Myriam Pleva mit ihrem Cousin Anton Pleva in „Adam und Pleva“ Foto: StN

Zehn Jahre lang stand Myriam Pleva, Chefin einer Stuttgarter Ballettschule, nicht mehr auf der Kabarettbühne. Jetzt kehrt sie weit zurück – bis zu „Adam und Pleva“. Premiere des Programms über weiblichen Nutzen und männliche Gefahren ist am 3. August im Renitenz.

Stuttgart - Zehn Jahre lang stand Myriam Pleva, Chefin einer Stuttgarter Ballettschule, nicht mehr auf der Kabarettbühne. Jetzt kehrt sie weit zurück – bis zu „Adam und Pleva“. Premiere des Programms über weiblichen Nutzen und männliche Gefahren ist am 3. August im Renitenz.
 
Frau Pleva, nach zehnjähriger Bühnenabstinenz präsentieren Sie ein neues Programm im Renitenz-Theater. Haben Sie es nicht mehr ohne Publikum ausgehalten?
In den vergangenen zehn Jahren habe ich meine ganze Kraft in meine neue Familie und in die Ballettschule gesteckt. Und ich habe eins wirklich nicht vermisst: das Lampenfieber! Sonst wären es nicht zehn Jahre geworden.
Sollen jetzt Ihre Ballettschüler lernen, wie sich Lampenfieber anfühlt? Denn sie sind Teil Ihres neuen Programms im Renitenz.
Nach der Trennung der beiden Ballettschulen Pleva vor zwei Jahren habe ich eine Möglichkeit gesucht, meinen Schülerinnen ein schönes Ambiente zu bieten. Ich entschied mich für eine Fusion aus Ballettabend und meinem Soloprogramm für das Renitenz-Theater. Ich bin sehr stolz auf die Schülerinnen und freue mich, dass sie kreativ ihren eigenen Stil entwickeln. Das ist und war mein Ziel in den letzten Jahren als Ballettpädagogin und Choreografin.
Gerhard Woyda, der frühere Intendant des Renitenz-Theaters, hat Sie entdeckt. Sie haben sieben Jahre dem Renitenz-Ensemble angehört. Das war eine sehr politische Zeit – und das wirkte sich auf die Programme aus.
Mein Interesse an Politik und Kabarett war schon als Jugendliche in der Schule geweckt worden. Wir wurden in Physik über die Halbwertszeit unterrichtet, zeitgleich baute man Atomkraftwerke wie Zeitbomben um uns herum. Der Widerspruch zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischen Entscheidungen beschäftigt seit ­dieser Zeit mein Denken. Und was Gerhard Woyda betrifft: Ich bin überzeugt, dass man Menschen durch ähnliche Interessen ­kennenlernt und die Chemie bestimmt, ob man voneinander lernen möchte. Und da Gerhard Woyda mich als Kind schon sehr ­beeindruckt hat, ging für mich mit den ­Renitenz-Hausprogrammen ein Traum in Erfüllung.
Nun also Adam und Pleva. Es geht ganz weit zurück. Was war zuerst da: Adam und Eva? Oder Adam und Pleva?
Es geht um die mögliche Entwicklung von Adam und Eva hin zu Adam und Pleva. In den Gesellschaften, in denen die Geschichte von Adam und Eva kulturell zugrunde liegt, gibt es heute verschiedene unreflektierte Verhaltensmuster und Machtverhältnisse, die mir seit vielen Jahren vor allem als Mutter einer Tochter auffallen und mich auf Adam und Pleva gebracht haben.
Was ist Ihnen aufgefallen?
In „Adam und Pleva“ geht es um die Unterdrückung und das Nicht-Wertschätzen der weiblichen Kraft in jedem, egal ob in Männern oder Frauen. Die Kraft des Weiblichen, das unbewusste Wissen in Krisenmomenten, die engere Verbindung zur Natur durch Schwangerschaft, der Beschützerinstinkt der Löwenmutter sowie das flexiblere Verhalten sind für das körperlich schwächere und damit vorsichtigere Geschlecht überlebenswichtig. Dies spielt aber in den meisten Gesellschaften keine Rolle. Wenn wir uns auf der Erde umschauen, bringt uns das männliche Prinzip nicht weiter, sondern ist gefährlich und löscht uns aus.
Das weibliche Prinzip regiert Deutschland. Wir haben eine Kanzlerin.
Wenn eine Frau an der Macht ist, muss sie das männliche Prinzip der Überlegenheit durch Stärke und Reichtum komplett verinnerlicht haben, damit sie sich oben halten kann. Selbst dort, wo Liebe und Nächstenliebe gefordert und gepredigt werden, sind Frauen und bekennende Homosexuelle im Promillebereich vorhanden und Diskriminierungen ausgesetzt.
