Wo endet die Skepsis gegenüber fremden Fahrzeugen in der eigenen Straße und beginnt die Nötigung? Eine Frau aus Oberaichen hat diese Grenze wohl überschritten Foto: Symbolbild dpa/Andrej Sokolow

Derzeit sind Autos mit Kameras auf der Filderebene unterwegs. Eine Frau war sich unsicher, was das zu bedeuten hat, und sperrte mal schnell die Straße, damit die Apple-Mitarbeiter nicht weiterfahren konnten. Das hat nun strafrechtliche Folgen.

Filder - Sie sind in diesen Tagen auf der Filderebene unterwegs: Die Autos mit den futuristischen Kameras und Sensoren auf dem Dach. Dahinter steckt der iPhone-Macher Apple. Der US-amerikanische Konzern filmt Straßen und sammelt Daten, um die Karten in seinen Mobilfunktelefonen und anderen Geräten zu verbessern. Die Bilder könnten künftig aber auch für den neuen Panorama-Dienst Look Around verwendet werden. So heißt Apples Konkurrenzangebot zu Google Street View. Bei Look Around können Nutzer sich auf dem Bildschirm durch dreidimensionale Darstellungen von Straßenzügen bewegen.

Am Donnerstag filmten Apple-Mitarbeiter in Oberaichen. Einer Anwohnerin gefiel das ganz und gar nicht. Sie kam gerade nach Hause und wollte in ihre Tiefgarage fahren, als ihr eines der Autos mit den spektakulären Kameraaufbauten entgegenkam. Die Frau stellte den Motor ab und stieg aus. Weil es eine Sackgasse war, konnten die Apple-Mitarbeiter nicht mehr an ihr vorbeifahren. Das war der Dame gerade recht, denn sie wollte die Herren in dem Fahrzeug zur Rede stellen.

Die Anwohnerin fühlt sich als Verbrecherin hingestellt

Zuerst hätten diese behauptet, kein Deutsch zu sprechen, sagt die Frau. Als sie die Apple-Mitarbeiter daraufhin auf Englisch befragt habe, seien sie der Sprache doch mächtig gewesen. „Sie erklärten mir dann, sie würden nur vermessen. Erst später räumten sie ein, dass sie Kameras auf ihren Autos haben“, erzählt die Anwohnerin. Sie habe von den Männern im Fahrzeug „ein Kärtle“ haben wollen, um sichergehen zu können, mit wem sie es zu tun habe. „Die Männer wollten mir aber nichts geben und drohten mit der Polizei. Daraufhin habe ich die Polizei gerufen“, sagt die Anwohnerin. Schließlich sei auch sie gefilmt worden. „Und ich will schon genau wissen, wer aus welchem Grund Aufnahmen von mir macht.“

Die Beamten kamen, hörten sich beide Seiten der Geschichte an – und stellten die Anwohnerin zu Rede. „Sie meinten, dass das, was ich gemacht habe, Nötigung sei, und dass ich nun eine Anzeige bekommen würde“, sagt die Frau. Für sie ist das „ein dicker Hund“. Schließlich rufe doch die Polizei immer dazu auf, zunächst skeptisch zu sein und nachzufragen. Sie habe versucht, sich zu verteidigen. Das Auto habe ein spanisches Kennzeichen gehabt, und sie habe ja nur wissen wollen, was da vor sich gehe. Doch die Beamten hätten entgegnet, dass man doch schließlich im vereinigten Europa sei und auf dem Auto klar und deutlich „Apple“ stehen würde. Das beweise doch noch gar nichts, findet die Anwohnerin: „Jeder kann ‚Apple’ auf sein Fahrzeug schreiben lassen.“ Sie fühle sich hingestellt als Verbrecherin.

Polizeipräsidium bestätigt die Anzeige wegen Nötigung

Auf Nachfrage beim zuständigen Polizeipräsidium Reutlingen bestätigt Christian Wörner von der Pressestelle, dass gegen die Frau wegen Nötigung im Straßenverkehr ermittelt werde. „Sie hat ihr Fahrzeug so abgestellt, dass die Apple-Mitarbeiter nicht weiterfahren konnten. Damit sind wir im strafbaren Bereich. Und die Herren in dem Auto müssen sich ihr gegenüber auch nicht ausweisen“, sagt der Polizeihauptkommissar. Dass die Fahrzeuge mit den Kameras in diesen Wochen in Baden-Württemberg unterwegs seien, sei durch die Medien gegangen und überall bekannt. Das Ganze sei genehmigt. Und der Firmenname „Apple“ sei auf beiden Seiten der Fahrzeuge klar und deutlich zu lesen.

„Es ist schon richtig, dass die Bürger bei der Polizei anrufen sollen, wenn ihnen etwas verdächtig vorkommt. Aber sie sollen keine Selbstjustiz üben“, betont Wörner. Und eine eventuelle Annahme, dass es sich bei den Apple-Mitarbeitern um Mitglieder einer Einbrecherbande handele, welche die Straßen auskundschaften, sei nun wirklich absurd. „Die hatten eine millionenteure Kamera auf dem Auto. Mit so etwas fahren Einbrecher nicht durch die Gegend“, sagt Wörner und fügt hinzu: „Die zwei Herren in dem Auto waren zu recht erbost. Wenn die Anwohnerin Zweifel an den rechtmäßigen Absichten der beiden Apple-Mitarbeiter hatte, dann hätte sie gleich die Polizei rufen müssen, ohne die Straße zu versperren.“

Jeder kann bei Apple Widerspruch einlegen

Wer ein Apple-Fahrzeug sieht, muss also zunächst akzeptieren, dass er, sein Auto oder sein Haus im Zweifel gefilmt werden. Der US-Konzern schreibt aber auf seiner Internetseite: „Wir verpflichten uns, deine Privatsphäre zu schützen, während wir diese Daten erfassen. Zum Beispiel werden wir Gesichter und Autokennzeichen auf den Bildern vor der Veröffentlichung unkenntlich machen.“

Zudem bietet Apple die Möglichkeit zum Widerspruch an. Wer von einem Kamerawagen fotografiert wurde oder vorsorglich die Abbildung der eigenen Hausfassade verhindern möchte, schreibt eine Mail an mapsimagecollection@apple.com. Der Widerspruch ist sowohl vor als auch nach einer etwaigen Veröffentlichung möglich. Einen Mustertext gibt es zum Beispiel auf der Website der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: