Begehrte Wohnungen: Im neuen Tübinger Güterbahnhofviertel gibt es verschiedene Energiestandards. Foto: /Horst Haas

Mehr Klimaschutz hat sich Tübingen vorgenommen und den Energie-Effizienz-Standard KfW 40 für Neubauten beschlossen. Ein Blick ins Land zeigt, dass andere Kommunen nachziehen wollen und Heidelberg mit seinen Passivhäusern bereits vorbildlich ist.

Tübingen - Es ist eine weitere Etappe auf dem Weg zur klimaneutralen Stadt: Tübingen hat den Energie-Effizienz-Standard KfW 40 bei Neubauten beschlossen und zählt damit zu den Klimaschutzvorreitern im Land. Der jetzt festgelegte Standard liegt 60 Prozent über dem vom Gesetzgeber vorgeschriebenen und wird finanziell belohnt. „Das ist ein wichtiger Baustein im Gesamtkonzept unserer Stadt“, sagt Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer. „Wir wollen in allen neuen Quartieren KfW 40, die Solarpflicht, Nah- oder Fernwärme mit möglichst erneuerbaren Energien und die Holzbauweise.“ Energiesparend zu bauen sei zwar zunächst etwas teuer, aber dank der Fördermittel durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) rechne sich das allemal. Die Mehrkosten kämen durch die zinsgünstigen Kredite und Zuschüsse wieder rein, betont Palmer. Seit 2018 ist in Tübingen auch Fotovoltaik fürs Dach bei neuen Häusern vorgeschrieben, eine Ökovorschrift, die nur wenige Gemeinden im Land durchgesetzt haben.

Verpflichtend ist der neue Tübinger Standard für jene Immobilien, bei denen die Kommune über Grundstückskaufverträge oder städtebauliche Verträge Vorgaben machen kann – und das ist in Tübingen die große Mehrheit. „Ich schätze das Verhältnis auf 70 Prozent städtische Grundstücke und 30 Prozent private“, sagt Palmer über das städtische Zwischenerwerbsmodell. „Wenn einer sein Haus abreißt und eine neues baut, haben wir aber nicht die Hand drauf.“ Für begründete Ausnahmefälle gebe es eine Öffnungsklausel, da könne der Bauherr auf den Standard KfW 55 zurückfallen.

Freiburgs Umweltbürgermeisterin will eine Anhebung auf KfW 40 prüfen

Ein Blick ins Land zeigt, dass die Tübinger die Latte hoch gelegt haben. Konstanz hat für Neubauten KfW 55 festgelegt und pocht zudem auf die Erfüllung der Solarpflicht. In Freiburg gilt im Bürobereich der Effizienzhaus-Standard KfW 70 und beim Wohnen 55, für städtische Gebäude ist der Passivhausstandard vorgegeben. Freiburgs Umweltbürgermeisterin Gerda Stuchlik würde gerne weiter an der Energiesparschraube drehen. „Auch wir prüfen derzeit die Anhebung der geltenden Energiestandards KfW 55 auf KfW 40“, antwortet sie auf eine Anfrage. „Wir freuen uns, Tübingen unter den im Klimaschutz besonders engagierten Kommunen in Deutschland an unserer Seite zu wissen.“

Ausgesprochen ehrgeizig im kommunalen Klimaschutz ist auch Lörrach im Dreiländereck. Bei städtischen Gebäuden hat sich längst der Plusenergiestandard durchgesetzt, die Immobilien sollen also mehr Energie erzeugen als sie verbrauchen. Bei Grundstücksverkäufen wird als Vorgabe für den Bauherrn KfW 55 angepeilt, mit Fotovoltaikanlage darf es auch schlechter sein. Die Stadt plant allerdings ebenfalls noch in diesem Jahr die Vorgaben zu verschärfen.

Stuttgart baut für die Stadtverwaltung nur noch im Plusenergiestandard

Lediglich Heidelberg ist den anderen Kommunen ein gutes Stück voraus. Sabine Lachenicht, Leiterin des Amtes für Umweltschutz und Energie, stellt klar: „Die Stadt verfolgt den Passivhausstandard.“ Der entspreche ungefähr KfW 40, also dem, was Tübingen gerade festgelegt hat. 2010 wurde er in der Energiekonzeption der Kommune festgeschrieben. Mit der Bahnstadt ist in Heidelberg eine der weltweit größten Passivhaussiedlungen gebaut worden, rund 5000 Bewohner sind auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs mittlerweile eingezogen. In dem Null-Emissions-Stadtteil macht sogar das Kino auf passiv. Das Konzept sei auf internationales Interesse gestoßen, betont die Amtsleiterin. Südlich von Peking entstehe in Gaobeidian die Railway City mit etlichen Hochhäusern, inspiriert von Heidelberg – und alles nur Passivbauten.

Ganz konsequent ist die Kommune jedoch nicht: Auf Druck der Investoren und weil es zügig voran gehen sollte, wurde bei zwei großen Konversionsflächen, zuletzt genutzt von der US-Armee, von den eigenen Zielvorgaben abgewichen. Auf den Grundstücken der ehemaligen Campbell Barracks und des Mark-Twain-Village sei bezahlbarer Wohnraum im Effizienzhausstandard KfW 55 gebaut worden, so Lachenicht. Aber bei den nächsten Großprojekten auf Konversionsflächen wie etwa dem Heidelberg Innovation Park auf dem Gelände der ehemaligen US-Kaserne Patton Barracks werde wieder in Passivhausstandard gebaut.

Haus und Grund bemängelt höhere Kosten durch die Vorgaben

Kritik an den energetischen Auflagen für Bauherren kommt von Haus und Grund Württemberg. „Da wird eine Ticken zu viel an der Schraube gedreht“, sagt Geschäftsführer Ottmar Wernicke, „alles was unter KfW 55 ist, ist problematisch.“ Zum einen ginge die Kosten-Nutzen-Rechnung nicht immer auf, die KfW-Förderung mache nicht die gesamten Mehrkosten wett. Zudem sei die elektrisch betriebene Zwangswohnraumbelüftung im KfW-40-Haus eine heikle Sache, der Technik gegenüber ist er skeptisch. „Es zieht immer und es gibt im Hintergrund ein Dauergeräusch wie bei einer Klimaanlage.“ Mitunter sei die Anlage schon abgeklebt worden. Dann ließe das Schimmelproblem nicht lange auf sich warten.

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