Sie entstammen einer Künstlerfamilie von Sängern, Musikern und Schauspielern. Ihr Cousin Anton Pleva, der Sohn Ihres verstorbenen Onkels Jörg Pleva, spielt mit in der Show. Liegt es in den Genen der Plevas, dass sie auf die Bühne drängen?
Nein, ein Bühnenauftritt bedeutet für Anton und mich wie für einen Autoren das Veröffentlichen des Geschriebenen, wie für einen Schreiner der Verkauf des maßangefertigten Schrankes. Es muss irgendwann sein, aber nicht, weil wir Pleva heißen, sondern weil wir uns dafür entschieden haben, in unserem Beruf Farbe zu bekennen. Sonst bliebe der Tanz eine tänzerische Gymnastik, die Kolumne ein Tagebucheintrag, und der Keller des Schreiners wäre irgendwann überfüllt. Und es gibt übrigens jede Menge Plevas, die mit der Bühne nichts zu tun haben und in ganz anderen Berufen glücklich sind.
Sie führen die Ballettschule Pleva nach Ihrer Großmutter und Mutter in der dritten Generation. Was hat sich im Laufe der vielen Jahre im Ballettunterricht geändert?
Das Handwerk, die Platzierung des Skelettes, die Grundpositionen und Bewegungen, das alles ist immer noch das Gleiche. Allerdings ist etwa durch Pina Bausch damals und Eric Gauthier heute choreografisch gesehen einiges mehr möglich. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Tanzstilen und anderen Darstellungsformen verschwinden immer mehr, und neue Bewegungen können mit anderen Genre verbunden, entwickelt und der heutigen Zeit angepasst werden.
Tritt Ihre Tochter in Ihre Fußstapfen, sozusagen in Ihre Spitzenschuhe?
Meine Tochter entscheidet selbst, ob sie die Ballettschule übernimmt oder nicht. Und dafür ist es noch viel zu früh. Sie tanzt und schauspielert sehr gern. Aber ihr Hauptjob wird noch einige Jahre die Schule sein, und wenn die geschafft ist, wird man weitersehen. Die Zeit, die neben der Schule übrig bleibt, ist seit dem G 8 so knapp geworden, dass es für mich eine große Freude ist, dass sie im Programm mitmachen will und Zeit und Kraft zu Proben hat.
Ihre Großmutter war eine emanzipierte Frau, die ihren Berufstraum verwirklicht hat. Das war früher ungewöhnlich. Was für Erinnerungen haben Sie?
Meine Großmutter Anni Marks-Pleva war eine starke, herzliche Frau, die privat und beruflich einen großen Einfluss auf mich hatte. Sie eröffnete die erste Fachschule für Bühnentanz zu einer Zeit, in der Frauen in Deutschland die Erlaubnis des Ehemannes brauchten, um arbeiten zu dürfen. Sie tanzte und sang leidenschaftlich gern, liebte ihre Familie, ihren Beruf, ihre Unabhängigkeit. Sie beschützte ihre Schüler und Schülerinnen wie ihre eigenen Kinder, förderte sie und verhalf denen, die Tanz zum Beruf machten, zu Engagements.
Stuttgart ist eine Ballettstadt.
Als die Cranko-Schule in den 1970ern eröffnet wurde, schickte meine Großmutter viele dorthin, weil sie wusste, dass eine private Ballettschule nicht die Ausbildung bieten kann, die in einer staatlichen Schule mit angeschlossenem Internat möglich ist und die der international gewordene Markt erfordert. In dieser Zeit entwickelte meine Mutter Doris Pleva das Fach Tanzkabarett und die Pleva-Technik, mit der die Schüler ohne extreme Gelenkigkeit gesund „platziert“ werden können. Dabei half meine Großmutter aktiv mit bis zu ihrem Tod.
Wird es nach „Adam und Pleva“ noch weitere Programme von Ihnen im Renitenz geben?
Das wird die Zukunft zeigen. Wir denken im Moment nur bis zur Premiere. „Adam und Pleva“ ist ein Programm, das zwei- bis dreimal jährlich meinen Schülerinnen die Möglichkeit zu einem Auftritt geben kann. Für den persönlichen Reifungsprozess sind regelmäßige Auftritte sehr wichtig, und natürlich vor allem für diejenigen, die Tanz als berufliche Grundlage brauchen. Aber auch für jedes Referat in der Schule ist Routine, vor Menschen zu stehen, wichtig. Es ist gut, auf der Bühne des Lebens eine Rolle zu spielen.
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