Über zu wenige Besucher kann sich Venedig nicht beklagen – ganz im Gegenteil. Foto: dpa

Antipasti statt Kebab: Die Lagunenstadt fürchtet um ihren guten Ruf als „La Serenissima“ und will daher künftig keine neuen Fast-Food-Läden in der Stadt mehr erlauben.

Venedig - Stolze 53 000 Tonnen Müll, jedes Jahr – verursacht nur durch die Millionen Touristen, die die Lagunenstadt Venedig besuchen. Oder besser: heimsuchen? Die Stadt jedenfalls ergreift immer mehr Maßnahmen, um sich gegen den Besucheransturm zu wappnen und diesem wieder Herr zu werden. Denn die schmalen Gassen und pittoresken Brücken werden zu Stoßzeiten regelrecht überrannt. Da die Stadt Unesco-Weltkulturerbe ist, ist die Kommune aber nicht nur verpflichtet, Denkmäler zu erhalten, sondern auch das Gesamtbild Venedigs. Der neueste Beschluss der Stadtverwaltung lautet daher: keine neuen Kebab- und sonstigen Fast-Food-Lokale mehr in der historischen Innenstadt. Auch Läden, die Pizzastücke auf die Hand verkaufen, werden nicht mehr genehmigt. Einzige Ausnahme: Eisdielen.

Damit will die Stadt der Eröffnung „nicht traditioneller“ Läden einen Riegel vorschieben. Der immer weiter steigende Verkauf und Konsum von sogenanntem Take-away-Food habe einen geringeren Qualitätsstandard der Ware zur Folge, erklärt Francesca Da Villa, Abgeordnete im Stadtrat, die für den Handel in Venedig zuständig ist, die Maßnahme. „Das befördert einen negativen Eindruck“, so Da Villa, „nicht nur bei den Bewohnern, sondern auch bei den Besuchern.“

Damit folgt Venedig dem Beispiel anderer italienischer Städte: Florenz hat im vergangenen Jahr eine Verordnung erlassen, wonach Neueröffnungen nur noch genehmigt werden, wenn mindestens 70 Prozent der verwendeten Produkte aus der Region stammen. Auf Basis dieser Verordnung wurde dem Fast-Food-Riesen McDonald’s die Eröffnung einer Filiale am zentralen Domplatz verwehrt. Wie viele Menschen jedes Jahr nach Venedig kommen, kann keiner genau sagen. Die Naturschutzorganisation „Italia Nostra“ spricht von 30 Millionen. Von der Stadt werden bisher nur die Übernachtungen gezählt – etwa zehn Millionen. Aber die große Masse bleibt nur für ein paar Stunden, wird damit nicht erfasst und zahlt auch keine Besucherabgabe. Das Fast-Food-Verbot ist daher nur eine von vielen Maßnahmen, um die Lage wieder in den Griff zu bekommen.

Statt traditioneller Geschäfte gibt es Ramsch- und Handy-Läden

So wird derzeit diskutiert, für den Besuch des Markusplatzes ein Reservierungssystem einzuführen. In einer ersten Testphase werden zunächst die Touristen gezählt – auch um ihnen Informationen darüber bieten zu können, wann der Andrang am größten ist. „Das heißt nicht, dass wird die Stadt schließen“, sagt Bürgermeister Luigi Brugnaro. „Aber klar ist, dass zu gewissen Zeiten der Druck durch eine Kontingentierung gemindert werden muss.“ Denn dann befindet sich Venedig am Rande des Kollapses. Gleichzeitig sinkt die Einwohnerzahl seit 1950 stetig. Von den einst 175 000 leben heute nur noch 55 000 in der Lagune. Viele beschweren sich über den Verfall der Stadt. Bilder von Touristen, die im Bikini oder ganz nackt über die historischen Plätze schlendern, machen in den sozialen Netzwerken die Runde. Und erst neulich musste ein Tourist eine Strafe von 3300 Euro bezahlen, weil er statt der öffentlichen Klos lieber einen Baum nutzte.

Statt Schuhmachern, traditionellen Bäckern und Metzgern gebe es heute vor allem Läden mit minderwertigen Souvenirs – oder mit Handyzubehör, sagt Marco Caberlotto von der Initiative „Generatione 90“, einem Zusammenschluss junger Venezianer, die ihre Stadt wieder lebenswerter machen wollen.

Das neue Verbot für Fast-Food-Läden sieht er skeptisch. „Wir hoffen, dass es funktioniert, aber es scheint uns doch zu wenig, um die Qualität der Läden in Venedig zu steigern und die Produkte und den Service zurückzubringen, die heute bereits fehlen.“ Die Stadt sei nicht gewillt, den Touristenansturm tatsächlich zu reduzieren und die Einwohnerzahl wieder zu erhöhen, so Caberlotto. „Diese Art von Regeln verschafft vielleicht kurzfristig Linderung – ist aber keine Lösung des Problems.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: