Am Samstag wäre der Komponist Hugo Wolf 150 Jahre alt geworden.

Am Samstag wäre der Komponist Hugo Wolf 150 Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren verleiht die Internationale Hugo-Wolf-Akademie am Sonntag der großen Mezzosopranistin Christa Ludwig (81) ihre zweite Hugo-Wolf-Medaille.

Von Susanne Benda

Frau Ludwig, was bedeutet Ihnen Hugo Wolf?

Als ich aufhörte zu singen, war das einzige Stück, um das es mir richtig leidtat, Hugo Wolfs Lied "Anakreons Grab". Wir wohnten damals in Frankreich, und mein Mann hat mir eine Stelle im Garten eingerichtet, die er Anakreons Grab genannt hat. Da hab" ich dann gesessen und geweint.

War dieser Ort neben den drei Pinien, die Sie nach Ihren drei Lieblings-Dirigenten benannten: Böhm, Karajan und Bernstein?

(lacht) Ach, die! Ja, die waren auch noch da.

Warum haben Sie Hugo Wolf so gemocht?

Er kommt immer sehr vom Text her, und das tue ich auch. Wolfs Lieder sind im psychologischen Sinne sehr modern. Dietrich Fischer-Dieskau hat einmal gesagt: Bei Hugo Wolf muss man den Text singen und die Musik sprechen. Das sehe ich genauso.

Sie haben Fischer-Dieskau erwähnt. Wenn wir mal Elisabeth Schwarzkopf dazunehmen . . .

. . . aber zu ihr will ich nichts sagen.

In Ordnung, aber wenn wir die Schwarzkopf jetzt trotzdem einmal ganz kurz neben Fischer-Dieskau stellen und Sie mit den beiden vergleichen, dann fällt auf, dass Sie überhaupt nie pathetisch sind.

Fischer-Dieskau und Schwarzkopf waren Vorreiter des Liedgesangs in den USA. Aber weil die Amerikaner unsere Sprache nicht verstehen, fängt man dort leicht an, überdeutlich zu sprechen. Wenn man das beibehält, wirkt das wie ein weißer Schimmel.

Was macht einen guten Klavierbegleiter aus?

Früher hat mal eine Kollegin von ihrem Pianisten geschwärmt und gesagt: Er war toll, denn er hat überhaupt nicht gestört. (lacht) Heute sind Sänger und Pianist gleichwertig.

Ihre Liedaufnahmen haben Sie vor allem mit Erik Werba und Charles Spencer gemacht. Was war das Besondere bei diesen beiden?

Die Empfindung eines Sängers muss sich im Klavier spiegeln. Und umgekehrt.

Bei einer Ihrer schönsten Einspielungen, Brahms" "Zigeunerliedern", sitzt aber Leonard Bernstein am Flügel.

Oh, Bernstein! (lacht schon wieder) Der war unglaublich, da musste man aufpassen, der hat am Klavier ein ganzes Orchester gespielt. Das war Wahnsinn. Wir mussten uns erst zusammenraufen. Dann ging"s.

Wollten Sie eigentlich auch mal Sopranistin werden, um diese ganzen Heldinnen singen zu können von Elektra bis Isolde?

Klar, jeder Bariton will auch Tenor sein. Wer anderes behauptet, lügt. Ich habe die Isolde auch zu Hause für mich gesungen. Aber meine Stimmbänder waren zu zart. Der Liedgesang lag mir näher.

Was würden Sie einem jungen Menschen sagen, der Sänger werden will? Was braucht er, worauf soll er achten?

Erste Voraussetzung ist ein überdurchschnittliches Talent. Dazu gehört nicht nur eine schöne Stimme, sondern auch sängerische Intelligenz. Man braucht Persönlichkeit, die wachsen muss. Man braucht Charisma und gesunde Füße. Man darf keine Allergien haben, als Frau darf man nicht zu früh heiraten und Kinder bekommen, und man muss bereit sein, die Entbehrungen auf sich zu nehmen, die dieser Beruf mit sich bringt. Ein Leben mit Partys, Rauchen, Trinken und Kindern geht nicht. Außerdem muss man lernen, Nein zu sagen.

