In Deutschland pro Jahr mehr als 1000 Kinder mit Hilfe einer Samenspende auf die Welt. Foto: AdobeStock/Dumitru

Sie wünscht sich ein Kind, er nicht. Viele Paare trennen sich in dem Fall. Sonja ist einen anderen Weg gegangen. Trotz Partnerschaft bekam sie ein Kind durch künstliche Befruchtung. Mit dem Mann, der nicht Vater werden wollte, ist sie heute noch zusammen.

Wenn Sonja mit ihrer Familie unterwegs ist, schaut sie niemand komisch an. Eine Frau, ein Mann und zwei Jungs. Der ältere ein Teenager, der jüngere bald im Grundschulalter. Was sollte daran ungewöhnlich sein?

 

Sonjas Mann zeigt seinen Klienten gelegentlich Kinderfotos. Manche sagen: „Mensch, Sie sehen dem Kleinen ja ähnlich.“ Später erzählt der Mann stolz seiner Frau davon. Sonja lächelt dann und sagt: „Ja, ja, ist klar.“ Die vier sind schließlich eine Familie. Aber Sonja weiß: Das ähnliche Aussehen ist purer Zufall. Ihr Lebensgefährte ist nicht der leibliche Vater ihrer Söhne. Hätte der Mann allein entschieden, gäbe es das jüngere Kind heute nicht.

Seit etwa zehn Jahren sind Sonja, die in Wirklichkeit anders heißt, und ihr Lebensgefährte ein Paar. Als sie sich kennenlernten, war Sonja Anfang 30, getrennt und hatte schon einen Sohn. Ihre Sehnsucht nach einem zweiten Kind war groß. Für den Mann, den sie liebte, war das damals unvorstellbar. Er ist fast 25 Jahre älter als sie und hatte schon drei erwachsene Kinder.

Außerdem war er sterilisiert. Eine Vaterschaft wäre, wenn überhaupt, nur nach einer OP möglich gewesen. Die ersten Jahre nach dem Kennenlernen war der Mann auch noch mit seiner damaligen Frau zusammen. Sonja und er hatten eine Affäre. Irgendwann wollte Sonja mit ihrem Kinderwunsch nicht länger warten. „Ob du jetzt mitmachst oder nicht, dann mache ich es eben alleine“, sagte sie.

Längst vergangene Zeiten. Heute hat sich der Alltag als Familie eingespielt. Sonja und ihr Lebensgefährte sind beide selbstständig. Sie bringt den kleinen Sohn morgens zum Kindergarten, ihr Mann holt ihn ab. Den Großteil der Care-Arbeit macht Sonja. „Zahnarzt, Klamotten kaufen, Schulsachen einkaufen, Urlaube organisieren, waschen, kochen, putzen, das mache alles ich“, sagt sie. „Er ist vormittags zuständig, zum Beispiel, wenn der Kleine krank ist und vom Kindergarten geholt werden muss.“ Wie teilt man sich auf? Wer trägt welche Last? Was ist gerecht? Solche Diskussionen kennen viele Familien.

In der ersten Zeit nach ihrem Kennenlernen hatte Sonja nur den älteren Sohn. Der Lebensgefährte wollte kein gemeinsames Kind, also versuchte Sonja es mit einem schwulen Pärchen und einem privaten Samenspender, die sie im Netz gefunden hatte. Keine der Optionen klappte. Sonja sah sich nach anderen Möglichkeiten um. Aber eine Samenspende von einer Samenbank war für Frauen, die keinen Mann als Vater an ihrer Seite hatten, in Deutschland damals noch relativ schwierig zu bekommen.

