An KI scheiden sich die Geister: Die Technologie hat das Zeug zur neuen industriellen Revolution, birgt aber viele Risiken. An der Börse versetzt das Thema Anleger in Euphorie, doch auch hier gilt es einiges zu beachten.
Künstliche Intelligenz (KI) ist das Trendthema des bisherigen Börsenjahres – das Kursfeuerwerk von KI-Aktien hat den Tech-Sektor beflügelt und damit großen Anteil am Finanzmarktaufschwung insgesamt. Der Rummel um Chatbots wie ChatGPT ist groß, die Technologie dahinter verheißungsvoll. Bei Kursanstiegen von mehr als 200 Prozent, wie sie etwa der US-Chiphersteller Nvidia seit Jahresbeginn verbuchte, kommen allerdings leicht Erinnerungen an die Krypto-Exzesse der vergangenen Jahre oder den Dotcom-Crash zur Jahrtausendwende auf. Wie nachhaltig ist die KI-Rallye? Lohnt sich der Einstieg noch?
„Der Bedarf ist enorm“
„Langfristig glaube ich nicht, dass es ein Hype ist“, sagt Aktienstratege Matthias Born von der Berenberg-Bank. Im Vergleich zu anderen Anlagetrends der vergangenen Jahre, die schnell wieder verflogen, gebe es bei Künstlicher Intelligenz einen entscheidenden Unterschied. „Bei KI ist es so, dass aktuell schon große Umsätze bei vielen Firmen generiert werden, das gilt zum Beispiel in der Halbleiterbranche.“ Große KI-Rechnersysteme brauchten zum Teil 15 000 bis 30 000 Computerchips. „Der Bedarf ist hier enorm und wird weiter anwachsen.“ Auch in der Softwarebranche gebe es bereits Milliardenumsätze und starke Wachstumsaussichten durch neue Tools und Module.
Doch nicht alle Experten sind optimistisch. Marko Kolanovic von der US-Großbank JP Morgan warnte jüngst vor einer vom KI-Boom aufgepumpten Aktienmarktblase. Dass der Tech-Leitindex Nasdaq so wesentlich von der starken Kursentwicklung weniger Großkonzerne wie Nvidia, Microsoft oder Meta angetrieben werde – die wiederum von der Anlegerfantasie rund um KI profitierten –, sei kein gutes Zeichen.
Wenn einzelne Aktien überproportional viel Gewicht haben, sprechen Finanzprofis von Klumpenrisiko – das Portfolio steigt und fällt zu sehr mit einzelnen Werten. Diese Gefahr scheint momentan hoch. Kolanovic glaubt zwar grundsätzlich an KI-Technologien, hält sie aber noch nicht für ausgereift. So scheiterten Chatbots oft an einfachen Fragen und würden bei komplexeren Fragen teilweise falsche Antworten fabrizieren.
Dass KI-Programme Unsinn verzapfen, kommt durchaus häufiger vor, in Fachkreisen wird es „Halluzinieren“ genannt. Als der Google-Mutterkonzern Alphabet im Februar seinen ChatGPT-Konkurrenten Bard präsentierte, blamierte der Chatbot das Unternehmen mit einer Falschinformation und brachte es damit kurzzeitig an der Börse unter Druck. Auch ChatGPT „schreibt manchmal plausibel klingende, aber falsche oder unsinnige Antworten“, wie die Entwicklerfirma Open AI selbst einräumt.
Die Branche selbst warnt immer wieder vor den Risiken
Chatbots sind letztlich nur Textautomaten, die mit massenhaft Daten gefüttert und trainiert werden, um diese dann – verblüffend überzeugend – auf Nachfrage wiederzugeben. Das öffnet auch das Tor für Missbrauch weit. Die Bots können so programmiert werden, dass sie in großem Stil Desinformationen, Propaganda und Hetze verbreiten. Damit nicht genug: Bilder und Videos können mithilfe von KI täuschend echt gefälscht und zur Manipulation verwendet werden – was bereits oft genug geschieht.
