Eine Begegnung auf Augenhöhe: So sehen Jason Reilly und Elisa Badenes ihre Rollen in der Ballettkomödie von John Cranko. Foto: Roman Novitzky

Tanzt man anders, wenn Kameras auf einen gerichtet sind? Elisa Badenes und Jason Reilly macht die Aufzeichnung von John Crankos Ballettkomödie nur bedingt nervös.

Als wär’s ein Zeichen gewesen für das, was kommt: Ausgerechnet eine Komödie war das erste Corona-Opfer auf dem Spielplan des Stuttgarter Balletts. Mit „Der Widerspenstigen Zähmung“ wollte die Kompanie vor zwei Jahren erst ein Gastspiel in Friedrichshafen bestreiten, um dann die Wiederaufnahme in Stuttgart für die Verfilmung von John Crankos Ballett zu nutzen. Weil die Pandemie die Pläne vereitelte, werden erst jetzt die Kameras im Opernhaus aufgebaut, um nach „Romeo und Julia“ und „Onegin“ das noch fehlende von Crankos großen Balletten bei drei Vorstellungen von diesem Freitag an aufzuzeichnen.

 

Elisa Badenes und Jason Reilly werden die Hauptrollen übernehmen. Die Spanierin und der Kanadier waren bereits an den vorherigen Aufzeichnungen beteiligt – mit unterschiedlich starker Präsenz. „Ich habe bei der ersten Vorstellung von ,Romeo und Julia‘ den Tybalt getanzt, dann kam meine Tochter zur Welt, und Robert Robinson hat meinen Part übernommen“, sagt Reilly und lacht über die bislang verhinderte Leinwandkarriere.

Für die Tänzer sind die Kameras nicht zu sehen

Auch Elisa Badenes ist beim Gespräch trotz des Power-Programms, das ihr am Wochenende bevorsteht, gut gelaunt. „I’m a moviestar“, sagt sie im Scherz, als sie ihre Filmauftritte als Julia und die als Olga in „Onegin“ aufzählt. Wer die Solistin kennt, die auf internationalen Bühnen ein gefragter Gast ist, weiß, dass Starallüren nicht ihr Ding sind. „An der Rolle der widerspenstigen Katharina gefällt mir, dass ich überhaupt nicht ballerinenhaft auftreten muss, im Gegenteil: Ich darf sehr selbstbewusst sein, ich darf ungelenk aussehen, und da ist viel schauspielerischer Freiraum“, sagt Elisa Badenes.

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Tanzt man anders, wenn sieben Kameras auf einen gerichtet sind? Nein, sind sich die beiden Solisten einig. „Von der Bühne aus sieht man die gar nicht. Für mich sind es ganz normale Vorstellungen“, sagt Elisa Badenes, und Jason Reilly ergänzt: „Das ist gut so, denn für eine nahe Kamera würde ich Mimik und Gesten vielleicht weniger ausgeprägt anlegen, als ich es tue, um das Publikum bis in den dritten Rang zu erreichen.“

Die Gemeinschaft hält den Energiepegel hoch

Vorstellungen an drei aufeinanderfolgenden Tagen bestreiten zu müssen ist allerdings auch für ein gefragtes Solistenpaar nicht normal. „Das wird körperlich und mental sehr anstrengend“, sagt Elisa Badenes. „Am Tag nach einer Vorstellung bin ich erschöpft, wie in Trance und würde am liebsten auf dem Sofa liegen bleiben. Aber wenn ich erst einmal im Theater bin und in der Maske sitze, dann die Bühne, das Licht und die Energie der Kollegen sowie des Publikums spüre, bereitet das Körper und Kopf vor, und die Müdigkeit verschwindet.“ Auch Jason Reilly hilft die Energie aus der Gemeinschaft dabei, locker zu bleiben. „Wir haben hier eine tolle Unterstützung von allen.“

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Macht die Präsenz der Kameras nervös? „Ja, ein bisschen schon“, sagt Elisa Badenes, „ich spüre mehr Verantwortung, auch wenn für den Film die jeweils besten Szenen aus drei Vorstellungen zusammengeschnitten werden.“ Die Antwort der Kollegin lässt Jason Reilly aufstöhnen: „Ich war überhaupt nicht nervös, bis jetzt“, sagt der Tänzer, gerade auf dieses Stück freue er sich immer besonders. „Kein anderes Ballett bietet so viel akrobatische Tricks und Hebungen. Es ist unglaublich, was John Cranko hier gelungen ist. Wie oft wurde das Stück schon getanzt, und es bringt das Publikum immer noch zum Lachen“, so Reilly.

Sexistisch oder ein Rollenspiel mit Weitblick?

Und diese Ballettkomödie liefert bis heute Diskussionsstoff. Sexistisch oder ein Rollenspiel mit Weitblick? Für Elisa Badenes und Jason Reilly spricht John Crankos Interpretation so sehr für sich, dass es die kritische Überprüfung, die das Ballett bei der Anglistin Elisabeth Bronfen für die Mai-Ausgabe des Staatstheatermagazins „Reihe 1“ bestellt hat, nicht gebraucht hätte. „Das vorweg“, sagt Elisa Badenes, „ich bin superfeministisch eingestellt, und natürlich muss man den historischen Kontext von Shakespeares Vorlage sehen. Aber bei John Cranko geht es darum, wie man eine Beziehung gestaltet. Es braucht Kompromisse, Respekt, die Arbeit zweier Menschen daran. Um das zu zeigen, hat er alle anderen Charaktere sehr künstlich und überspitzt angelegt, man muss sich nur ihre Kostüme und ihr Make-up anschauen – und da setzt er Petruchio und Katharina als echte Menschen hinein. Ich fühle mich als Frau sehr stark in dieser Rolle.“

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Auch Jason Reilly schätzt die Adaption. „Cranko hat die Charaktere modernisiert. Für mich ist dieser Petruchio kein frauenfeindliches Schwein, wie mir eine Journalistin in Kanada mal erklären wollte. Erzählt wird vielmehr eine Begegnung von zwei Menschen auf Augenhöhe; Katharina kann immer mithalten, Petruchio zeigt ihr, dass er sie ernst nimmt. Beide finden einen Weg, um ehrlich miteinander umzugehen. Das ist modern und menschlich gedacht. Für mich ist es eine schöne Liebesgeschichte mit ein paar Witzen – und vielen tollen Tanzszenen.“

Auf welchen Bühnen die Widerspenstige tanzt

Film
Mit der Aufzeichnung von „Der Widerspenstigen Zähmung“ vom 13. bis 15. Mai ist die Film-Trilogie von John Crankos wichtigsten Handlungsballetten komplett; sie findet in Kooperation mit dem SWR, Arte und der Produktionsfirma Unitel statt. Die Termine für die Ausstrahlung im SWR und den DVD-Release stehen noch nicht fest.

Jung
Am 15. und 22. Mai sowie am 5. Juni erhalten bei Familienvorstellungen alle unter 18 Jahren und ihre Begleitpersonen ermäßigte Tickets für 10 Euro. Derselbe Preis gilt für eine Schulvorstellung am 1. Juni.

Termine
Vorstellungen gibt es bis zum 7. Juni. Am 15. Mai wird „Der Widerspenstigen Zähmung“ um 13 Uhr von einem Gespräch zwischen Ballettintendant Tamas Detrich und Gästen auf der Bühne im Opernhaus flankiert.