Auf dem BMX-Rad der personifizierte Erfolg: Kerstin Meyer aus Ingersheim Foto:  

26-mal deutsche Meisterin, jeweils fünf WM- und EM-Titel. Kerstin Meyer hat so gut wie alles gewonnen. Vielleicht hätte sie längst aufgehört – doch dann stürzte sie bei der WM im vergangenen Jahr.

Ingersheim - „Die Eins zu holen ist geil. Die Eins zu tragen ist aber eine Last“, sagt Kerstin Meyer und grinst. Wenn Kerstin Meyer von der Eins redet, meint sie die Startnummer, die der Sieger der BMX-Weltmeisterschaften im darauffolgenden Jahr tragen darf. In diesem Jahr stand auf Meyers Nummernplatte am Lenker nur die Nummer acht, da sie im Vorjahr bei den WM-Wettfahrten gestürzt war. Es war das verflixte Hindernis vor der ersten Kurve, das Kerstin Meyer damals zum Verhängnis wurde.

Sie war als Europameisterin an den Start gegangen, der Tag war bis dahin perfekt gelaufen, im Finale platzte der Traum von ihrem fünften WM-Titel dann wie eine Seifenblase – Meyer belegte am Ende nur Rang acht. Eine herbe Enttäuschung für die Fahrerin des MSC Ingersheim. Doch vielleicht hätte die 44-Jährige ihre Karriere als Weltmeisterin beendet, hätte sie im vergangenen Jahr den Titel gewonnen. Wie sie sich entschieden hätte, weiß sie selbst nicht so genau. Nach dem Sturz war klar: So darf das nicht enden, es geht weiter, wenn’s sein muss, eben mit Startnummer 8. Mindestens noch eine Saison. 2014 stieg Meyer noch mal aufs Rad, um ihr Trauma zu besiegen – und das gelingt.

In Rotterdam (Niederlande) feiert sie in der Cruiser-Klasse 30 + ihren insgesamt fünften WM-Sieg in beeindruckender Manier: Sie gewinnt jedes Rennen, inklusive aller Vorläufe – die Krönung einer einzigartigen Karriere. „Ich wollte die WM unbedingt noch mal holen, nach dem Sturz im letzten Jahr“, sagt Meyer. Dabei könnte man denken, dass nach 26 deutschen Meisterschaften, fünf Welt- und ebenso vielen Europameisterschaften sowie einem Weltcup-Gesamtsieg der Akku irgendwann mal leer ist. Bei Meyer scheinbar nicht – sie fährt auch mit 44 Jahren in ihrer Altersklasse munter vorne mit, tritt dabei auch gegen Kontrahentinnen, die bis zu 14 Jahre jünger sind, an.

Die in Heilbronn wohnhafte Zweirad-Enthusiastin profitiert vor allem von 30 Jahren Erfahrung im Sattel. 1983 saß sie in ihrer Heimat Berlin erstmals auf dem Rad, am 14. April 1985 – daran erinnert sie sich genau – fährt sie in Berlin-Charlottenburg ihr erstes Rennen. Seit dieser Zeit bestimmt der Sport ihr Leben. Dass sie heute nicht mehr die Maximal- und Schnellkraft vergangener Tage hat, weiß Meyer: „Gegen die 17-Jährigen kann ich nicht mehr anstinken“, sagt sie und ergänzt, „dafür habe ich durch meine Erfahrung vor allem auf technisch anspruchsvollen Strecken einen Vorteil. Außerdem bringen mich Spielchen auf der Strecke oder Sprüche vor dem Start nicht mehr aus der Fassung.“

Das ist bei Anfängern, die zum ersten Mal bei einer Weltmeisterschaft starten, noch anders. „Der Kopf muss zu 100 Prozent stimmen, dann kann man die zehn Prozent, die einem körperlich eventuell fehlen, wettmachen. Umgekehrt geht das nicht“, meint Meyer und versucht ihr nach wie vor hohes Niveau zu erklären.

Trotz ihrer zahlreichen Titel und Erfolge – eine Medaille fehlt in der Sammlung der Heilbronnerin: die olympische. „Als BMX-Rennen olympisch wurden, war ich leider schon zu alt“, sagt Meyer. Dass sie nie die Chance gehabt hat, dort zu starten, ist für sie aber kein Problem. „Manchmal denke ich: Das wäre schon geil, wenigstens einmal über so eine Strecke zu fahren. Aber ich glaube, ich hätte die Hosen gestrichen voll.“ Wie lange sie überhaupt noch Wettkämpfe bestreitet, will und kann sie noch nicht sagen. Die nationalen Wettkämpfe hat sie nach wie vor im Blick. Die letzten Bundesliga-Läufe in diesem Herbst will sie noch bestreiten – auch dort führt sie ihre Altersklasse souverän an.

Ganz spurlos gehen die Strapazen nicht an ihr vorüber. „Manchmal fühle ich mich, als wäre ich 80“, sagt Meyer und lächelt. Den Spaß an der Sache hat sie aber noch nicht verloren – und der ist ganz wichtig, wie sie betont. Außerdem sprechen die Ergebnisse eine völlig andere Sprache – auf der BMX-Strecke ist es meistens Kerstin Meyer, die ihre Konkurrenz alt aussehen lässt.

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