Die Risiken der Technologie sind unumstritten, die Branche selbst warnt immer wieder davor. Tesla-Chef Elon Musk zum Beispiel, der selbst im KI-Geschäft mitmischt, fürchtet, dass die Technologie eines Tages zu mächtig und somit zur Gefahr für die Menschheit wird. Endzeitszenarien, in denen Roboter eigene Intelligenz entwickeln und zu einer Bedrohung werden, erscheinen derzeit zwar noch relativ weit hergeholt. Eine akutere Befürchtung ist aber, dass KI zahlreiche Jobs überflüssig macht – mit weitreichenden sozialen Konsequenzen. Eine Studie der Bank Goldman Sachs kam zu dem Schluss, dass bis zu 300 Millionen Menschen durch KI arbeitslos werden könnten. Für viele Berufsgruppen wirkt der Trend deshalb bedrohlich.
Berenberg-Experte Born sieht die Technologie gesamtwirtschaftlich betrachtet dennoch als Hoffnungsträger. „Künstliche Intelligenz bietet in vielen Bereichen Produktivitätssteigerungen.“ Als Beispiel führt er etwa die Softwarebranche an, wo es durch Automatisierung große Fortschritte beim Schreiben von Codes geben werde. „Aber auch viele administrative Prozesse können deutlich beschleunigt werden.“ Überall, wo es um sehr viele Daten und hohe Komplexität gehe, werde KI von hohem Nutzen sein.
Vorschusslorbeeren von Investoren
Für Anleger stellt sich vor allem die Frage, ob die Wachstumserwartungen realistisch sein können, die in den rasant gestiegenen Börsenbewertungen von KI-Profiteuren am Finanzmarkt zum Ausdruck kommen. Zum Beispiel Nvidia: Der Aktienkurs des Börsenlieblings ist in diesem Jahr so durch die Decke gegangen, dass das Unternehmen den Gewinn in den kommenden Jahren von bereits hohem Niveau aus vervielfachen müsste, um die Vorschusslorbeeren zu erfüllen. Das dürfte schwierig werden.
Trotzdem empfehlen 43 von 50 Wall-Street-Analysten, die die Geschäfte des Konzerns genau verfolgen, die Aktie weiterhin zum Kauf und sechs zum Halten. Nur einer rät von dem Papier ab. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei rund 500 Dollar (457 Euro) – dafür müsste die Aktie noch mal um über zehn Prozent zulegen. Dennoch ist Vorsicht angebracht: Finanzanalysten liegen mit ihren Einschätzungen häufig daneben und tendieren generell eher zu Kaufempfehlungen. Selbst Skandal- und Pleitefirmen wie Wirecard oder die Silicon Valley Bank standen bei den meisten von ihnen hoch im Kurs.
Künstliche Intelligenz in der Praxis
In der Industrie verbreitet
Einer Umfrage des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts zufolge setzen derzeit 13,3 Prozent der Unternehmen in Deutschland KI ein. 9,2 Prozent planen demnach, sie zu nutzen, und weitere 36,7 Prozent aller befragten Firmen diskutieren über mögliche Anwendungsszenarien. „Die Mehrheit aller Unternehmen in Deutschland setzt sich aktuell mit KI auseinander“, sagt Ifo-Expertin Anna Wolf. Besonders in der Industrie seien schon KI-Anwendungen verbreitet, die große Datenmengen mithilfe von Algorithmen verarbeiteten, um mit automatisierter Datenanalyse schnell Entscheidungen zu treffen.
Baugewerbe hält sich zurück
Nahezu alle IT-Dienstleister beschäftigen sich der Umfrage nach damit oder sehen Anwendungsmöglichkeiten. Doch nicht überall sei KI auf dem Vormarsch, stellt Expertin Wolf klar. Für rund 40 Prozent der Unternehmen in Deutschland sei der Trend gegenwärtig kein Thema. Im Baugewerbe liege dieser Anteil sogar bei 60 Prozent.