Die Sportdirektorin von Allianz MTV Stuttgart ärgert sich über die Spielansetzungen in der Finalserie um die Meisterschaft gegen den SC Potsdam – und erklärt, wie es bei ihrem Volleyball-Team mit Trainer Tore Aleksandersen weitergehen wird.
Das zweite Spiel beim SC Potsdam ging 1:3 verloren, vor dem dritten Duell an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) in der ausverkauften Scharrena ist die Play-off-Finalserie um die Meisterschaft völlig offen. Kim Renkema, die Sportdirektorin der Stuttgarter Volleyballerinnen, geht davon aus, dass am Ende die Kraft entscheiden wird – und kritisiert die Liga für deren Terminplanung.
Frau Renkema, von einigen Fans gab es nach der Niederlage in Potsdam Kritik an der Einstellung Ihres Teams. Haben Sie dafür Verständnis?
Ich kann diese Äußerungen nachvollziehen.
Inwiefern?
Ich habe selbst mit den Spielerinnen gesprochen und bemängelt, dass sie in den ersten zwei Sätzen zu wenig Energie gezeigt haben.
Wie fiel die Antwort aus?
Die Mannschaft hat das anders empfunden. Und auch das kann ich verstehen.
Das müssen Sie uns erklären.
Wir haben in dieser Saison ein introvertierteres Team. Es gibt keine Rampensau mehr, wie es zum Beispiel Ilka Van de Vyver vor einem Jahr war. Auch jetzt geben die Spielerinnen alles – aber eben auf etwas andere Art und Weise.
Woran lag die Niederlage dann?
Wir haben zu lange gebraucht, um ins Spiel zu finden, und wir haben zu viele Fehler gemacht. Dazu kam, dass unser Gegner stark war. Die Potsdamerinnen standen sehr gut im Block sowie in der Feldabwehr, und im schnellen Spiel am Netz sind sie besser als wir. Sie haben verdient gewonnen.
Was bedeutet das?
Wir müssen in den nächsten Spielen durch unsere Aufschläge wieder mehr Druck ausüben, um so zu verhindern, dass der SC Potsdam sein System durchbringen kann. Ansonsten hat sich nicht viel verändert.
Ist das Momentum nun nicht auf der Seite des SC Potsdam?
Nein. Niemand bei uns hat damit gerechnet, dass die Finalserie 3:0 ausgehen wird.
Im vierten Satz wurde wieder mal ein komfortabler Vorsprung verspielt . . .
. . . was uns sehr ärgert. Wir müssen sicherlich an unserer mentalen Stärke arbeiten. Und auch daran, dass dem Gegner nicht mehr als zwei Punkte nacheinander gelingen. Da braucht es Anführerinnen.
Wer kann das sein?
An guten Tagen ist es Krystal Rivers. Doch eigentlich muss jede Spielerin bei uns diese Verantwortung übernehmen können. Das darf nicht an einer Person hängen bleiben.
Wie schwer wiegt es, immer wieder ohne den schwer an Krebs erkrankten Trainer Tore Aleksandersen auskommen zu müssen?
Das ist ein großer Nachteil, vor allem in den Spielen, in denen es nicht optimal läuft. Da bräuchte die Mannschaft seine Autorität, seine Ideen, seine Kreativität. Dazu kommt die emotionale Ausnahmesituation, die seit Monaten schwierig, aber eben nicht zu ändern ist.
Mitte März hat sich der Gesundheitszustand von Tore Aleksandersen verschlechtert, dann begann eine neue Therapie, die ihn viel Kraft kostet. War es ein Thema, für die Play-offs einen neuen Cheftrainer zu verpflichten?
Wir haben mit ihm und der Mannschaft darüber gesprochen – und gemeinsam eine Entscheidung getroffen.
Es weiterhin zusammen durchzuziehen.
Ja. Die Mannschaft hätte sich in dieser späten Phase der Saison mit einem neuen Trainer, der womöglich andere Ideen hat und ein anderes System spielen lässt, nicht wohlgefühlt. Das hätte eine große Unruhe gegeben. Wir haben vom Team das deutliche Signal erhalten, dass es keinen neuen Coach will.
