimmte der Gemeinderat bei zwei Enthaltungen dafür, dass das Wohngebäude abgerissen und dort der Neubau für den Hort geplant wird. Die Stadt wolle mit den derzeitigen Mietern gute Lösungen finden, versicherte die Bürgermeisterin Susanne Widmaier.