Ex-VfB-Spieler Ein Tag mit Kevin Kuranyi in Rio

Von Tobias Käufer 

In der Bundesliga hat Kevin Kuranyi unter anderem für den VfB Stuttgart und Schalke 04 gespielt, nun kämpft er in Rio für eine bessere Trinkwasserversorgung in einer Favela. Ein Besuch mit dem ehemaligen Nationalspieler vor Ort.

Rio de Janeiro - Neben den schmalen Treppen liegt der Müll in den Abwasserkanälen – Getränkedosen, Hühnerknochen, dazwischen ein paar Plastikschalen. Die graue Brühe stinkt, die Katzen springen gerade noch zur Seite. Ein paar Aufpasser der ­Drogengangs haben auf ihren Stühlen Position bezogen und winken die prominenten Besucher durch. Kevin Kuranyi (35) ist ­„angemeldet“. Ohne eine solche Vorab­organisation und die dazu notwendige „Genehmigung“ der lokalen Bosse wäre ein Besuch in der Favela Pereira da Silva lebensgefährlich. Die Brasilianer selbst mögen das Wort „Favela“ nicht so gerne, stattdessen sprechen sie von „Comunidade“ (Gemeinschaft). Die Pereira da Silva, die Kuranyi an diesem heißen Januar-Tag besucht, liegt im Süden Rios, unweit der weltbekannten Nobelviertel Copacabana und ­Leblon. Armut und Reichtum liegen hier ganz nah beieinander.

Geld soll unter anderem Kuranyis Abschiedsspiel bringen.

Der ehemalige deutsche Fußball-Nationalspieler ist in Begleitung dreier Freunde in das verwinkelte Armenviertel gekommen. Mit dabei sind die Ex-Profis Felix Luz, inzwischen Jugendtrainer beim VfB Stuttgart, und Benjamin Adrion, Sohn des ehemaligen VfB-Trainers Rainer Adrion und so etwas wie der erfahrene Ratgeber für Kuranyi bei diesem Projekt. Denn was Adrion mit dem FC St. Pauli auf Kuba bereits erfolgreich praktiziert, plant der ehemalige VfB-Kicker Kuranyi nun für Rio de Janeiro. Gemeinsam mit dem gemeinnützigen Verein Viva con Agua (Leben mit Wasser) will Kuranyi den Favela-Besuchern Zugang zu sauberem, vor allem aber kostenfreiem Trinkwasser ermöglichen. Das Geld dafür soll unter anderem bei seinem Abschiedsspiel am 6. Mai in Gelsenkirchen zusammenkommen.

„Dieses Projekt ist eine große Herausforderung“, sagt Kuranyi. Denn einfach mal so Trinkwasser zu organisieren, das geht in diesem Labyrinth von schmalen Gängen, Treppen und Häuserschluchten nicht, in denen der Aufstieg mühsam und eng ist. Stattdessen muss der Deutschbrasilianer von vorne anfangen. „Bedarfsanalyse“ nennen das die Projektexperten. Erst einmal einen Überblick über die tatsächliche Lage verschaffen. „Wir sind in Brasilien, nicht in Deutschland. Hier läuft das anders“, muss Kuranyi seine Begleiter manchmal bremsen, wenn diese allzu euphorisch in den Gedanken schon die ersten Wasserleitungen verlegen oder Quellen anzapfen wollen.

Kuranyi spricht perfekt Portugiesisch

Was dem Projekt zugutekommt: Der in Rio de Janeiro geborene Kuranyi spricht perfekt Portugiesisch. Beim Besuch in der Favela kommt er mit den Bewohnern deswegen schnell und unkompliziert ins Gespräch. Einer, der ihm dabei zusätzlich hilft, ist der Stuttgarter Bernhard Weber, der als Touristenführer in Rio de Janeiro arbeitet und selbst einige Zeit in der Pereira da Silva zu Hause war. „Es war für mich wichtig, auch einen Ansprechpartner zu haben, der die Verhältnisse vor Ort aus eigener Erfahrung gut kennt“, sagt Kuranyi.