Auch aus Solidarität gegenüber Tore Aleksandersen?
Natürlich gibt es im Verein und in der Mannschaft eine große Verbundenheit zu ihm. Aber wenn wir gemeinsam das Gefühl gehabt hätten, dass ein neuer Trainer unserem Projekt geholfen hätte, wäre er komplett hinter der Entscheidung gestanden. Er will nur eines: das Beste für den Club und das Team.
Wie geht es nach der Saison weiter?
Das weiß ich noch nicht.
Welche Optionen gibt es?
Tore Aleksandersen bleibt wegen seiner Therapie den Sommer über in Stuttgart. Wichtig wird sein, wie die Ergebnisse ausfallen. Spätestens im August brauchen wir dann Klarheit darüber, ob er weiter Trainer sein, eine andere Aufgabe rund um das Team übernehmen oder gesundheitlich bedingt keine Rolle mehr spielen kann. Dann würde Konstantin Bitter, der sonst sein Assistent sein wird, den Cheftrainer-Job übernehmen.
Zurück zur Finalserie, die frühestens nach vier Spielen vorbei sein wird. Entscheidet am Ende der Kräfteverschleiß?
Das ist gut möglich, weshalb ich mir ein bisschen Sorgen mache.
Warum?
Weil wir in Krystal Rivers eine herausragende Spielerin haben, der eine solche Serie enorm an die körperliche Substanz geht.
Letztlich könnten es fünf Spiele innerhalb von 13 Tagen werden.
Es muss endlich Überlegungen geben, um so eine Finalserie nicht in kürzester Zeit durchknallen zu müssen. Das vierte und das fünfte Spiel samstags und montags anzusetzen, hat nichts mehr mit Sport zu tun. Das gibt ein Harakiri-Duell, weil beide Teams kaputt sind. Das wird der Wichtigkeit dieses Spiels nicht gerecht. Dies war schon vor einem Jahr so, leider hat die Liga nichts daraus gelernt.
Was könnte geändert werden?
Wir planen eine Woche Pause wegen des Halbfinals in der Champions League ein, obwohl dort ziemlich sicher kein deutsches Team dabei ist. Darüber müssen wir reden.
Wie wichtig ist das dritte Spiel der Finalserie an diesem Mittwoch?
Sehr wichtig. Allerdings geht es am Ende nicht darum, wann uns drei Siege gelingen. Sondern dass wir sie überhaupt holen.
Ihr Team ist noch ohne Titel. Muss mit der Meisterschaft auch die Saison gerettet werden?
Unterbewusst spielt das bei der Mannschaft vielleicht eine Rolle, auch wenn wir vom Management versuchen, diesen Druck erst gar nicht aufzubauen. Natürlich kämpfen wir um diesen Titel, aber er ist keine Pflicht. Es wird noch andere Jahre geben, in denen wir keine Trophäe gewinnen.
Warum sind Sie so pessimistisch?
Ich bin realistisch. Es gibt bei uns keine Übermannschaft wie es die Berliner sind, die bei den Männern ständig Meister werden. Sondern einige Vereine auf Augenhöhe. Das macht es spannend und schön. Aber es birgt eben auch die Gefahr, mal leer auszugehen.
Wie wird die Finalserie 2023 enden?
Die Chancen stehen 50:50. Es kann gut sein, dass es ein fünftes Spiel gibt – hoffentlich erneut mit dem besseren Ausgang für uns.
Kontinuität mit Kim Renkema
Spielerin
Kim Renkema war eine erfolgreiche Volleyballerin, spielte unter anderem fünf Jahre (2010 bis 2012, 2014 bis 2017) in Stuttgart. Sie gewann dreimal den deutschen Pokal.
Sportdirektorin
Nach dem gesundheitsbedingten Ende ihrer Karriere wechselte sie 2017 direkt ins Management von Allianz MTV Stuttgart. Die Sportdirektorin führte den Club zu zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg. Kim Renkema (35) ist verheiratet und hat eine knapp einjährige Tochter.