Injektionsfläschchen mit Corona-Impfstoff Foto: Imago/Christian Ohde

Todesfälle, Unfruchtbarkeit, Genveränderung – manche Einwände gegen das Impfen halten sich hartnäckig. Doch was ist dran an den Gerüchten und Behauptungen rund um die Corona-Impfung?

Stuttgart - Die Impfstoffe seien zu schnell zugelassen worden, sie veränderten das Erbgut oder enthielten Mikrochips: Manche Einwände gegen das Impfen halten sich hartnäckig. Wir schauen uns ein paar davon genauer an.

 

1. Kann mRNA-Impfstoff die DNA verändern?

Bisherige Impfstoffe, etwa gegen Grippe, beinhalten meist abgetötete oder geschwächte Viren oder Teile davon. Die Corona-Impfstoffe von Biontech und Moderna funktionieren in der Tat anders, sie enthalten genetische Informationen des Erregers, die sogenannte mRNA (messenger-Ribonukleinsäure), auch Boten-RNA genannt. Auf dieser Grundlage entwickelt das Immunsystem, vereinfacht gesagt, eine Reaktion, sodass es bei einer Infektion den Erreger frühzeitig und gezielt abwehren kann.

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Die Annahme, dass die Botenmoleküle dabei in die menschliche DNA eingebaut werden oder diese „umschreiben“ können, ist aber nicht haltbar. „Das verhindert schon die unterschiedliche chemische Struktur beider“, heißt es vom für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Institut im hessischen Langen.

Zudem erreicht die beim Impfen aufgenommene mRNA gar nicht die Zellkerne, in denen das Erbgut lagert. Sie wandert nur ins Zellplasma, wo sie abgelesen und dann ziemlich schnell abgebaut wird.

2. Sind Geimpfte eine Gefahr für Nichtgeimpfte?

Vor allem in sozialen Netzwerken wird immer wieder behauptet: Wer geimpft ist, trägt Corona-Viren in sich und kann Ungeimpfte infizieren. Das ist Unsinn. Theoretisch gibt es zwar bei Impfstoffen mit Lebendviren ein äußerst geringes Ansteckungsrisiko – in Deutschland etwa bei Masern- oder Windpocken-Vakzinen. Die zugelassenen Impfstoffe gegen das Coronavirus enthalten aber alle keine Lebendviren.

Geimpfte scheiden auch keine Proteine oder sonstigen Bestandteile des Impfstoffs aus, die sich dann bei Ungeimpften einnisten und diese auf angeblich unterschiedliche Weise schädigen können. Diese Gerüchte, auch Impfstoff-Shedding genannt, „entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage“, heißt es vom Paul-Ehrlich-Institut. Selbst wenn Geimpfte ein Protein ausscheiden würden, „wäre es so stark verdünnt, dass es spätestens von den Proteasen, also den Enzymen auf unseren Schleimhäuten, die Proteine spalten, quasi gefrühstückt werden würde“, erklärt Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie an der Uni Gießen.

3. Macht die Impfung unfruchtbar?

Viele Frauen und Mädchen sind verunsichert: Beeinträchtigt eine Impfung die Fruchtbarkeit? Nein, die Sorge ist unbegründet. Wer das dennoch meint, stützt sich auf eine angebliche Ähnlichkeit zwischen dem so genannten Spike-Protein des Coronavirus, mit dem der Erreger an Zellen andockt, und einem körpereigenen Protein namens Syncytin-1, das eine wichtige Rolle bei der Bildung der Plazenta spielt. Die Befürchtung dabei: Durch die Impfung kommt es zur Immunabwehr – und dabei könne der Körper nicht mehr zwischen Spike- und Plazenta-Protein unterscheiden, sondern bekämpfe beide. So werde die Bildung der Plazenta verhindert. Und ohne Plazenta kein Baby.

Laut Wissenschaftlern gibt es jedoch keine besondere Ähnlichkeit zwischen den beiden Proteinen: Somit sei eine Kreuzreaktion ausgeschlossen. Gäbe es diese tatsächlich, müssten alle, die sich mit dem Virus infiziert haben, um ihre Fruchtbarkeit bangen. Doch dem ist nicht so. In Studien mit Schwangeren wurde zudem keine erhöhte Zahl an Komplikationen festgestellt.

4. Sind im Impfstoff Mikrochips enthalten?

Inzwischen gibt es zwar tatsächlich Mikrotechnik, die Menschen zu den unterschiedlichsten Zwecken eingepflanzt werden kann. Chip-Implantate sind allerdings ziemlich groß – und „der Durchmesser der Impfstoffnadel ist so klein, dass man unmöglich irgendeine Art von Chip durch sie hindurchführen könnte“, sagt der amerikanische Impfstoffforscher Thomas Hope.