Projektkoordinatorin vor Ort ist Kelly Martins. Die resolute Frau ist in der Favela respektiert, weil sie klar und deutlich sagt, was machbar ist und was nicht. „Wir werden die Stellen sorgsam aussuchen müssen“, sagt Martins. Nicht alles, was auf den ersten Blick einfach aussieht, ist auch einfach zu realisieren. Es gilt, Gebietsansprüche zu respektieren: „Eine Favela wie hier ist eine kleine abgeschlossene Welt für sich, die sich selbst organisiert. Da kommst du von außen gar nicht so einfach rein“, erklärt Kuranyi. Deswegen sind die lokalen Helfer so wichtig.

Gemeinsam mit dem Besuch aus Stuttgart macht sich Martins auf die Suche nach „minas“ wie die Brasilianer sagen. Diese Wasserquellen gibt es auch an verschiedenen Stellen dieses Hügels, nur dass jenes Potenzial kaum ausgeschöpft wird. Zehn Minuten etwa dauert der Aufstieg. Wenn es an einem Drogenumschlagplatz vorbeigeht, muss das Kameraobjektiv in der Tasche bleiben. Auch darauf achtet Kuranyi, ebenso dass keiner seiner Freunde einfach mal so auf eigene Faust links oder rechts abbiegt. „Nicht alleine raufgehen“, ermahnt er ein-, zweimal die Favela-Gäste. „Das ist kein Spiel hier.“

Rio gehört zu Kuranyis Lieblingsstädte.

Schließlich ist die schwäbisch-brasilianische Delegation an einer der „minas“ ­angekommen. Gleich daneben haben die Bewohner eine Marienfigur aufgestellt, das Ganze hat etwas von einem kirchlichen ­Altar. „Welche Auswirkungen könnte die Privatisierung der Wasserversorgung haben“, will Kuranyi wissen. Und vor allem: „Wer ist vertrauensvoll genug, um die ­geplanten Bauarbeiten gewissenhaft und sorgfältig durchzuführen?“ Es sind vor allem erst mal handwerkliche Probleme, die zu lösen sind. Deswegen ist Kuranyi gekommen, um sich persönlich vor Ort umzusehen. Rio de Janeiro gehört zu seinen Lieblingsstädten. Nach seiner aktiven Zeit hat sich der ehemalige VfB-Profi entschieden, nun den Menschen hier Ort aktiv zu helfen. „Ich habe selbst Kinder. Und ich weiß, wie die Kinder in den Favelas aufwachsen. Wenn es uns gelingt, deren Lebensumstände ein bisschen zu verbessern, dann lohnt sich der ganze Aufwand.“

Trotz eines langen Staus – eine Brücke war zusammengebrochen und hat ein Verkehrschaos ausgelöst– nimmt sich Kuranyi viel Zeit. Fast zwei Stunden ist er vor Ort, spricht und kickt mit den Kids, auch als der mitgereiste ehrenamtliche Kameramann Noah Felk nicht mehr die Objektive draufhält. Der Fußballmillionär hat in Rios ­Armenviertel keine Berührungsängste.

Kuranyi: „Ich habe Respekt vor der Aufgabe“

Kuranyi setzt bei der Realisierung seiner Pläne auch auf die Erfahrung von Viva con Agua. Denn Benjamin Adrion, Ex-Profi des FC St. Pauli, kennt all diese Probleme. Beim Trainingslager seines Teams 2005 auf Kuba entstand der Wunsch, ein Projekt der Welthungerhilfe zu unterstützen, in dessen Rahmen Kindergärten in Havanna mit Trinkwasserspendern versorgt werden. Wieder zu Hause in Hamburg, wird aus der Idee Realität. Adrian ­beginnt mit dem Spendensammeln. Ihm ­gelingt es dabei, nicht nur die Fans des Clubs zu gewinnen, sondern auch das Projekt auf eine breitere Basis zu stellen. Schnell ist es nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur- und Musikszene, die hilft, das 2006 offiziell gegründete Projekt wachsen zu lassen. Seit mehr als einem Jahrzehnt wächst Viva con Agua, inzwischen sind mehr als 10 000 ehrenamtliche Unterstützer aktiv. Adrion ist der Geschäftsführer in Deutschland. Viva con Agua ist mittlerweile ein inter­nationales Netzwerk. Mit Kuranyi wagt die Organisation nun den Schritt auf einen weiteren Kontinent. „Ich habe Respekt vor der Aufgabe“, sagt Kevin Kuranyi. „Denn wenn wir es gut machen, dann können wir wirklich etwas bewirken.“

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