Trauung: Zwei Männer stehen mit zwei Pfarrern vor dem Altar. Foto: dpa

Die evangelische Kirchengemeinde befasst sich mit der Frage, ob gleichgeschlechtliche Paare gesegnet werden sollen. Ein lesbisches Paar erzählt im Gemeindehaus von seinen Schwierigkeiten im Alltag und mit der Kirche.

Stetten - Das Thema ist auch in Stetten emotional besetzt: Dessen evangelischer Kirchengemeinde steht vor der Frage, ob sie auch gleichgeschlechtliche Paare segnen darf und soll. Wie sehr ihre Liebe und Verantwortung füreinander sie zusammengeschweißt hat, erzählte ein lesbisches Paar am Montagabend den Stettener Gläubigen im Gemeindehaus.

Sehr offen berichteten Christine Lauenstein und Sigrid Eicken von ihrer Homosexualität und ihren persönlichen Schicksalsschlägen, die sie umso mehr füreinander da sein ließen. Nach dem Durchstehen schwerer Krankheiten wollten die engagierten Christinnen in ihrer Heimatgemeinde Zell ihre Liebes- und Lebensbeziehung auch segnen lassen. Doch nachdem Pfarrer und Kirchen­gemeinderat zunächst zugestimmt hatten, kam das Veto des zuständigen Dekans wegen der fehlenden Rechtsgrundlage. „Das war für uns schrecklich, wie ein Hinauskicken aus der Kirche, wir haben uns als Christen zweiter Klasse gefühlt“, sagte Christine Lauenstein.

Zunächst berichtete Pfarrer Autenrieth über den Status quo

Solche Wünsche werden derzeit intensiv in den Gemeinden der Evangelischen Landeskirche Württemberg diskutiert: Sollen schwule und lesbische Paare für ihre Beziehung den Segen der Kirche erhalten? Über 50 Gemeindemitglieder hatten sich am Montagabend im Gemeindehaus in Stetten eingefunden, um über diese Frage zu diskutieren.

Zunächst berichtete Pfarrer Autenrieth über den Status quo: Nach bürgerlichem Recht können gleichgeschlechtliche Paar seit 1. Oktober 2017 eine Ehe schließen. Die meisten Landeskirchen segnen inzwischen homosexuelle Paare. Die Landeskirche Württemberg ist, neben einer kleinen weiteren, die letzte evangelische Landeskirche, die diese Segnung nicht zulässt. Die angestrebte Regelung, die öffentliche Segnung zu ermöglichen, wenn Kirchengemeinderat und Pfarrer einer Gemeinde dies befürworten, verfehlte bei der Abstimmung knapp die erforderliche Zweidrittelmehrheit. „Dieser Beschluss hat in den Gemeinden die – oft sehr kontroversen – Diskussionen neu angeregt“, sagte Autenrieth. Er wisse, dass das „Jahrtausende alte Tabu“ um Homosexualität, Erziehung und eigene Erfahrungen auch die Glaubensgeschichte prägten.

Naheliegend ist der Gedanke vor diesem Hintergrund auch für Sigrid Eicken und Christine Lauenstein gewesen, aus der Kirche auszutreten. In Zuffenhausen fanden sie jedoch eine Gemeinde, die ihnen ihren sehnlichen Wunsch ermöglichte. Zur Segnung seien auch Mitglieder des Kirchengemeinderats ihrer Heimatgemeinde gekommen. „Und die Kirche war brechend voll“, sagten sie. „Unser Glaube an Gott verlässt uns nie, aber den an die Kirche hätten wir beinahe verloren“, sagte Sigrid Eicken.

In der Diskussion war auf breiter Ebene – auch von etlichen direkt oder indirekt Betroffenen – ein Ja zum Wunsch nach künftiger Segnung homosexueller Paare zu vernehmen

Der Pfarrer und Prälaturbeauftragten Mathias Hestermann aus der Initiative „Regenbogen“, die sich mit Homosexualität in der Kirche befasst, erläuterte die Frage aus der Sicht der Wissenschaft. Während 90 Prozent der Bevölkerung sich psychisch und physisch eindeutig als Mann oder Frau fühlten, fühle sich das restliche Zehntel der Bevölkerung zum selben Geschlecht hingezogen oder habe Schwierigkeiten sich eindeutig sexuell zu identifizieren und/oder zu orientieren. „Die Bibel weiß noch nichts von der sexuellen Vielfalt, ja sie stigmatisiert gleichgeschlechtliche Liebe“, sagte Hestermann. Aber die Autoren der Heiligen Schrift seien auch davon ausgegangen, dass die Erde eine Scheibe sei, über der sich ein gläsernes Firmament wölbe. Gleichzeitig verlange die Bibel jedoch eindeutig, dass Menschen, die sich sexuell begegnen, in Liebe Verantwortung füreinander übernehmen sollen, betonte Hestermann.

In der Diskussion war auf breiter Ebene – auch von etlichen direkt oder indirekt Betroffenen – ein Ja zum Wunsch nach künftiger Segnung homosexueller Paare zu vernehmen. Einige Gemeindemitglieder taten sich aber, „bei allem Respekt für die Lage der Betroffenen“, mit der Vorstellung schwer. „Warum brauchen die diesen Segen überhaupt?“, fragte ein älterer Mann und wies auf den biblischen Auftrag zur Vermehrung hin. Da meldete sich ein weiteres lesbisches Paar unter den Zuhörern: „Wir leben miteinander und mit unseren drei Kindern“, sagte eine der Frauen. Eine andere Frau erzählte, wie demütigend es für ihren homosexuellen Sohn gewesen sei, auf den Segen der Kirche verzichten zu müssen. „Ich habe dann bei der Hochzeit diesen Segen gesprochen“, sagte die Mutter bewegt und erhielt spontanen Applaus der Anwesenden.

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