Dass Impfstoffe Mikrochips enthalten, ist somit frei erfunden. Genauso, wie die Behauptung, die Corona-Pandemie sei ein abgekartetes Spiel, um die Menschheit unter Kontrolle zu bekommen. Hinter der Verschwörung stecke der Microsoft-Gründer Bill Gates, heißt es immer wieder. Wahr ist, dass Gates im März 2020, also zu Beginn der Krise, bei einer Diskussion zum Thema die Prognose aufgestellt hatte, dass irgendwann wohl alle einen digitalen Ausweis mit ihren Gesundheitsdaten haben werden. Im Netz wurde dies verdreht und kolportiert, dass dies „am besten mit implantierbaren Chips“ möglich sei. Gates wurde also durch eine harmlose Aussage plötzlich zum Buhmann.

5. Verursacht das Impfen Langzeitschäden?

Bei einigen wenigen Impfstoffen ist es in der Vergangenheit in seltenen Fällen zu Impfschäden gekommen: Die alte Pockenimpfung etwa konnte eine Gehirnentzündung auslösen. Das geschah aber zeitnah, nicht erst nach Jahren.

Die bei den Corona-Impfstoffen bisher beobachtbaren Impfreaktionen traten ebenfalls kurz nach dem Piksen auf und verschwanden zum Großteil nach wenigen Tagen wieder. Susanne Stöcker, Pressesprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts, gab kürzlich Entwarnung: „Langzeitnebenwirkungen, die erst nach Jahren auftreten, sind bei Impfstoffen generell nicht bekannt.“

Auch die schnelle Zulassung und die Neuartigkeit der mRNA-Impfstoffe haben die Präparate nicht unsicher gemacht. Die Technologie wurde nicht erst während der Pandemie entwickelt. Seit über 30 Jahren wird dazu geforscht, etwa für die Krebstherapie. Zudem wurde schon seit längerem an Impfstoffen gegen andere Coronaviren gearbeitet. Die Pandemie hat den Impfstoffen allerdings zum Durchbruch verholfen.

6. Erkranken Geimpfte trotzdem an Covid-19?

Tatsächlich gibt es Fälle von vollständig Geimpften, die sich anstecken und an Covid-19 erkranken. Das liegt unter anderem an den Virus-Mutationen, wie etwa der bei uns inzwischen verbreiteten Delta-Variante. Deshalb kommt es zu sogenannten Impfdurchbrüchen. Das haben britische Forscher in einer Studie untersucht. Doch während 1,2 Prozent von 100 000 Probanden in England positiv auf das Virus getestet wurden, waren es unter den vollständig Geimpften nur 0,4 Prozent. Studien zeigen auch, dass Erkrankte mit Impfung deutlich seltener schwer erkranken oder sterben.

7. Kann man an der Impfung sterben?

Die Impfstoffhersteller haben verschiedenste Testdurchläufe gemacht. So haben an der Phase-3-Studie von Biontech in den USA 43 448 Menschen ab 16 Jahren teilgenommen. Tatsächlich sind sechs Teilnehmer im Studienzeitraum zwischen Ende April und Mitte November 2020 gestorben – allerdings nicht wegen der Impfung. Vier der Verstorbenen hatten gar nicht den Impfstoff, sondern ein Placebo bekommen, so wie 21 724 weitere Studienteilnehmer. Einer der Geimpften hatte zwei Monate nach dem zweiten Pikser einen tödlichen Herzinfarkt. Der zweite hatte mehrere Vorerkrankungen.

„Alle Todesfälle stellen somit Ereignisse dar, die in der allgemeinen Bevölkerung der Altersgruppen, in denen sie auftraten, mit einer ähnlichen Rate vorkommen“, hielt die für die US-Zulassung des Präparats zuständige Behörde FDA fest. Auch die europäische Zulassungsbehörde EMA sieht „keinen Zusammenhang der Fälle“. Bundesweit wurden ebenfalls einige Todesfälle kurz nach einer Corona-Impfung gemeldet. Doch die Experten des Paul-Ehrlich-Instituts halten einen Zusammenhang mit der Immunisierung auch hier für äußerst unwahrscheinlich: „Wir gehen davon aus, dass die Patienten an ihrer Grunderkrankung gestorben sind.“ Allerdings sind nach einer Impfung unangenehme Reaktionen möglich, sehr selten sogar schwerere Komplikationen.

Wie jedes Medikament bergen nun mal auch Impfstoffe Risiken. Vor einer Zulassung lässt die EMA aber alle Mittel untersuchen. „Der Nutzen eines Impfstoffs muss weitaus größer sein als jede Nebenwirkung“, so die EU-Behörde.