Der Weltmeister hat ganz hohe Ziele: Boxer Marco Huck. Foto: Getty

Darin sind sich alle einig: Wenn WBO-Champion Marco Huck und Firat Arslan in Stuttgarter Schleyerhalle in den Ring steigen, ist ein spektakulärer Boxkampf garantiert.

Darin sind sich alle einig: Wenn WBO-Champion Marco Huck und Firat Arslan in Stuttgarter Schleyerhalle in den Ring steigen, ist ein spektakulärer Boxkampf garantiert.

Stuttgart - Manche Menschen, die Marco Huck näher kennen, sehen in ihm einen Mann mit zwei Gesichtern. Hier der private Huck, ein Familienmensch, manchmal ein Lausbub, der damit zu kämpfen hat, dass ihm Ruhm und Geld nicht zu Kopf steigen – aber im Grunde ein sympathischer, ehrlicher Typ. Und dort der öffentliche Huck, der Boxer, der nicht nur im Ring austeilt, sondern auch verbal, und das gerne mal unter der Gürtellinie. „Sobald er als Boxer die Bühne betritt, ist er ein anderer“, meint Kalle Sauerland, der Promoter von Huck, „aber Sprüche gehören nun mal zum Geschäft.“

Wer dies genau so sieht, der muss sagen: Huck (29) versteht sein Handwerk. An diesem Samstag trifft der Weltmeister des Verbandes WBO im Cruisergewicht (bis 90,7 kg) auf Firat Arslan, und bei der Pressekonferenz in einem Stuttgarter Kino hat er schon mal ordentlich hingelangt. „Im Ring mache ich Arslan zu meinem Mädchen“, sagte Huck, „was will dieser 43-jährige Mann von mir? Er soll aufs Sofa liegen und Chips essen. Arslan hat eine Kondition wie zehn Pferde, aber er kann nicht boxen.“

Kalle Sauerland hat durchaus Verständnis für Leute, die mit derartiger Kraftmeierei wenig bis gar nichts anfangen können. „Huck polarisiert“, sagt er, „manche mögen ihn, manche hassen ihn. Aber es gibt kaum jemanden, der sich nicht für ihn interessiert.“ Das ist nicht ganz unwichtig für einen Promoter, der hauptsächlich davon lebt, dass möglichst viele Menschen die Kämpfe anschauen, die er veranstaltet. Huck ist Sauerlands bestes Pferd im Stall – und das will gehegt und gepflegt werden.

Schon öfter gab es Kämpfe, die Huck gewonnen hat, ohne im Ring der bessere Mann gewesen zu sein. Zum Beispiel gegen den Russen Denis Lebedew. Oder gegen den Briten Ola Afolabi. Und natürlich gegen Firat Arslan. Im November 2012 siegte Huck gegen den Herausforderer aus Donzdorf derart umstritten, dass seine eigenen Fans die Punktrichter für ihr Urteil auspfiffen. Sauerland nahm Arslan unter Vertrag und versprach ihm eine Revanche. Am Samstag ist es soweit, und einen Gewinner gibt es auf jeden Fall: den Promoter. Denn Weltmeister, so viel steht fest, wird ein Sauerland-Mann.

„Es kostet viel Kraft, an ihn ranzukommen"

Für viele neutrale Experten ist Huck der Favorit. Weil er jünger ist. Weil er härter schlagen kann. Und weil er schon öfter überzeugt hat, wenn er richtig unter Druck stand. Wie etwa im Rückkampf gegen Ola Afolabi. „Es kostet viel Kraft, an ihn ranzukommen. An manchen Tagen frage ich mich, warum ich mir das antue“, sagt Hucks Trainer Ulli Wegner, „aber diesmal hatten wir eine optimale Vorbereitung. Wenn sich Marco konzentriert und auf die Taktik fokussiert, dann ist er ein richtig guter Boxer.“

Huck hat seinem Coach versprochen, diesmal voll bei der Sache zu sein. Anders als im ersten Kampf, nach dem er einräumte: „Ich habe den alten Mann nicht ernst genommen.“ Doch Huck hat Wegner noch mehr versprochen – der erste Boxer der Trainer-Legende zu sein, der Weltmeister im Schwergewicht wird. Weil Vitali Klitschko um die Zukunft der Ukraine kämpft und nicht mehr im Ring, spekuliert Huck (1,88 m) darauf, noch in diesem Jahr um den vakanten Gürtel des Verbandes WBC boxen zu dürfen. Sollte er tatsächlich neben Wladimir Klitschko (WBA, WBO, IBF, IBO) zum zweiten Champion in der Königsklasse aufsteigen, wäre dies die Krönung einer Karriere, die ganz unten begonnen hat.

Als Huck neun Jahre alt war, flüchtete er mit seinen Eltern, die aus Bosnien stammen, und seinen drei Geschwistern aus dem ehemaligen Jugoslawien. In Bielefeld musste sich Muamer Hukic, so hieß er damals noch, durchboxen. Auf der Straße galt das Faustrecht, da half es, ein guter Kickboxer zu sein. Später wechselte er zum Boxen, nach nur 15 Amateurkämpfen wurde er 2004 Profi. Seitdem hat er 36 seiner 33 Duelle gewonnen, unter den Niederlagen war auch jene im Februar 2012 in Stuttgart gegen Alexander Powetkin, dem er bei seinem bisher einzigen Auftritt im Schwergewicht beinahe den WBA-Gürtel abgenommen hätte.

Damals war Huck der stärkere Boxer, und auch deshalb träumt er davon, das Schwergewicht aufzumischen. Die Frage ist, ob ihn sein Promoter lässt, denn Sauerland hat andere Pläne. Bald stehen die Verhandlungen über einen neuen Vertrag mit TV-Partner ARD an, der dem Stall rund 13 Millionen Euro pro Jahr einbringen soll. Huck ist ein gewichtiges Argument – aus Sicht von Sauer- land aber vor allem als Cruisergewichts-Champion: „Seine Zukunft liegt im Schwergewicht, aber nicht die nahe Zukunft.“

Zumal, vor allem anderen, die Titelverteidigung gegen Arslan (1,82 m) wichtig ist. Sauerland erwartet am Samstag – wie schon im ersten Duell – einen ganz knappen Ausgang, und sollte Arslan den Kampf gewinnen, dann ist ein drittes Treffen so gut wie sicher. Um zu klären, wer wirklich der Bessere ist. Und um noch mal gutes Geld zu verdienen. An den passenden Sprüchen von Marco Huck wird es sicher auch dann nicht fehlen.

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