Viele Menschen trauen sich nicht, Kräuter, Samen oder Beeren in der Natur zu sammeln – aus Furcht vor Vergiftung oder Ansteckung. Nur beim Bärlauch machen alle eine Ausnahme.
Es war ein besonders dreister Diebstahl: In einem Wald nahe Kupferzell hatte eine Kolonne von Pflückern vor wenigen Wochen Bärlauch mit einem Gesamtgewicht von 2,5 Tonnen mitnehmen wollen – die Polizei erwischte die Männer, als sie die Blätter gerade in Tüten und Kisten packten. Eine Bestrafung gab es jedoch nicht: Die Pflücker einigten sich mit dem Waldbesitzer über eine Bezahlung des Bärlauchs.
Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass ein solches Abräumen nicht rechtens sein sollte, und so ist es auch: Das baden-württembergische Waldgesetz und das Bundesnaturschutzgesetz schreiben vor, dass das Sammeln von Blumen, Gräsern, Farnen, Moosen, Früchten, Beeren, Pilzen und Tee- sowie Heilkräutern „in geringen Mengen für den persönlichen Bedarf“ erlaubt ist. Alles darüber hinaus bedarf einer Genehmigung. Der oft genannte „Handstrauß“ steht als Begriff nirgends im Gesetz, trifft die Sache aber gut.
Bärlauchsammeln in großem Stil kommt zum Glück selten vor
Ausgenommen sind private Obstwiesen und Äcker, wo Lebensmittel hergestellt werden. Das Pflücken von Weintrauben, Erdbeeren oder Äpfeln ist also nicht gestattet; ebenso verboten ist das Sammeln von Pflanzen in Naturschutzgebieten und grundsätzlich von geschützten Pflanzen.
Solche spektakulären Fälle wie in Kupferzell kommen allerdings eher selten vor. Professionelle Sammlertrupps oder Hausfrauen, die Bärlauchpesto für den Wochenmarkt produzieren, seien in den Wäldern selten zu beobachten, sagt Sascha Bahlinger, der Sprecher des Staatsforstbetriebs Forst BW: „Die erlaubten Formen des Sammelns einzuschränken oder zu verbieten ist nicht notwendig.“
Tatsächlich gibt es nicht mehr allzu viele Menschen, die sich trauen, dieser Tage die reifen Holunderblüten zu sammeln und daraus Sirup zu machen oder im Herbst Schlehen in einen Likör zu verwandeln. Auch diese Produkte kaufen die meisten lieber fertig im Supermarkt. Dabei bietet der Garten der Natur ein paradiesisches Angebot: Bis zu 2000 Pflanzen in Europa sind essbar, auch so ungewöhnliche wie die jungen Blätter der Linde oder die Triebspitzen der Fichte. Bei anderen Pflanzen weiß man zumindest dem Namen nach noch, dass sie in der Küche verwendet werden können, etwa die Beeren des Wacholders, die Vogelmiere oder die Blüten der wilden Stiefmütterchen, die mittlerweile wieder häufiger der Veredelung abgepackter Salate dienen, dazu aber meist speziell angebaut werden.
Zwei zentrale Punkte sind es aber, die die meisten zurückschrecken lassen, selbst auf die Suche zu gehen. Zum einen hat man Angst, die Pflanzen zu verwechseln und womöglich sogar eine giftige Pflanze in den Salat zu schneiden. Abhilfe schaffen Kurse etwa der Wildpflanzenexperten Christine Volm oder Markus Strauß. Draußen in der Natur ist auch die App Flora Incognita nützlich. Sie wurde vor einigen Jahren von der Technischen Universität Ilmenau und dem Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena entwickelt und bestimmt bis zu 5000 Pflanzenarten mit einer Genauigkeit von bis zu 90 Prozent. Auf Anfrage teilt die Uni mit, es sei für richtige Ergebnisse aber sehr wichtig, die Pflanze gut zu fotografieren und sorgfältig die Merkmale der Pflanzen mit den Angaben im Steckbrief abzugleichen: „Man sollte der Künstlichen Intelligenz nicht vertrauen“, so die Macher der App.
Zum anderen fürchten viele, sich draußen in der Natur eine Krankheit zu holen. Der Fuchsbandwurm wird immer genannt – mittlerweile sind sich die Forscher aber recht sicher, dass der Parasit so gut wie nie über Pflanzen aufgenommen wird. „Es ist in mehreren Zehnerpotenzen wahrscheinlicher, von einem Auto überfahren zu werden, als einen Fuchsbandwurm zu bekommen“, sagt der anerkannte Parasitologe Klaus Brehm von der Universität Würzburg: „Das Risiko ist kaum der Rede wert.“ Jährlich gebe es in Deutschland rund 50 Fälle, vor allem in Baden-Württemberg und Bayern. Ein womöglich häufiger vorkommender Übertragungsweg könne der eigene Hund sein, der Mäuse erwischt hat. Tödlich ist der Fuchsbandwurm meist nicht mehr, aber man muss lebenslang Medikamente nehmen.
Zehn Wildpflanzen-Parks gibt es bislang in Deutschland
Dass Hunde über Pflanzen pinkeln, ist deutlich wahrscheinlicher. Dabei können theoretisch zwei Erkrankungen übertragen werden, die Leptospirose und die Brucellose, die laut Klaus Brehm aber noch seltener vorkommen als der Fuchsbandwurm. Die Furcht vor Ansteckung hat deshalb für ihn mehr eine gesellschaftliche als eine medizinische Ursache – sie ist Ausdruck der starken Entfremdung von der Natur.
Wer auf Nummer sicher gehen will, könnte einen der zehn Parks in Deutschland für essbare Pflanzen besuchen, die der Wildkräuterexperte Markus Strauß initiiert hat: Dort erklären Schilder, was man wann essen kann, und natürlich darf man sich auch bedienen. Hunde sind dort oft verboten. Strauß, der eine Zeit lang in Stuttgart lebte und nun im Allgäu wohnt, hat das Ziel, 4000 solcher Parks mit örtlichen Helfern zu gründen: „Es sollen so viele Parks wie Aldi-Filialen werden“, sagt die Mitarbeiterin Bianca Brodbeck mit einem Augenzwinkern. In Baden-Württemberg gibt es noch keinen Park.
Wer trotz allem lieber die Finger von Wildkräutern und -beeren lässt, könnte zumindest Obst und Nüsse ernten – auch wenn man keine eigenen Bäume besitzt. Auf www.mundraub.org veröffentlichen viele Privatmenschen und Städte wie Ulm oder Friedrichshafen im Internet den Standort von Bäumen, die man abernten darf. Friedrichshafen hat laut einer Sprecherin seit 2019 rund 650 Bäume eingestellt. So werde das Obst verwertet, anstatt zu verfaulen. Aber man wolle den Menschen auch eine Alternative zum Obstdiebstahl in landwirtschaftlichen Anlagen bieten, sagt die Sprecherin: „Im Stadtgebiet gibt es viel Mundraub, da viele Erholungswege aus den Wohngebieten durch die Obstanlagen führen.“