Sonja fand eine Kinderwunschklinik in den Niederlanden, die sie per Samenspende behandelte. „Ich bin morgens ganz früh hingefahren. Nachmittags war ich wieder da und konnte den Großen vom Hort abholen“, sagt Sonja über diese Zeit. „Mein Lebensgefährte war nie dabei. Das war mein Thema. Das war klar zwischen uns.“

Sonja wurde schwanger. Drei Monate zuvor hatten der Mann und seine Ex-Frau sich endgültig getrennt. „Er konnte sich dann mehr auf die Beziehung zu mir einlassen“, sagt Sonja. Und noch etwas änderte sich mit der Geburt. Der Mann fühlte sich als Vater – obwohl er genau das davor nicht gewollt hatte. Er war im Krankenhaus mit dabei, erkannte die Vaterschaft für das Baby an. „Ab dem Moment, ab dem das Kind da war, war er der Papa“, sagt Sonja. Dass es so kommen würde, konnte sie nicht ahnen. Für Sonja stand damals fest: Sie möchte sich ihren Kinderwunsch verwirklichen – und trotzdem mit dem Mann zusammenbleiben, der diesen Wunsch nicht teilt.

So denkt nicht nur Sonja. Viele Frauen suchen im Netz trotz fester Partnerschaft nach einem Samenspender, zum Beispiel Vovro. „Mein Partner ist reizend, möchte aber keine Kinder mehr, unterstützt mich aber sehr bei meinen Vorhaben“, schreibt Vovro. Auf einer Internetplattform für alternative Familienmodelle namens „Familyship“ sucht sie nach einem Vater für ihr potenzielles Kind.

Auch Cedric, 34, ist auf der Plattform angemeldet, zusammen mit seiner Freundin Ellen. „Cedric wünscht sich, Vater zu werden“, schreiben die zwei in ihrem Profil. „Ellen möchte kein eigenes Kind oder eine Mutterrolle einnehmen, kann sich aber eine Tantenfunktion sehr gut vorstellen.“ Nun suchen Cedric und Ellen eine Frau in ihrem Heimatort – um zu dritt eine Familie zu gründen.

Etwa 8000 aktive Nutzer hat die Plattform „Familyship“ nach Angaben ihrer Gründerin Christine Wagner. Vor mehr als zehn Jahren hat Wagner die Seite gestartet – aus Eigennutz. Christine Wagner wünschte sich damals mit ihrer Partnerin ein Kind. Doch für die Suche nach einem Vater gab es im Netz keine guten Möglichkeiten. Also gründete sie selbst die entsprechende Plattform.

Dass heute auch Hetero-Paare, die theoretisch alle biologischen Voraussetzungen für ein Kind selbst mitbringen, auf der Seite unterwegs sind, überrascht Wagner nicht. „Die Konstellationen sind im Laufe der Zeit immer diverser geworden“, sagt sie. „Die ersten Nutzer waren hauptsächlich aus der LGBTQ-Community. Dann kamen viele Single-Frauen im Alter von Mitte, Ende 30 dazu, die nicht länger auf den richtigen Mann warten wollten.“ Die Plattform und ihre Nutzer veränderten sich fortlaufend, so Wagner. „Es wird immer freier und noch vielfältiger.“

Was andere noch im Internet suchen, hat Sonja in die Tat umgesetzt. Schon seit Jahren leben sie, ihr Mann und die zwei Kinder nun als Familie zusammen. Der Tag rückt näher, an dem der Kleinste eingeschult wird. „Es fühlt sich alles richtig an“, sagt Sonja. „Ich bin stolz darauf, dass ich diesen Weg gegangen bin und nicht aufgegeben habe.“

Zum Grübeln bringt Sonja lediglich der Tag, an dem der kleine Sohn zum ersten Mal nach seinem Verwandtschaftsverhältnis zu Sonjas Lebensgefährten, seinem „Papa“, fragen könnte. „Ich bin froh, dass die Frage bislang noch nicht aufkam“, sagt sie. Momentan sind Sonja und ihr Mann noch unsicher, wie viel sie dem Kind verraten sollen. „Er hätte ja auch mit dem Samen des Papas entstehen können“, sagt Sonja. „Und warum ist das nicht so? Weil Papa nicht wollte. Aber sagt man das dem Kleinen?“

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