Das klingt ja so, als würden Sie sich heute nicht mehr für den Sängerberuf entscheiden.

Würde ich auch nicht. Ich hatte immer zu viele Nerven. Und es ist schrecklich, wenn man ständig auf seine Stimmbänder aufpassen muss. Hier ist es zu kalt, dort zieht es, dann ist es zu trocken . . . Ich hatte auf Reisen immer meinen Luftbefeuchter dabei.

1994 sind Sie als Klytämnestra zum letzten Mal an der Wiener Staatsoper, aufgetreten und haben dann nach fast 50-jähriger Bühnenpräsenz Ihre Karriere beendet. Wie haben Sie es geschafft, so lange aktiv zu bleiben?

Ich wurde einfach immer wieder engagiert. Erst als meine Mutter tot war, habe ich es geschafft loszulassen. Da habe ich gemerkt: Man kann keine Konkurrenz zu dem sein, was man in seiner Jugend einmal war. Ich merkte, dass meine Programme enger wurden. Es machte mir auch keinen Spaß mehr, auf Flughäfen herumzusitzen. Wenn man sich fragt, warum tue ich das alles bloß - dann sollte man aufhören. Karriere macht man mit dem Kopf, und mit dem kann man sie auch beenden.

Kommen wir noch einmal auf die Pinien in Ihrem Garten zurück. Böhm, Karajan, Bernstein: Was haben Ihnen diese Dirigenten bedeutet?

Karl Böhm hat mich als 26-Jährige an die Wiener Staatsoper geholt. Von ihm habe ich vor allem die Präzision der Noten und Pausen gelernt. 1957 kam Karajan nach Wien. Er hatte schon mit meiner Mutter in Aachen zusammengearbeitet - da rundete sich ein Kreis. Bei uns zu Hause wurde österreichisch gekocht, er war oft zum Essen da. In der Musik brachte er mir bei, wie Phrasen schön werden. Die Begegnung mit Leonard Bernstein 1966 war dann die Krönung von allem, weil er ohne erhobenen Zeigefinger lehrte, was über und hinter der Musik ist. Für diese Tiefe sind Schönheit und Präzision nur die Basis. Ein Satz meiner Mutter, der dazu passt, hat mich immer begleitet: Christa, hat sie gesagt, ich wünsche dir, dass du dir die Stimme gut erhältst, bis du weißt, worum es sich handelt.

Wer macht denn zurzeit Musik, ohne zu wissen, worum es sich handelt?

Lang Lang. Es ist ein Jammer, dass dieser wunderbare, hochbegabte Pianist nicht tiefer hineingeht in die Musik.

Wären Sie nicht auch gerne mal vor Zehntausenden in einem Stadion aufgetreten?

Nein, denn das hat mit Kunst meist nicht mehr viel zu tun - und ein bisschen Kunst sollte doch dabei sein. Auch die drei Tenöre haben viel verdorben.

Zum Beispiel das Publikum, so dass es nicht in Liederabende geht?

Liederabende sind anspruchsvoll. Da geht einfach nicht jeder hin. Aber die Zuhörer, die da sind, lassen sich nicht täuschen. Voraussetzung ist aber, dass sie den Text verstehen. Der Sänger muss nicht nur Lieder singen, sondern auch Gedichte erzählen.

Sie mögen kein Crossover?

Ein Schuster ist kein Bäcker. Fertig.

Sonntag, 11 Uhr, Schauspielhaus Stuttgart. Das musikalische Programm gestalten Robert Holl und Wolfram Rieger mit Liedern von Wolf und Schumann. Es gibt noch Restkarten.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: